Kein Polizeischutz für die Überwältiger Al-Bakrs

Merkel fordert Aufklärung von Al-Bakr-Selbstmord

Freitag, 14. Oktober 2016 | 18:02 Uhr

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nach dem Selbstmord des mutmaßlichen IS-Attentäters Jaber al-Bakr im Leipziger Gefängnis vollständige Aufklärung gefordert. In der Justizvollzugsanstalt sei offensichtlich “etwas schiefgelaufen”, und es habe Fehleinschätzungen gegeben, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin.

“Wichtig ist, dass gründlich untersucht wird, was ist falsch gelaufen, was ist falsch eingeschätzt worden.” Entsprechenden Forderungen des Innenministers schließe sich auch die Bundeskanzlerin an.

Seibert sagte, der Selbstmord eines Häftlings sei immer schlimm. Im Fall von Al-Bakr komme hinzu, dass die Arbeit der Ermittler durch den Tod des 22-jährigen Syrers schwieriger werde. Dies betreffe sowohl die Frage nach möglichen Hintermännern als auch den Weg der Radikalisierung von Al-Bakr. Seibert betonte in diesem Zusammenhang die gute Zusammenarbeit mit ausländischen Geheimdiensten, durch die es gelungen sei, den mutmaßlichen Selbstmordattentäter zu identifizieren.

Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere forderte ebenfalls eine gründliche Aufklärung. “Die Verantwortlichen wissen selbst am besten, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt”, sagte der Minister am Freitag in Wiesbaden. Noch gebe es kein vollständiges Bild zu dem Fall.

Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow hat Forderungen der Opposition nach seinem Rücktritt zurückgewiesen. Auch Ministerpräsident Stanislaw Tillich hat personelle Konsequenzen vorläufig abgelehnt. Politiker aller Parteien haben den sächsischen Behörden Versagen vorgeworfen, nachdem sich Al-Bakr am Mittwochabend in seiner Zelle stranguliert hatte.

Die Obduktion des Leichnams bestätigte unterdessen, dass der 22-jährige Syrer durch Erhängen starb. Dies erklärte die Staatsanwaltschaft Leipzig am Freitag. Al-Bakr soll einen Anschlag auf einen Berliner Flughafen geplant haben.

Die drei Syrer, die den Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr gefesselt der Polizei in Leipzig übergaben, erhalten unterdessen nach eigenen Angaben Morddrohungen von Sympathisanten der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Die Polizei schütze sie aber nicht, sagten die Männer der “Bild”-Zeitung aus Berlin.

Zu Angaben, nach denen Al-Bakr vor seinem Suizid in der Untersuchungshaft noch sagte, die Syrer hätten von seinen Anschlagsplänen gewusst, erklärte einer von ihnen, Al-Bakr habe sich an ihnen rächen wollen, weil sie ihn der Polizei übergeben hatten. Die Ermittler hatten die Männer am Montag vernommen und freigelassen.

Nach Recherchen der “Welt am Sonntag” bekamen deutsche Sicherheitsbehörden vor der Ergreifung des Verdächtigen einen entscheidenden Hinweis von einem US-Geheimdienst. Demnach soll der fragliche Dienst mehrere Telefongespräche von Al-Bakr mit einem Kontaktmann der IS-Terrormiliz in Syrien abgehört haben. Darin soll der 22-jährige Asylbewerber über seine Anschlagspläne gesprochen haben, schreibt das Blatt unter Berufung auf Ermittlerkreise. Außerdem habe der Syrer ein mögliches Anschlagsziel genannt: Ein “großer Flughafen in Berlin” sei “besser als Züge”.

Al-Bakr erhängte sich am Mittwoch in seiner Gefängniszelle in Leipzig. Er war nach einer Fahndung in der Nacht auf Montag wegen mutmaßlicher Anschlagspläne festgenommen worden. In einer von ihm genutzten Wohnung in Chemnitz wurden eineinhalb Kilogramm hochexplosiven Sprengstoffs gefunden.

Von: APA/dpa/ag.

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