Die Auseinandersetzung mit Migration sollte rationaler werden

Migrations-Experte: Negative Aspekte in Medien überbetont

Mittwoch, 20. Dezember 2017 | 06:30 Uhr

Gervais Appave von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kritisiert die Überbetonung negativer Aspekte in der Berichterstattung über Migration. Der Berater des IOM-Generaldirektors begrüßt im APA-Interview zwar die gestiegene Aufmerksamkeit für Fragen der Migration, wünscht sich aber “eine tiefere und rationalere” Auseinandersetzung mit dem Thema.

Appave bringt Verständnis dafür auf, dass negative und Aufsehen erregende Geschichten prominent platziert werden, denn oft seien diese besonders dramatisch und berührend: “Die Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, oder die Menschen, die in den Gefangenenlagern in Libyen festsitzen”. Man brauche aber auch eine “rationale Auseinandersetzung” darüber, was “Migration bedeutet und wie sie die Zukunft unserer Welt gestaltet.” Die Chancen, die Migration biete, würden medial kaum belichtet.

Der Diskurs über Migration sei von Ängsten geprägt. Dies hat laut Appave mehrere Gründe. “Zunächst kämpfen die Industriestaaten noch immer mit der Wirtschaftskrise.” Mit höheren Wachstumsraten wäre die Stimmung “ganz anders”. “Die lokale Bevölkerung fühlt sich ein wenig verletzlich und bedroht. Das hat vielleicht weniger mit der Realität als mit der Wahrnehmung zu tun.” Aber es gebe auch eine “Realität der Wahrnehmungen”.

Ein anderer Grund sei, dass sich die “Mobilität auf der Welt unglaublich schnell erhöht” habe. Das stelle nationale Identitäten und alte Gewissheiten infrage. Außerdem sei das “sensible Thema” Migration “leider” zu einem “politischen Spielball” geworden. “Es ist ein Thema, das Wahlen entscheiden kann.” Dies stehe einer rationalen Suche nach effizienten Lösungen im Wege.

Generell zeigte sich Appave gegenüber der APA aber optimistisch, dass die Herausforderungen gemeistert werden können. In diesem Zusammenhang strich er den globalen Flüchtlings- und Migrationspakt der UNO hervor, der seit dem Vorjahr ausgearbeitet wird. “Für uns Praktiker war das eine echte Kehrtwende, etwas Großartiges, das vor fünf Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre.”

Der OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, Harlem Desir, spricht sich für einen Journalismus aus, der in Migrationsfragen ein möglichst “vollständiges Bild der komplexen Realität” zeichnet. Das heiße, faktenbasiert auf “Vorurteile oder Ängste” zu reagieren. Gleichzeitig sollen aber auch die Probleme beleuchtet werden, die mit Migration einhergingen, sagte Desir im APA-Interview.

“Migration ist ein Gebiet, wo Fakten und Wahrnehmung sehr häufig auseinanderklaffen”, sagte Desir. Eine rezente Studie zeige etwa, dass die Menschen in Europa die Zahl der Migranten in ihrem Land systematisch und deutlich überschätzen. “Es passiert auch sehr häufig, dass die Angst vor Einwanderern in Gegenden, wo diese kaum präsent sind – in kleinen Dörfern oder kleinen Städten etwa -, viel größer ist als in den Metropolen, wo die meisten Migranten leben.”

Diese Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität gelte es zu überwinden, wobei die Medien eine besondere Verantwortung hätten. Mediale Bilder könnten Gefühle auslösen, etwa “das Gefühl, eine ‘Invasion’ zu erleben und vor einer nicht kontrollierten Situation zu stehen”. Gleichzeitig könnten sie auch das Gegenteil erreichen: Das Bild eines ertrunkenen syrischen Babys habe 2015 eine Welle des Mitgefühls und der Solidarität ausgelöst, so Desir.

“Die Medien stehen vor einer schwierigen Herausforderung.” Einerseits müssten sie offen sein für die Probleme, die mit der “massiven Ankunft von Migranten” verbunden seien. Andererseits dürften sie aber auch nicht vergessen, dass es um menschliche Schicksale gehe. Die Antwort auf diese Herausforderung sei ein “ethischer Journalismus”, so Desir. Darunter versteht er eine Berichterstattung, die mit überprüften Daten und Fakten arbeitet und verschiedene Blickwinkel berücksichtigt. Man müsse vor allem auch auf die Bevölkerung hören, die Flüchtlinge oder Migranten aufnehme, und auch negative Entwicklungen thematisieren, etwa das Schlepperwesen. Die komplexe Realität müsse möglichst vollständig abgebildet werden, so Desir.

Es sei aber oft kompliziert, mit “Zahlen und Fakten” gegen “Vorurteile und Ängste” zu argumentieren. Manchmal sei es “notwendig, in der Lage zu sein, eine Gegendiskurs zu produzieren”. “Und da ist das Risiko groß, dass das als politisch-korrekter Wunsch wahrgenommen wird, die Probleme kleinzureden. Hier liegt die Schwierigkeit für Journalisten.” Eine Antwort auf die “Hass-Kampagne gegen die Einwanderer, auf die Vereinfachung und Demagogie” könne jedenfalls nur ein unabhängiger, ethischer und freier Journalismus liefern, gibt sich Desir überzeugt.

Harlem Desir ist seit Juli diesen Jahres OSZE-Beauftragter für Medienfreiheit. Zuletzt war er Staatssekretär für Europafragen im französischen Außenministerium. Die Bestellung des französischen Sozialisten (PS) zum Medienfreiheitsbeauftragen war nicht unumstritten. Laut Medienberichten war der langjährige Europaparlamentarier (1999-2014) und kurzzeitiger PS-Vorsitzender (2012-2014) insbesondere Russland zu links.

Dass sich die Verhältnis zu Russland weiterhin schwierig gestaltet, zeigte sich auch im APA-Interview. Das russische Gesetz, das Medien als ausländische Agenten einstuft, sei “sehr schlecht”, die Lage vieler unabhängiger Medien “sehr besorgniserregend”, sagte Desir. Er hoffe aber, dass er in dem “herausfordernden Dialog” mit Russland in den nächsten Monaten ein Stück “vorankommen” werde.

Desir war als Europaparlamentarier ein großer Befürworter der Sanktionen gegen Österreich im Jahr 2000. Auf die Neuauflage der schwarz-blauen Koalition angesprochen, wollte sich Desir nicht konkret äußern. “Ich bin heute in einer neuen Funktion. Also würde ich meine Äußerungen von damals, die zu einer anderen Zeit und in einem anderen Kontext gefallen sind, nicht wiederholen. Ich werde mit Österreich so zusammenarbeiten wie mit allen anderen OSZE-Staaten auch.”

Von: apa