Wasser ist durch die Dürre Mangelware

Millionen hungern in Afrika – Warum fehlt es an Spenden?

Sonntag, 02. Juli 2017 | 10:12 Uhr

Fatima Abdulaziz hatte 30 Ziegen. Alle hat sie an die Dürre verloren. “Ich habe nichts mehr”, sagt die Äthiopierin. Sie habe ihr Dorf verlassen und sei mit ihren sechs Kindern 70 Kilometer weit gekommen, um nach Wasser und Hilfsmitteln zu suchen. Abdulaziz ist eine von rund 50.000 Menschen, die in der Warder-Zone im extremen Osten Äthiopiens Zuflucht gesucht haben – getrieben vom Hunger.

“Es ist schwer, die Dimension des Problems wirklich zu begreifen”, sagt Jane Howard vom Welternährungsprogramm (WFP). Mehr als 26 Millionen Menschen am Horn von Afrika haben der UNO zufolge nicht genug zu essen. In vier Ländern – im Südsudan, in Nigeria, in Somalia und im Jemen – droht die verheerendste Form der Hungerkrise, eine Hungersnot. Der UNO-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien nannte dies die schlimmste humanitäre Krise seit 1945.

Beim Gipfel der G-7-Staaten im sizilianischen Taormina im Mai zeigten sich die sieben reichen Industrienationen “tief besorgt” über die Hungerkrisen – machten aber keine konkreten finanziellen Zusagen zur Bekämpfung des Hungers. Das könnte beim G-20-Treffen in Hamburg am 7. und 8. Juli anders sein: Erstmals soll Afrika ein Schwerpunktthema bei einem Gipfel sein.

Ein Faktor der Hungerkrisen ist Dürre. Das Horn von Afrika erlebt seit Jahren – angekurbelt vom Klimawandel – immer öfter Trockenzeiten. Kleinbauern und Hirten sind vom Mangel an Wasser und Weiden am meisten betroffen, wie die UNO-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation erklärt. Sie könnten sich zwischen den Dürreperioden kaum erholen. Doch nur eine der vier großen Hungerkrisen derzeit wurde primär von der Dürre ausgelöst – die in Somalia. “Die anderen drei sind das Ergebnis von Konflikten”, sagt Howard.

Im Südsudan herrscht seit mehr als drei Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Rund 3,8 Millionen Menschen sind der UNO zufolge in andere Teile des Landes oder in Nachbarländer geflohen. Und Flucht bedeutet, die eigene Lebensgrundlage – Land, Tiere oder Job – zurückzulassen und von Hilfsmitteln angewiesen zu sein.

Im jüngsten Staat der Welt wurde im Juni eine viermonatige Hungersnot im Bundesstaat Unity für beendet erklärt, die Lage in anderen Teilen des Landes hat sich Hilfsorganisationen zufolge aber verschlechtert. Eine Hungersnot wird nur dann ausgerufen, wenn Hunderte oder Tausende Menschen an Mangelernährung sterben und mindestens 30 Prozent der Bevölkerung akut unterernährt sind.

Im Nordosten von Nigeria – einer ohnehin armen Gegend – wurde die Krise durch den Terror von Boko Haram ausgelöst. Die islamistischen Extremisten terrorisieren die Bevölkerung seit 2009, zwei Millionen Menschen sind geflohen. Und im Jemen hat ein seit 2014 tobender Bürgerkrieg rund drei Millionen Menschen in die Flucht getrieben.

“Wenn wir das Geld und den Zugang zu den Menschen haben, können wir eine Hungersnot verhindern”, sagt Howard. Das habe man im Südsudan gezeigt. Allerdings: Die Spendengelder reichen nicht aus, bei weitem nicht. Von den von der UNO benötigten 4,9 Milliarden Dollar (4,3 Milliarden Euro) für Nigeria, den Jemen, den Südsudan und Somalia sind weniger als die Hälfte zusammengekommen. Die für das Horn von Afrika benötigten 8,3 Milliarden Dollar sind nur zu 25 Prozent eingegangen.

“Es werden zwar rekordartige Summen gespendet”, sagt Howard. Das Welternährungsprogramm hatte demnach im vergangenen Jahr mehr Geld zur Verfügung als je zuvor. “Aber das Problem ist, dass die Bedürfnisse auch in die Höhe geschossen sind.” In Somalia etwa musste das WFP nach eigenen Angaben deswegen die Essensrationen kürzen, in Nigeria konnten die Helfer nur deutlich weniger Menschen als geplant versorgen.

Dass Afrika nun beim G-20-Gipfel prominent auf der Tagesordnung steht, begrüßen Hilfsorganisationen. Bereits Mitte Juni hatte Kanzlerin Angela Merkel verkündet, sie wolle mit 300 Millionen Euro in diesem Jahr einigen reformorientierten afrikanischen Ländern helfen, Privatinvestitionen anzukurbeln. Dies sehen Hilfsorganisationen als positiv.

“Aber dies allein wird die Probleme in Afrika nicht lösen”, sagt die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Dieckmann. Drei von vier Hungernden in Afrika lebten auf dem Land. “Man muss weiterhin ländliche Armut bekämpfen.” Der Kampf gegen den Hunger dürfe beim G-20-Gipfel nicht übersehen werden. Denn gerade jetzt sei die Situation in den vier großen Krisenländern kritisch, so Howard. In den meisten beginne die “Hungerzeit” – die Periode, in der die letzte Ernte aufgebraucht wurde, die neue Ernte aber noch nicht bereit steht.

Von: APA/dpa

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