Immer mehr flüchten aus Myanmar

Mindestens 73.000 Rohingyas flohen nach Bangladesch

Sonntag, 03. September 2017 | 13:53 Uhr

Die Lage der muslimischen Rohingyas in Südostasien verschärft sich täglich. Nach der Gewaltwelle in der Unruheprovinz Rakhine in Myanmar flohen bis Sonntag mindestens 73.000 Menschen ins Nachbarland Bangladesch. Hunderte weitere sind laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR noch auf dem Weg zur Grenze. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres warnte vor einer humanitären Katastrophe.

Freiwillige an Ort und Stelle leisteten Nothilfe. Viele Rohingyas würden vorerst in Schulen und Gemeindezentren untergebracht, sagte der UNHCR-Sprecher in Dhaka, Joseph Tripura, der Deutschen Presse-Agentur.

Nach dem Tod von fast 400 Menschen binnen einer Woche rief Guterres die Sicherheitskräfte des Landes zur Zurückhaltung auf. Guterres zeigte sich “zutiefst besorgt über Berichte von Exzessen” bei Einsätzen von Sicherheitskräften des südostasiatischen Landes in Rakhine. Die Armee hatte zuvor mitgeteilt, bei Kämpfen seien innerhalb einer Woche 370 “Terroristen” der muslimischen Minderheit der Rohingya getötet worden. Zudem seien 15 Sicherheitskräfte und 14 Zivilisten getötet worden.

Berichte von Flüchtlingen aus der Region deuten darauf hin, dass die tatsächliche Opferzahl wesentlich höher liegt. Das Gebiet ist für Reporter verboten, doch gibt es Zeugenberichte über Massentötungen durch beide Konfliktparteien und niedergebrannte Dörfer.

Regierungsberichten vom Samstag zufolge wurden vergangene Woche mehr als 2.600 Häuser in der überwiegend von Angehörigen der muslimischen Minderheit bewohnten Region Myanmars niedergebrannt. In Regierungskreisen wird die bewaffnete Rohingya-Gruppe Arsa für die Brandanschläge verantwortlich gemacht. Die Arsa hatte sich zu Angriffen auf Militärposten bekannt, die eine große Gegenoffensive der Armee zur Folge hatten.

Die nach Bangladesch geflohenen Rohingyas widersprachen der offiziellen Darstellung. Nach ihren Angaben gibt es eine Kampagne mit Morden und Brandschatzungen der Armee, um sie aus dem Land zu vertreiben. Diese Einschätzung wird auch von der Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch (HRW) unterstützt. Satellitenaufnahmen und Berichte der Flüchtlinge ließen darauf schließen, dass die Sicherheitskräfte absichtlich die Feuer legten und dass der Umfang der Zerstörungen noch weit größer sei als bisher angenommen.

Aus Sicherheitsgründen stellte das Welternährungsprogramm (WFP) Hilfslieferungen in Rakhine ein. Bereits seit Mitte Juli konnten im Norden der Provinz keine Lebensmittel mehr verteilt werden, seit vergangener Woche seien auch Lieferungen im Zentrum nicht mehr möglich, teilte das WFP am Samstag in Rom mit. Rund 250.000 Hilfsbedürftige könnten nun nicht mehr unterstützt werden. Die Behörden des Landes verdächtigen Hilfsorganisationen immer wieder, auf der Seite der Rohingya-Rebellen zu stehen.

Der Konflikt in Myanmars westlichem Bundesstaat Rakhine war vor einer Woche erneut eskaliert, nachdem Rohingya-Rebellen Polizei- und Armeeposten im Norden der Provinz angegriffen hatten. Zigtausende Menschen flohen aus Rakhine ins benachbarte Bangladesch. Dutzende Menschen ertranken bei Bootsunglücken auf dem Grenzfluss Naf, tausende sitzen an der Grenze fest.

Weite Teile der buddhistischen Mehrheit in Myanmar betrachten die muslimischen Rohingya als illegale, staatenlose Einwanderer aus Bangladesch, obwohl viele von ihnen schon seit Generationen in Myanmar leben. Die in bitterer Armut lebenden Muslime gelten als eine der am stärksten verfolgten Minderheiten der Welt.

Bangladesch verstärkte unterdessen seine Sicherheitsvorkehrungen an der Grenze. Das Land beherbergt nach eigenen Angaben bereits 400.000 Rohingyas und will keine weiteren Flüchtlinge aufnehmen.

Von: APA/dpa