Armee geht gegen Rohingyas vor

Möglicherweise bereits mehr als 1.000 Tote in Myanmar

Freitag, 08. September 2017 | 14:41 Uhr

Bei den schweren Gefechten in Myanmar sind bisher womöglich mehr als doppelt so viele Menschen getötet worden wie offiziell bestätigt. Die Regierung habe die Zahl “höchstwahrscheinlich unterschätzt”, sagte die UNO-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte in Myanmar, Yanghee Lee, am Freitag. Die meisten Todesopfer seien Mitglieder der muslimischen Rohingya-Minderheit.

Zugleich erhöhte sich die Zahl der binnen zwei Wochen registrierten Flüchtlinge auf mehr als eine Viertel Million. In Bangladesch seien in den vergangenen zwei Wochen mindestens 270.000 Muslime aus dem Nachbarland eingetroffen, berichteten die Vereinten Nationen am Freitag in Genf. Das sind rund 100.000 mehr als bisher angenommen.

“Wahrscheinlich sind rund tausend oder mehr schon tot”, sagte die UNO-Sonderbeauftragte unter anderem unter Verweis auf Berichte von Augenzeugen. Sie habe aber “unglücklicherweise” keinen Zugang, um die Zahlen zu überprüfen. Sie fürchte, dass es “eine der schlimmsten Katastrophen werden könne, die die Welt und Myanmar in den vergangenen Jahren gesehen haben”.

Nach Angaben der Behörden wurden bisher 432 Menschen bei den schweren Kämpfen zwischen Armee und Rohingya-Rebellen getötet, darunter 387 Rebellen, rund 30 Zivilisten und 15 Sicherheitskräfte. Am Donnerstag teilten die Behörden mit, 6.600 Häuser von Rohingya und 201 Häuser von Nicht-Muslimen seien seit dem 25. August niedergebrannt worden.

Im westlichen Bundesstaat Rakhine liefern sich Armee und Rohingya-Rebellen seit dem 25. August schwere Kämpfe. Die Rohingya gelten als eine der am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. Weite Teile der buddhistischen Mehrheit in Myanmar betrachten sie als illegale, staatenlose Einwanderer aus Bangladesch, obwohl viele der Rohingya schon seit Generationen in Myanmar leben.

Die Zahl der Rohingya, die binnen zwei Wochen ins benachbarte Bangladesch flüchteten, erhöhte sich nach Angaben der UNO von 164.000 auf 270.000. Ein Grund für den starken Anstieg sei eine genauere Erfassung der Flüchtlinge in bisher nicht berücksichtigten Gebieten, erklärte eine Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks. Zudem seien allein am Mittwoch mindestens 300 Boote aus Myanmar in Bangladesch angekommen. Viele Menschen ertranken auf der Flucht, unter ihnen viele Kinder.

Scharfe Kritik übte UNO-Sonderberichterstatterin Lee an der Friedensnobelpreisträgerin und faktischen Regierungschefin Myanmars, Aung San Suu Kyi. Viele Menschen sähen in ihr “eine wichtige moralische Stimme”, doch Suu Kyi sei “eine Politikerin durch und durch”, für die das wichtigste Ziel die Wiederwahl sei. “Ich denke, wir müssen unsere Erinnerungen an die inhaftierte Ikone der Demokratie löschen.”

Suu Kyi steht wegen der Unterdrückung der muslimischen Rohingya-Minderheit zunehmend in der Kritik: Hunderttausende Menschen unterzeichneten bereits eine Online-Petition mit der Forderung, ihr den Friedensnobelpreis wieder abzuerkennen.

Auch der frühere Direktor des norwegischen Nobel-Instituts ist von Suu Kyi enttäuscht. “Ich bin sehr enttäuscht von ihrer Haltung”, sagte Geir Lundestad am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. “Sie sieht dies einfach nur als eine Frage von Terrorismus, und sie hat keine Bemühungen unternommen, in dieser sehr schwierigen Lage eine politische Lösung zu finden.” Ihre Auszeichnung aus dem Jahr 1991 könne Suu Kyi gemäß den Statuten der Nobel-Stiftung aber nicht aberkannt werden, betonte er.

Zu den Kritikern zählt auch der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu. In einem Brief “an seine geliebte jüngere Schwester” schrieb er, die Bilder der leidenden Rohingya erfüllten ihn mit “Schmerz und Furcht”. Sie als “ein Symbol der Rechtschaffenheit” könne nicht an der Spitze eines Landes stehen, in dem dies geschehe.

Suu Kyi hatte die Kritik an ihrem Land in der Flüchtlingskrise Anfang der Woche zurückgewiesen und erklärt, diese basiere auf “Fehlinformationen”. Auf die Flüchtlinge ging sie mit keinem Wort ein.

Von: APA/ag.

Kommentare

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4 Kommentare auf "Möglicherweise bereits mehr als 1.000 Tote in Myanmar"


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Superredner
15 Tage 6 h

Gewalt gegen Christen oder sonstigen Religionen, alle verurteilen eine ganze Religion.
Gewalt gegen Muslime, kein einziges Kommentar…

Mistermah
Mistermah
Superredner
15 Tage 5 h

Beschäftige dich zuerst mit der Geschichte myanmars. Dort gibt es seit Jahrzehnten Konflikte verschiedenstener ethnien und Religionen. Christen sind auch darunter. Wenn dann alle Opfer ansprechen bitte.

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Superredner
15 Tage 3 h

@Mistermah In diesem Fall werden Muslime verfolgt. Aber Ausreden suchen ist wie immer einfacher!

zombie1969
zombie1969
Superredner
13 Tage 9 h
Wie Myanmar werden z. B. auch China, Thailand oder die Philippinen von muslimischen Extremisten bedroht. Und es ist da auch egal, in welcher Kultur das stattfindet. China ist zum grossen Teil areligiös, Thailand und Myanmar sind buddhistisch und die Philippinen sind katholisch. Es gehört zur langfristigen Strategie der Muslime, unter welchen Voraussetzungen und Umständen auch immer, Land für Land durch Separatismus, Terrorismus und biologische Vermehrung zu destabilisieren. Dazu benötigt man natürlich muslimische Hassprediger, die die Anhänger auf Linie trimmen. Allerdings kommt für die Muslime in Südostasien erschwerend hinzu, das im Falle Myanmar, Thailand und den Philippinen dem Islam keine laizistischen… Weiterlesen »
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