Mariupol gilt für Moskau als praktisch eingenommen

Moskau will volle Kontrolle über Donbass und Südukraine

Samstag, 23. April 2022 | 02:55 Uhr

Mit seiner Offensive im Osten der Ukraine strebt Russland nach Darstellung seines Militärs die volle Kontrolle über den Donbass und einen Landkorridor zur annektierten Halbinsel Krim an. Dies solle im Rahmen einer zweiten Phase des Militäreinsatzes geschehen, zitierte die Nachrichtenagentur Interfax am Freitag den Vize-Kommandant des zentralen Militärbezirks Russlands, Rustam Minnekajew. So könne eine “Landverbindung” zur Krim und nach Transnistrien geschaffen werden.

“Die Kontrolle über den Süden der Ukraine ist ein weiterer Weg, um nach Transnistrien zu gelangen, wo auch Diskriminierung russischsprachiger Einwohner zur Kenntnis genommen werden. Allem Anschein nach kämpfen wir jetzt gegen die ganze Welt, wie es während des Großen Vaterländischen Krieges war. Europa, die ganze Welt war gegen uns.” Und jetzt gehe es weiter, sagte Minnekajew. Minnekajew deutete an, dass auch in Transnistrien die Interessen der russischsprachigen Bevölkerung verteidigt werden sollen.

Transnistrien ist eine abtrünnige Region im Osten der Republik Moldau. Das kleine Land grenzt im Westen an das EU- und NATO-Mitglied Rumänien und im Osten an die Ukraine. Die Region Transnistrien hat sich von Moldau losgesagt und wird darin von Russland unterstützt. International anerkannt ist das nicht. Moldau hat zahlreiche Flüchtlinge aus der Ukraine aufgenommen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow wollte die Frage, ob die “Operation” nun ausgeweitet werde, nicht kommentieren. Er verwies an das Verteidigungsministerium, das zuvor erklärt hatte, sich auf den Osten der Ukraine zu konzentrieren. Dort sollen die Gebiete Luhansk und Donezk komplett der ukrainischen Kontrolle entrissen werden.

Die Ukraine bezeichnete die Pläne Russlands, die vollständige Kontrolle über den Donbass im Osten sowie über den Süden des Landes zu übernehmen, als Imperialismus. “Sie verbergen ihn nicht mehr”, erklärte das Verteidigungsministerium in Kiew auf Twitter. Russland habe “bestätigt, dass das Ziel seiner ‘zweiten Phase’ des Krieges nicht der Sieg über die mythischen Nazis ist, sondern schlicht die Besetzung der Ost- und Südukraine. Imperialismus, wie er ist.”

Unterdessen erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau, dass sich die Lage in der in Schutt und Asche gelegten ostukrainischen Hafenstadt Mariupol “normalisiert” habe. “Die Bewohner der Stadt haben die Möglichkeit bekommen, sich wieder frei auf der Straße zu bewegen”, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Freitag. Die Reste der ukrainischen Kämpfer des ukrainischen Asow-Bataillons, die er als Nazis bezeichnete, und der “Söldner aus den USA und europäischen Ländern” seien auf dem Gelände des Stahlwerks Azowstal eingeschlossen.

Präsident Wladimir Putin hatte seinen Verteidigungsminister am Donnerstag angewiesen, den riesigen Komplex abzuriegeln, “damit nicht einmal eine Fliege durchkommt”. In den Bunkeranlagen des Werks sollen sich nach Kiewer Angaben noch etwa 1.000 Zivilisten aufhalten. Russland und die Ukraine warfen einander gegenseitig vor, Zivilisten am Verlassen des belagerten Stahlwerks in Mariupol zu hindern.

Am späten Freitagabend meldete Kiew aber, dass eine Evakuierung aus Mariupol doch stattfinden könnte. “Es besteht die Möglichkeit, dass wir in der Lage sein werden, einen humanitären Korridor aus Mariupol zu öffnen”, teilte die Vizeregierungschefin Iryna Wereschtschuk am späten Freitagabend auf Facebook mit.

Wereschtschuk nannte als Sammelpunkt für 10.00 Uhr am Samstag ein Einkaufszentrum im Norden der Stadt, das direkt an einer der Ausfahrtsstraßen liegt. Sie schrieb weiter, dass Fluchtkorridore aus der Stadt bereits mehrmals gescheitert seien und dass sie verstehe, wie schwer dies für die Menschen sei. “Sie und ich müssen es aber so oft versuchen, bis es klappt.” Konkrete Details wolle sie am Samstagmorgen mitteilen.

Unterdessen zeigten neue Satellitenbilder nahe der belagerten Hafenstadt dem Betreiber Maxar zufolge mehrere lange Gräben, die wahrscheinlich als Massengräber dienen. Die Gräben befänden sich auf einem Feld neben einem existierenden Friedhof in der Ortschaft Manush, auf dem erst kürzlich mehr als 200 neue Gräber entdeckt worden seien, teilte das US-Unternehmen mit.

Putin ist am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert mit dem erklärten Ziel, das Land zu entmilitarisieren und zu “entnazifizieren”, was Kiew und der Westen als unbegründete Kriegspropaganda zurückgewiesen haben.

Um die ganze Schwarzmeer-Küste einzunehmen, fehlen den russischen Truppen noch rund 300 Kilometer. 250 Kilometer haben sie bereits eingenommen, darunter das Gebiet Cherson. Von dort aus sind es noch etwa 120 Kilometer bis in die Millionenstadt Odessa, wo die russischen Truppen besonders harter ukrainischer Widerstand erwarten dürfte. Das Gebiet ist russischsprachig wie der Donbass. Russland sieht das mit Rückgriff auf die Zarenzeit als seine ursprünglichen Gebiete an.

Unklar ist aber, ob die russischen Streitkräfte angesichts vieler Rückschläge in der Lage sind, solche Gebiete zu erobern. Für den Süden gibt der ukrainische Militärexperte Oleh Schdanow vorerst Entwarnung. “Im Süden gibt es keine Gruppierung, die heute Mykolajiw, danach Wosnessensk einnehmen und danach bis Odessa gelangen könnte”, sagte der Militärexperte. “Die Schwarzmeerflotte kann heute faktisch keine Landungsoperation durchführen”, meinte er.

Seit dem Abzug russischer Truppen vor mehr als drei Wochen sind im Gebiet Kiew nach Polizeiangaben bisher mehr als 1.000 Leichen gefunden worden. “Gerade beträgt die Zahl der Toten 1.084, die von Ermittlern untersucht und zur Gerichtsmedizin gebracht wurden”, sagte der Polizeichef der Hauptstadtregion, Andrij Njebytow, am Freitag im ukrainischen Fernsehen. Es handle sich um Zivilisten, die in keiner Beziehung zur Gebietsverteidigung oder anderen militärischen Verbindungen gestanden hätten, betonte der Polizeichef.

In der Ukraine häufen sich nach Angaben des UNO-Menschenrechtsbüros Anzeichen für Kriegsverbrechen. Die russischen Streitkräfte hätten wahllos bewohnte Gebiete beschossen und bombardiert und dabei Zivilisten getötet sowie Krankenhäuser, Schulen und andere zivile Infrastrukturen zerstört, berichtete das Büro der Hochkommissarin für Menschenrechte, Michelle Bachelet, am Freitag in Genf. Neben wahllosen Angriffen und der Verweigerung medizinischer Hilfe gebe es Hunderte Berichte über willkürliche Tötungen und auch über sexuelle Gewalt. Solche Taten kämen Kriegsverbrechen gleich.

“Es gibt bereits ein Blutbad (in der Ukraine)”, sagte die Sprecherin des Büros, Ravina Shamdasani. “Wir schauen besorgt auf das, was als nächstes kommt. Auch ein Krieg habe Regeln, und sie müssen respektiert werden.”

Von: APA/Reuters/dpa/AFP/TASS

Kommentare

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32 Kommentare auf "Moskau will volle Kontrolle über Donbass und Südukraine"


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wellen
wellen
Universalgelehrter
29 Tage 17 h

Wieder eine Schlappe für Putin.

sophie
sophie
Kinig
29 Tage 15 h

@wellen
Die verrlogenen Russen mit Oberst Henker Putin,
Und seine Greuelgefolgen…..

Doolin
Doolin
Kinig
28 Tage 19 h

@sophie …Putin ist ein Massenmörder…

Pacha
Pacha
Superredner
28 Tage 14 h

@sophie……bevor man ein Urteil fällt, sollte man sich über die Lage vor Ort ein Bild machen
https://youtu.be/DAJznP_raYs

Zugspitze947
28 Tage 10 h

Pacha:dümmer gehts wohl nimmer ?:-(

sophie
sophie
Kinig
28 Tage 7 h

@Pacha
👎👎

sophie
sophie
Kinig
28 Tage 7 h

@Zugspitze947
👍👍

N. G.
N. G.
Kinig
29 Tage 18 h

Was auch immer Putins Strategie ist, nachvollzogen kann sie nicht werden!

primetime
primetime
Kinig
28 Tage 20 h

Mittlerweile wurde die eigentliche Strategie (einmarschieren und ohne Gegenwind alles übernehmen) über Bord geworfen. Eine neue gibt es nicht mehr. Die Devise heißt jetzt wohl so viel wie möglich einnehmen um nicht ganz als Idiot und Verlierer dazustehen – vor dem eigenen Volk zumindest

N. G.
N. G.
Kinig
28 Tage 19 h

@primetime So ist es! Die Frage ist aber, wie lange zieht Putin das durch. Wochen, Monate….? Die Ukraine ist vielleicht stark genug die Stellungen zu halten aber nicht Russland zurück zu werfen und darin sehe ich das Problem. Also würde es da enden wie im Donbass vor Kriegsbeginn.

honga
honga
Tratscher
28 Tage 18 h

um das jahr 2010 wurden vor der ukrainischen küste grosse gasvorkommen entdeckt. würde die ukraine europa damit beliefern wären wir viel weniger vom russischen gas abhängig. ein drittel des eisenerz in europa kommt auch aus dem gebiet. putin will zufällig genau diese gebiete “befreien”. die ukraine verständlicherweise will diese nicht hergeben. denke putin gibt nicht auf bis er sich diese rohstoffe nicht gesichert hat, um uns noch abhängiger zu machen mit allen kosequenzen.

TirolerSued
TirolerSued
Grünschnabel
28 Tage 15 h

@honga also hat er gut von den Amerikanern gelernt. Die stecken ja auch überall ihre Nase rein wenn es um/wo es Bodenschätze geht/gibt

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
28 Tage 15 h

Wo sind die Putin-Versteher und russischen Trolle? Schämen sie sich endlich für die Massengräber und die Vergewaltigungen, die sie auf der Seite Putins unterstützt haben?

N. G.
N. G.
Kinig
28 Tage 13 h

Tja, wo.sind die Putin Versteher und Trolle!? Das fag ich mich auch! Denn bis auf 2 oder drei definitiv Putin Beführworter hab ich sowas nicht gelesen. Das existiert nur in manchen euer realitätsfernen Köpfe die Kommentare falsch interpretiert!

Neuling
28 Tage 8 h

Die Putin-Schwurbler würden sich nicht mal gegen ihren Kreml-Führer wenden, wenn Verwandte, Frauen oder Kinder von ihnen in den Massengräber begraben wären!! Das nennt man “Nazi-Verherrlichung”! Und das im Jahr 2022… Mir wird spei-übel!

Look_at_Yourself
Look_at_Yourself
Superredner
29 Tage 11 h

Ich hoffe, dass sich der glorreiche Sieg bis zum 9. Mai in eine glorreiche Niederlage für den Diktator verwandelt hat.
Wenn ich der Vorkoster des großen Diktators wäre, würde ich mich langsam nach einem neuen, ungefährlicheren, Job umsehen.

N. G.
N. G.
Kinig
29 Tage 13 h

Ach, man kann sich auch 2 Jahre Stellungskrieg antun. Frage ist nur, wem damit geholfen ist.
Läufts dann wie beim ersten mal im Donbass? Aus den Medien verschwunden und damit ist der Konflikt beendet? In spätestens 2-3 Monaten werden die Berichte weniger und weniger. … und es wird zur Tagesordnung übergegangen. Wie immer!

Savonarola
29 Tage 15 h

das erinnert an die Belagerung von Leningrad….

Hustinettenbaer
29 Tage 16 h

“Abriegelung” 🥴 ?
Blockade zum Verdursten, Verhungern.
Hoffentlich gibt´s unterirdische Gänge.

sophie
sophie
Kinig
28 Tage 15 h

Was heisst hier eigentlich, PUTIN WILL !!!!!!
Ist der Krieg für Putin wie ein Wunschkonzert, er nimmt sich einfach was er will,
Egal wieviel Leid er damit anrichtet…..

NaSellSchunSell
NaSellSchunSell
Tratscher
28 Tage 13 h

Beim Satz “es ist ein weiter Weg bis nach Transnistrien” müssten eigentlich sämtliche Alarmglocken läuten. Ist nach der Ukraine Moldau dran?

falschauer
28 Tage 11 h

genau so ist es er umzingelt die ukraine vom osten über den süden bis zum teil auch mit transnistrien im westen in richtung norden bis nahezu an die rumänische grenze zu moldavien

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
28 Tage 10 h

Dann sollen alle die doch hier immer so abwägen und beide Seiten berücksichtigen, einfach nur einmal ehrlich sein und sagen: “Ja, Russland begeht Massenmord, überfällt seine Nachbarländer, die Russen sind Mörder!”
Wo sind sie jetzt, die vorher die Interessen Russlands vertreten haben?

Zugspitze947
28 Tage 10 h

DAS ist blanke Zerstörungswut und ich hoffe und bete dass der Mörder und Kriegsverbrecher Putin nicht siegt und wie ein begossener PUDEL abziehen muss 😝👌

falschauer
28 Tage 12 h

dass putin nun auch noch transnistrien in moldavien einverleiben will ist etwas ganz neues, er begnügt sich nicht mehr mit der ukraine, welches land wird wohl als nächste zielscheibe dran sein?

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Tratscher
28 Tage 14 h

Minnekajew kennt nicht einmal die eigene Geschichte oder verfälscht sie absichtlich. Im großen Vaterländischen Krieg, wie er ihn nennt, hat nicht die ganze Welt gegen Russland gekämpft, sondern – zurecht – gegen Nazideutschland mit wenigen Verbündeten!

Hustinettenbaer
28 Tage 7 h

Als ich vor ca. 3 Jahren Timothy Snyder las, war ich hin- und hergerissen. Danach war mir zum Diskutieren zumute. Die Leute kannten seine Bücher nicht oder winkten ab, “wie der typische reiche Bekannte, der Hobbyhistoriker geworden sei und einem jetzt ständig in den Ohren liege mit seinen Geschichtsthemen.” Als die Schriftstellerin Masha Gessen im Januar auf diese Aussage des amerikanischen Historikers Timothy Snyders verwies, wusste noch niemand, dass Vladimir Putin genau einen Monat später seine Hobbyhistorik auf die Spitzen treiben würde….”

Ich empfehle den Link auf den Artikel und die Bücher Timothy Snyders.

https://keepitliberal.de/auesseres/putins-maerchenstunde/?cookie-state-change=1650650399671

diskret
diskret
Tratscher
28 Tage 6 h

Grausige menschheit
Alle nix gelernt von 2 welt krieg
Bei uns ist halt ein neid gier und immer mehr materiel gier krieg

N. G.
N. G.
Kinig
27 Tage 12 h

@diskret Lies hier die Kommentare, dann weißt du warums Krieg gibt!
Egoismus pur! Fast ALLE!

Dagobert
Dagobert
Kinig
28 Tage 10 h

A bissl a Hoffnung besteht no, dass die Ukrainer de Russnbestien zrugg in die Wildnis, do wo sie herkemnen, derjogn!

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Tratscher
28 Tage 9 h

Putin verwechselt die Ukraine mit einem Selbstbedienungsladen. So als ob er nach Belieben eine Wunschliste erstellen könnte und andere müssten liefern, was der Zar wünscht.

Sara Lea
Sara Lea
Grünschnabel
28 Tage 11 h

Stellvertretender Kommandeur des Zentralen Militärbezirks Rustam Minnekajew:

“In der zweiten Phase der militärischen Spezialoperation will die russische Armee die vollständige Kontrolle über den Donbass und den Süden der Ukraine erlangen und einen Landkorridor zur Krim schaffen.
Die Kontrolle über die Südukraine würde den russischen Streitkräften einen weiteren Zugang zu Transnistrien verschaffen, “wo es Fälle von Unterdrückung der russischsprachigen Bevölkerung gibt”.

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