Boris Johnson gilt als möglicher Cameron-Nachfolger

Nach Brexit werden Machtkämpfe bei Tories und Labour härter

Dienstag, 28. Juni 2016 | 19:45 Uhr

Nach dem Brexit-Referendum ist sowohl bei den regierenden Tories als auch in der oppositionellen Labour-Partei ein Machtkampf ausgebrochen. Bei Labour verlor Parteichef Jeremy Corbyn klar eine Misstrauensabstimmung in der Fraktion, er will aber trotzdem im Amt bleiben. Bei den Konservativen beginnt am Mittwoch eine nur zweitägige Bewerbungsphase für die Nachfolge von Premier David Cameron.

Für Corbyn stimmten am Dienstag nur 40 Abgeordnete der Labour-Partei, 172 votierten gegen ihn. Allerdings sprach der 67-Jährige dem Votum seine “verfassungsrechtliche Legitimität” ab: “Ich bin von 60 Prozent der Labour-Mitglieder und -Unterstützer demokratisch gewählt worden, um eine neue Politik umzusetzen, und ich werde sie nicht durch meinen Rücktritt verraten”, erklärte der Labour-Chef nach der Abstimmung in einer Aussendung. Bereits zuvor hatte er klargemacht, sich erneut um den Vorsitz zu bewerben, sollte dies nötig werden.

Corbyn steht wegen seines Verhaltens im Vorfeld des Brexit-Referendums in der Kritik, bei dem sich eine Mehrheit der Briten in der vergangenen Woche für ein Ausscheiden aus der EU ausgesprochen hatte. Vertreter des rechten Parteiflügels werfen dem lange euroskeptischen Parteichef vor, nur halbherzig für den Verbleib in der EU geworben und damit viele Wähler aus dem eigenen Lager nicht überzeugt zu haben. Die Parteilinken sprachen dagegen von einem seit längerem geplanten Coup gegen Corbyn.

Seit dem Brexit-Votum hat eine Vielzahl von Labour-Spitzenkräften aus Protest gegen Corbyn das Handtuch geworfen. Der Parteichef verlor innerhalb weniger Tage mehr als die Hälfte der Mitglieder seines Schattenkabinetts.

Bei den regierenden Tories wiederum wird um die Nachfolge von Cameron gerungen. Nach einem Bericht der Webseite “Politico” warf Arbeitsminister Stephen Crabb als erster seinen Hut in den Ring. Crabb habe seine Entscheidung in einer E-Mail den Abgeordneten der Konservativen mitgeteilt.

Der lange als Favorit gehandelte Finanzminister George Osborne kündigte unterdessen an, nicht antreten zu wollen. Er habe “hart” für einen Verbleib in der EU geworben, schrieb Osborne in der “Times”. Obwohl er das Ergebnis des Referendums akzeptiere, sei er daher “nicht die Person, die der Partei die Einigkeit geben kann, die sie braucht”. Auch der 43-jährige Crabb hatte sich gegen den Brexit ausgesprochen.

Cameron, der ebenfalls für den Verbleib in der EU geworben hatte, hatte nach dem Brexit-Votum seinen Rücktritt als Partei- und Regierungschef angekündigt. Sein Nachfolger sollte ursprünglich bis zum 2. September bestimmt werden, am Dienstag verschob der Parteivorstand den Termin um eine Woche auf den 9. September. Er legte zudem fest, dass die Bewerbungsfrist für das Amt des Parteichefs – und damit des nächsten Premierministers – am Mittwoch beginnen und bereits am Donnerstag enden soll.

Als Favoriten gelten der frühere Londoner Bürgermeister Boris Johnson und Innenministerin Theresa May. Johnson war einer der Wortführer des Brexit-Lagers. May hatte für den Verbleib in der EU geworben, aber keine prominente Rolle in der Kampagne gespielt. Laut einer Umfrage vom Dienstag stehen 31 Prozent der Konservativen hinter May und 24 Prozent hinter Johnson.

Wenn es mehr als zwei Kandidaten gibt, wird das Bewerberfeld kommende Woche per Abstimmung der Tory-Abgeordneten verkleinert. Über die verbleibenden zwei Kandidaten sollen dann die rund 150.000 Parteimitglieder per Briefwahl abstimmen.

Von: apa