"Coronakrise war wie ein Brennglas"

Niederschwelliger psychologischer Dienst: Antrag im Landtag angenommen

Mittwoch, 29. Juni 2022 | 18:22 Uhr

Bozen – Ein Antrag von Team K mit Grünen, Freiheitlichen und SVP zum niederschwelligen psychologischen Dienst im Landtag wurde heute angenommen.

Beschlussantrag Nr. 561/22: Psychische Gesundheit in Südtirol – Basispsychologen als Ergänzung zu den Basismedizinern (eingebracht von den Abg. Ploner F., Köllensperger, Ploner A. und Rieder am 03.03.2022). Dazu haben die Einbringer heute einen Ersetzungsantrag vorgelegt, der auch von den Abg. Lanz, Foppa und Mair mitunterzeichnet wurde. Der Landtag möge die Landesregierung verpflichten, 1. Initiativen von Seiten des Gesundheitsressort, dem Südtiroler Sanitätsbetrieb und der Psychologenkammer fortzuführen und diese unter Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Human- und Finanzressourcen zu intensivieren, um einen niederschwelligen Zugang zu den psychologischen Diensten zu gewährleisten. 2. Verstärkt Kooperationen, auch in Form von Konventionen, zwischen den öffentlichen und privaten psychologischen Diensten einzugehen. 3. Eine Sensibilisierungskampagne in Bezug auf den Zugang zu den psychologischen Diensten im öffentlichen und privaten Bereich umzusetzen.

“Die Coronakrise mit den einhergehenden Einschränkungen und Lockdowns hat wie ein Brennglas die Auswirkungen des Mangels an psychischer Betreuung aufgezeigt”, erklärte Franz Ploner (Team K). In der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur wird von einer psychischen Belastung von großen Teilen der Bevölkerung ausgegangen.1 Die zukünftige Mehrbelastung der psychologischen Dienste ist bereits jetzt absehbar und es wäre verantwortungslos, den psychologischen Betreuungs- und Beratungsdienst nicht an die neuen Herausforderungen anzupassen und zusätzliche Beratungsmöglichkeiten zu schaffen. Auch die nationale Koordinierungsstelle für psychische Gesundheit hat mehrmals auf die Notwendigkeit eines Ausbaus des psychischen Betreuungsangebotes in Italien hingewiesen. Es kann festgestellt werden, dass die psychische Gesundheitsversorgung in Südtirol in der derzeitigen Form nicht den aktuellen Erfordernissen gerecht wird. Aus diesem Grund erscheint die Überlegung zum Aufbau von niedergelassenen Basispsychologen, welche eine “hausärztliche” psychische Betreuung garantieren, auch in Südtirol angezeigt. Auch rechtliche Fragen zur Möglichkeit einer psychologischen Basisbetreuung wurden vom Verfassungsgerichtshof bereits geklärt. Folglich ist eine entsprechende Vorgangsweise rechtlich und praktisch auch in Südtirol möglich. Indem Südtirol dem kampanischen und lombardischen Vorbild folgt und ein niederschwelliges psychologisches Beratungsangebot durch Basispsychologen aufbaut, könnten die massiven Folgen der Coronakrise auf die psychische Gesundheit vieler Südtiroler Bürger abgefedert werden. Durch einen niederschwelligen Zugang zur psychologischen Beratung könnten psychische Pathologien bereits im Anfangsstadium erkannt und behandelt werden – somit wäre dieser auf den ersten Blick kostspielig anmutender Dienst in Wahrheit in vielen Fällen kosteneffizienter und gesundheitsvorsorgend.”

Brigitte Foppa (Grüne) erinnerte an die vielen Versuche in den letzten Jahren, bei diesem Thema weiterzukommen. Nun habe man einen kleinen Schritt erreicht. Bei einer denkwürdigen Anhörung vor dem IV. Gesetzgebungsausschuss habe man gehört, welche Schäden Covid hinterlasse, nicht nur bei jungen Menschen. Man habe auch erfahren, wie stark Südtirol vom Suchtproblem betroffen sei oder von Essstörungen. Umso wichtiger sei ein niederschwelliges Angebot, das rund um die Uhr erreichbar sei.

Ulli Mair (Freiheitliche) freute sich ebenfalls über den Kompromiss. Bei der Anhörung habe man verstanden, wie wichtig eine psychologische Betreuung sei. Der Anspruch habe sich in letzter Zeit geändert, oft hätten die Menschen auch nur Fragen, weil sie verunsichert seien wegen Pandemie, Krieg usw. Wichtig sei, dass die Landesregierung den Dienst möglichst bald aufbaue. Mair fragte, ob ein solches Projekt auch durch den PNRR finanzierbar sei.

Josef Unterholzner (Enzian) verwies auf den Jahresbericht der Jugendanwältin von 2020, die das Problem bereits damals aufgezeigt habe. Auch die WHO habe gewarnt, dass die Lockdowns mehr schaden als nutzen. Diese psychischen Belastungen seien vorausgesehen worden. Man sollte die Zahlen über die Jahre vergleichen; derzeit gebe es am meisten Erkrankungen. Die Wissenschaftler hätten dies vorausgesagt. Vielleicht halte diese Impfung doch nicht, was sie versprochen habe.

Jede massive Entscheidung habe Auswirkungen auf die Gesellschaft, meinte Gerhard Lanz (SVP). Man sollte sich aber auch fragen, was ohne diese Entscheidungen passiert wäre. Bei körperlichen Beschwerden gehe man zum Arzt, bei psychischen Beschwerden suche man nicht unbedingt den Fachmann auf, viele würden sich einsperren. Wichtig sei ein niederschwelliges Angebot, wobei man auch private Dienste einbinden könne. Man müsse aber zunächst schauen, welche Ressourcen zur Verfügung stünden. Lanz dankte für die Bereitschaft zu einem gemeinsamen Antrag.
Sandro Repetto (Demokratische Partei – Bürgerlisten) unterstützte den Antrag. Dieser Dienst sollte als Grundleistung anerkannt werden.

Alessandro Urzì (Fratelli d’Italia) bedauerte, dass er nicht zur Unterschrift eingeladen wurde, diesen Antrag hätte auch er mittragen können. Psychisches Leid dürfe nicht unterschätzt werden, es habe persönliche wie gesellschaftliche Kosten.

Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) kündigte die Unterstützung seiner Fraktion an. Die Zahlen seien erschreckend. Vor allem bei Mädchen hätten die Angstbeschwerden stark zugenommen. Der Nachholbedarf bei niederschwelligen psychologischen Diensten sei groß, der bei psychiatrischer Behandlung noch größer, vor allem bei suizidgefährdeten Personen.

Paula Bacher (SVP) dankte Foppa für die denkwürdige Anhörung. Bei dieser sei auch die Notwendigkeit betont worden, die Hausärzte beim niederschwelligen Dienst einzubinden. Der Antrag bringe zwar kleine Schritte, aber man fange nicht bei null an, einiges sei schon im Gange.

In modernen Gesellschaften hingen viele Probleme von der psychischen Gesundheit ab, erklärte LH Arno Kompatscher. Die psychischen Probleme müssten von der Gesellschaft anerkannt werden wie andere Krankheiten. In diesem Bereich habe Südtirol ein noch stärkeres Ressourcenproblem als in anderen. Allgemein habe sich die Situation inzwischen verbessert, aber Psychologen und Psychiater gebe es immer noch zu wenige. Kompatscher kündigte Zustimmung zum Antrag an, bat aber um Verständnis, dass man nicht alles an einem Tag umsetzen könne.

Franz Ploner wies darauf hin, dass psychische und psychiatrische Betreuung zwei gänzlich verschiedene Dinge seien. Der Antrag bedeute eine kleine Wegstrecke, aber wenn man die Tür nicht aufmache, komme man nie weiter. Wichtig sei ihm, dass die Psychologenkammer einbezogen werde. Niedergelassene Psychologen könnten einen wichtigen Beitrag zu diesem Dienst leisten. Man könnte auch ein Pilotprojekt andenken, mit einem niedergelassenen Psychologen neben einem Hausarzt.

Der Antrag wurde mit 31 Ja einstimmig angenommen.

Die Arbeiten werden morgen um 10.00 Uhr wieder aufgenommen.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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