Johnson kocht ein Süppchen, das Dublin und Brüssel nicht schmeckt

Nordirland-Protokoll: Johnson will Brexit-Vertrag brechen

Montag, 13. Juni 2022 | 23:58 Uhr

Nur eine Woche nach dem überstandenen Misstrauensvotum in seiner Fraktion hat der britische Premierminister Boris Johnson einen neuen Streit mit der EU vom Zaun gebrochen. Ein am Montag ins Unterhaus eingebrachter Gesetzentwurf soll die mit Brüssel vereinbarte Brexit-Regelung für Nordirland einseitig ändern. Kritik an den Plänen kam aus Brüssel, von der irischen Regierung in Dublin, der Mehrheit der Abgeordneten im nordirischen Regionalparlament und aus den USA.

Begrüßt wurde der Schritt hingegen von der unionistisch-protestantischen Partei DUP in Nordirland. Das Gesetz sei notwendig, um Stabilität und den Frieden in der früheren Unruheprovinz zu sichern, sagte die britische Außenministerin Liz Truss. Sie fügte hinzu: “Wir sind weiterhin offen für Gespräche mit der EU.” Fortschritte könne es aber nur geben, wenn Brüssel Änderungen an der als Nordirland-Protokoll bezeichneten Vereinbarung akzeptiere.

London droht, die in dem Protokoll vereinbarten Warenkontrollen zum Schutz des EU-Binnenmarkts zu stoppen und durch eine freiwillige Regelung zu ersetzen. Zudem soll die Rolle des Europäischen Gerichtshofs drastisch beschränkt werden. London will sich auch freie Hand bei Regelungen zur Mehrwertsteuer geben. Nach Ansicht einer großen Zahl von Experten wäre das ein klarer Bruch internationalen Rechts. Die Regierung in London bestreitet das jedoch.

EU-Vizekommissionspräsident Maros Sefcovic machte deutlich, dass eine Neuverhandlung des Nordirland-Protokolls nicht infrage kommt. “Das würde für die Menschen und Unternehmen in Nordirland einfach nur weitere rechtliche Unsicherheit bedeuten”, so Sefcovic am Montagabend in Brüssel. Die EU-Kommission werde nun erwägen, das wegen früherer Verstöße begonnene, dann aber auf Eis gelegte, rechtliche Verfahren gegen London wieder aufzunehmen. Auch die Einleitung weiterer Vertragsverletzungsverfahren, die den europäischen Binnenmarkt schützen könnten, werde geprüft.

Irlands Premierminister Micheal Martin bezeichnete den Schritt als “neuen Tiefpunkt”, es sei “sehr bedauerlich für ein Land wie Großbritannien, ein internationales Abkommen zu brechen”.

Gegenwind für Johnson kam auch aus Nordirlands Hauptstadt Belfast. In einem von 52 der 90 Abgeordneten im nordirischen Regionalparlament unterzeichneten Brief hieß es, der Gesetzentwurf stehe im Widerspruch zum ausdrücklichen Wunsch von Unternehmen und Menschen in Nordirland.

Scharfe Kritik kam von der katholisch-republikanischen Partei Sinn Fein, die bei der Regionalwahl im Mai erstmals stärkste Kraft in Nordirland wurde. “Es ist skrupellos, es ist schändlich und es dient in keiner Weise dem Interesse der Menschen hier”, sagte die designierte nordirische Regierungschefin und Sinn-Fein-Vizepräsidentin Michelle O’Neill.

Lobende Worte fand hingegen Jeffrey Donaldson, der Chef der protestantisch-unionistischen Partei DUP, die in Nordirland aus Protest gegen das Protokoll die Bildung einer Einheitsregierung blockiert. Was die Regierung in London vorgelegt habe, sei eine Lösung und das sei es, was man derzeit brauche, so Donaldson.

Kritik kam auch aus den USA: US-Außenminister Blinken warnte London, die Errungenschaften des Friedensabkommens für Nordirland nicht zu gefährden und dafür “die Verhandlungen mit der EU in gutem Glauben fortzusetzen”. Der deutsche Bundeskanzler Scholz sprach von einer “sehr bedauerlichen Entscheidung”. “Sie ist eine Abkehr von all den Vereinbarungen, die wir zwischen der Europäischen Union und Großbritannien getroffen haben.” Nun werde auch den letzten EU-Kritikern im Vereinigten Königreich klar, “welches Desaster der Austritt für das Land ist”, kritisierte EU-ÖVP-Abgeordneter Lukas Mandl.

Der britische Premierminister Boris Johnson betonte hingegen, der Schritt sei “der richtige Weg” und notwendig, um das “Gleichgewicht und die Symmetrie” des Friedensabkommen zwischen den pro-britischen Unionisten und den irischen Nationalisten zu wahren.

Das Nordirland-Protokoll ist Teil des 2019 geschlossenen Brexit-Abkommens. Es sieht vor, dass die zum Vereinigten Königreich gehörende Provinz weiter den Regeln des EU-Binnenmarkts und der Europäischen Zollunion folgt. Damit sollen Warenkontrollen zum EU-Mitglied Republik Irland verhindert werden, um ein Wiederaufflammen des Konflikts zwischen Gegnern und Befürwortern einer Vereinigung der beiden Teile Irlands zu verhindern. Dafür ist nun aber eine innerbritische Warengrenze entstanden.

Der britische Premierminister Boris Johnson hatte die Vereinbarung im Wahlkampf 2019 gegen den Willen der DUP durchgesetzt und als großen Durchbruch gefeiert. Anschließend gewann er eine deutliche Mehrheit bei der Parlamentswahl. Inzwischen ist er aber wegen der Affäre um Lockdown-Partys im Regierungssitz in Bedrängnis geraten. In der vergangenen Woche musste er sich einer Misstrauensabstimmung in der eigenen Fraktion stellen. Er konnte sich zwar durchsetzen, gilt aber als politisch angezählt. Nach Einschätzung von britischen Kommentatoren will er sich mit dem Schritt die Unterstützung der Brexit-Hardliner in seiner Fraktion sichern.

Von: APA/dpa/AFP

Kommentare

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9 Kommentare auf "Nordirland-Protokoll: Johnson will Brexit-Vertrag brechen"


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Entequatch
Entequatch
Tratscher
11 Tage 22 h

Es ist schon interessant, abkommen können von anderen staaten problemlos abgeädert oder starogar zurückgezogen werden, nur bei der EU wird auf abkommen die vorwiegend nachteile den eubürgern bringt bestanden

N. G.
N. G.
Kinig
11 Tage 15 h

Wenn ein Land aus der EU will, Verträge dazu abschliesst, hat es sich auch daran zu halten und nicht im Nachhinein extra Süppchen zu kochen die nur Großbritannien dann nen Vorteil verschaffen würden den sie ja vorher hatten und nicht mehr wollten!

Neumi
Neumi
Kinig
11 Tage 13 h

Was genau verläuft hier “problemlos”? Und inwiefern schadet das Abkommen den EU-Bürgern, bzw. was hätten sie davon, wenn GB das Abkommen einseitig ändert?

@
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Universalgelehrter
11 Tage 7 h
Mit der Partei Sinn Fein, einst politische Ableger der IRA, hat eine irish- nationalistische Partei die Parlamentswahlen gewonnen. Deren Bestreben ist eine Wiedervereinigung Irlands.Um die Nordiren von ihrem Im Nordirland Protokoll wurde zwischen der EU und Großbritannien im Zuge des Brexits besondere Zollregeln ausgehandelt um die aus historischen Gründen sensible Grenze zwischen der britischen Provinz Nordirland und dem EU-Staat Irland offen gehalten werden. Die britische Regierung plant jetzt die Zollkontrollen zwischen Nordirland und dem restlichen Großbritannien abzuschaffen. Das würde Großbritannien einen ungeschränkten Zugang zum EU – Binnenmarkt zum Nachteil der EU und zum einseitigen Vorteil Großbritanniensder verschaffen.Das kann und darf… Weiterlesen »
Doolin
Doolin
Kinig
11 Tage 15 h

…den Brexit-Boris interessieren Verträge nicht…die macht er nur so zum Spass…

Neumi
Neumi
Kinig
11 Tage 11 h

Ich denke, der will sich nach seinen letzten Eskapaden ein paar Beliebtheitspunkte erkaufen.

N. G.
N. G.
Kinig
11 Tage 15 h

Unter dem wirren Haar steckt auch ein wirrer Geist!
Verträge scheinen ihm genau so wenig wichtig zu sein wie einigen anderen Politikern aus anderen Ländern!
Vielleicht will Boris irgend wann auch “seine” Kolonien zurück holen… Hm

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Superredner
11 Tage 11 h

Der gesamte Brexit hatte von vorneherein wenig mit Vernunft zu tun, sondern mehr mit nationalistischer Kleinkariertheit in einer komplexen Welt mit globalen Herausforderungen. Nun haben die Briten eben ihr Dauerschlamassel. Die EU wird sich hoffentlich hüten, die (vorhersehbaren) britischen Probleme zu lösen. Die Briten hatten über etwas abgestimmt, ohne ein genaueres Szenarium für die daraus resultierenden Probleme zu kennen. Eigentlich hätte man nach Verhandlung des Austrittabkommens über diesen Vertrag abstimmen müssen. Dann hätten die Briten gewusst, worauf sie sich einlassen und welche Probleme damit einhergehen.

Offline1
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Kinig
11 Tage 9 h

Ein legitimer “Bruder im Geiste” des 🏀.

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