Auch Firtaschs Chemiefabrik wurde zerstört

Ostukrainisches Sjewjerodonezk weiter schwer umkämpft

Sonntag, 12. Juni 2022 | 22:34 Uhr

Im Osten der Ukraine dauert der Kampf um die Großstadt Sjewjerodonezk an. Die Lage dort sei die Schlimmste im ganzen Land, sagte der Gouverneur des Gebiets Luhansk, Serhij Hajdaj, am Sonntag in einer Videoansprache. Aber auch in der Westukraine wurden nach Angaben der Regionalregierung die Stadt Tschortkiw sowie ein Waffendepot in der Region Ternopil mit Raketen beschossen. Russland bereitet sich unterdessen laut dem ukrainischen Geheimdienst auf einen längeren Krieg vor.

Viele Ortschaften in der Region um Sjewjerodonezk (Sewerodonezk) stünden unter Feuer, sagte Hajdaj. “Es ist unmöglich, den Beschuss zu zählen.” Besonders schwierig sei die Situation in dem Ort Toschkiwka südlich des Verwaltungszentrums. Dort versuchten die russischen Angreifer eine Verteidigungslinie zu durchbrechen. Teils hätten es die ukrainischen Streitkräfte geschafft, den Feind aufzuhalten.

Russische Streitkräfte zerstörten zudem laut Hajdaj eine weitere der drei Brücken zwischen Sjewjerodonezk und dessen Zwillingsstadt Lyssytschansk. Damit entfällt eine weitere mögliche Flucht- und Rückzugsroute über den Fluss Siwerskyj Donez. Ukrainische Truppen halten nach Angaben des Sjewjerodonezker Stadtoberhaupts, Olexander Strjuk, gut ein Drittel des Stadtgebiets.

In Sjewjerodonezk kam ein ehemaliger britischer Soldat ums Leben, der für die Ukraine kämpfte. Das teilt seine Familie in den sozialen Medien mit. Der Mann habe die britische Armee im März verlassen und sei in die Ukraine gereist, um die Streitkräfte des Landes gegen die russischen Invasoren zu unterstützen. Das britische Außenministerium teilt mit, man wolle die Familie des in der Ukraine verstorbenen Briten unterstützen.

In Sjewjerodonezk wurde die dem in Wien lebenden ukrainischen Oligarchen Dmytro Firtasch gehörende Chemiefabrik Azot beschossen, wie Hajdaj sagte. Zuvor hatten die prorussischen Separatisten mitgeteilt, Zivilisten, die in den Bunkern der Industrieanlage Schutz gesucht hatten, hätten das Werksgelände verlassen. Hajdaj zufolge haben viele Menschen sich in Schutzbunker begeben, weil russische Truppen gezielt Wohnviertel mit schwerer Artillerie beschießen. “Wahrscheinlich wollen alle jetzt fliehen, aber eine solche Möglichkeit gibt es aktuell nicht”, sagte Hajdaj.

Nach Angaben des ukrainischen Generalstabs in Kiew sind bei den anhaltend schweren Kämpfen im Donbass die russischen Truppen im Bereich des wichtigen Verkehrsknotenpunkts Bachmut zurückgedrängt worden. Es seien bis zu 150 Angreifer “vernichtet” worden. Von unabhängiger Seite überprüfen ließen sich diese Angaben nicht.

Der Generalstab in Kiew meldete eine Vielzahl von Kämpfen im Osten des Landes, darunter besonders auch in der Region Slowjansk im Gebiet Donezk. Immer wieder gebe es auch Luftangriffe gegen zivile Infrastruktur, heiß es. Laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax schossen russische Truppen auch drei ukrainische Kampfjets in der Nähe von Donezk und Charkiw ab.

In Ternopil haben russische Truppen laut einem Interfax-Bericht mit Kalibr-Lenkraketen ein großes Waffendepot zerstört. In dem Lager hätten sich europäische und amerikanische Waffen befunden, meldet die Nachrichtenagentur unter Berufung auf das russische Verteidigungsministerium.

Das westukrainische Tschortkiw ist nach Angaben der Regionalregierung am Samstagabend von vier Raketen getroffen worden. Eine Militäreinrichtung sei teilweise zerstört worden und es seien vier Wohngebäude beschädigt, teilt der Gouverneur von Ternopil, Wolodymyr Trusch, am Sonntag weiter mit. Es habe keine Toten gegeben, aber 22 Menschen seien ins Krankenhaus gebracht worden, darunter ein zwölfjähriges Kind. Die Raketen seien vom Schwarzen Meer aus abgefeuert worden.

Das russische Militär bereitet sich nach Einschätzung des ukrainischen Militärgeheimdienstes auf einen längeren Krieg vor. Die Planung der russischen Streitkräfte sei für 120 weitere Tage bis Oktober 2022 verlängert worden, berichteten die Militärexperten des US-amerikanischen Institute for the Study of the War (ISW) am Samstag (Ortszeit) unter Berufung auf Informationen von Geheimdienst-Vizedirektor Wadym Skibizkij. Das russische Militär werde seine Pläne abhängig vom Erfolg im Donbas aber weiter anpassen, dies geschehe nahezu monatlich.

Bei einer Explosion in der von russischen Truppen besetzten ukrainischen Stadt Melitopol wurden vier Personen verletzt. Die Besatzungsbehörden gingen davon aus, dass ein Sprengsatz in einem Mülleimer neben ihrer Lokalverwaltung des Innenministeriums explodiert sei, berichtete die russische Nachrichtenagentur Tass am Sonntagabend. Es seien ausschließlich Zivilisten zu Schaden gekommen, hieß es. Die Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden. Melitopol liegt im ukrainischen Gebiet Saporischschja, das zum Teil von russischen Truppen besetzt ist.

Unterdessen untermauerte der russische Bildungsminister Sergej Krawzow am russischen Nationalfeiertag Medien die Gebietsansprüche auf die Region Saporischschja mit einem Besuch ebendort. Russland sei für immer gekommen, sagte der Minister der Agentur Interfax zufolge in der Stadt Melitopol. “Ich wäre nicht gekommen, wenn es irgendwelche Zweifel gäbe”, sagte der 48-Jährige am Sonntag.

Das Gebiet Saporischschja ist nach mehr als drei Monaten russischem Angriffskrieg weiter zu einem Teil unter ukrainischer Kontrolle. Das benachbarte südukrainische Gebiet Cherson ist komplett unter russischer Besatzung.

Während Krawzow den russischen Feiertag in der Ukraine beging, zeigte sich die russische Führung erneut siegessicher in dem Krieg, der am 24. Februar begonnen hat. Kremlchef Wladimir Putin verlieh am Tag Russlands Orden. Das Land stehe geeint und der Heimat ergeben, sagte er. In Moskau gab es ein Autokorso zur Unterstützung der russischen Armee bei deren Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Von: APA/dpa/Reuters

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Tratscher
21 Tage 1 h
Und hier, meine Damen und Herren, sehen sie auf dem Artikel-Foto ein architektonisches Musterbeispiel Putin’scher Lebensvorstellung (die sich auch mit der „neue Realitäts-Vorstellung“ von Kommentatoren trifft). Man beachte, wie sich neue Lebensräume ermöglichen. In Räumen, die vielfach durch überzogene Farbimpressionen auffielen. Jetzt beschränkt sich die Farbgebung auf ein Todesschwarz und Kreml-Nazi-Braun. Quasi eine Reminiszenz an die deutsche Vergangenheit, jetzt aber in gleicher handwerklicher Ausführung in die Moderne transponiert. Die Neuerungen richten sich dabei streng nach dem Tyrannen-1×1 und wer sich glücklich schätzen darf, die ganze Szenerie am eigenen Leib (über-)lebt zu haben, wird niemals die olfaktorischen Eindrücke einer umfassenden Morbidität… Weiterlesen »
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