Lagerhalle in Brusgi dient als Notunterkunft für Migranten

Polen wirft Belarus neue Taktik in Flüchtlingskrise vor

Samstag, 20. November 2021 | 22:39 Uhr

Polens Verteidigungsminister Mariusz Blaszczak hat Belarus im Konflikt um Migranten an der gemeinsamen Grenze einen Strategiewechsel vorgeworfen. “Jetzt haben die Migranten und die belarussischen Behörden eine neue Methode angewandt. Kleinere Gruppen von Menschen versuchen an vielen Orten, die Grenze zu überqueren”, sagte er am Samstag dem Radiosender RMF FM. Seit Wochen sitzen Tausende Flüchtlinge im belarussisch-polnischen Grenzgebiet fest.

Es sei “keine Frage, dass diese Angriffe von belarussischen Behörden gesteuert werden”, so Blaszczak. Auch polnische Grenzschützer berichteten am Samstag von Versuchen mehrerer kleiner Gruppen, die Grenze zu überqueren. Es habe sich dabei jeweils um ein paar Dutzend Menschen gehandelt. Die Sicherheitskräfte meldeten jedoch auch eine größere Gruppe von etwa 200 Menschen, die mit Tränengas, Feuerwerkskörpern und Steinen ausgestattet gewesen sei.

Insgesamt registrierten die polnischen Behörden eigenen Angaben zufolge am Freitag 195 illegale Grenzübertrittversuche. “82 Ausländer wurden aufgefordert, polnisches Gebiet zu verlassen. Zwei ukrainische Staatsbürger und ein deutscher Staatsbürger wurden wegen Beihilfe festgenommen”, erklärte die Grenzschützer am Samstag auf Twitter.

“Wir müssen uns darauf einstellen, dass dieses Problem noch monatelang andauern wird. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dies der Fall sein wird”, sagte Blaszczak.

Die Europäische Union beschuldigt den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko, in organisierter Form Migranten aus Krisenregionen an die EU-Außengrenze zu bringen, um Druck auf den Westen auszuüben. Die Menschen aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan sind über Touristenvisa in Belarus eingereist. Minsk weist die Vorwürfe zurück.

Lukaschenko sagte am Freitag der BBC, dass es “absolut möglich” sei, dass belarussische Streitkräfte den Migranten bei der Einreise in die EU geholfen hätten, bestritt jedoch, die Operation organisiert zu haben. “Wir sind Slawen. Wir haben ein Herz. Unsere Truppen wissen, dass die Migranten nach Deutschland wollen. Vielleicht hat ihnen jemand geholfen”, sagte er. “Aber ich habe sie nicht hierher eingeladen.”

Seit Wochen sitzen im belarussisch-polnischen Grenzgebiet bei zunehmend eisigen Temperaturen tausende Flüchtlinge aus dem Nahen Osten fest, darunter viele Kurden aus dem Irak. Polen hat einen Grenzzaun errichtet und mehr als 15.000 Sicherheitskräfte an der Grenze zusammengezogen.

Sie wollten bleiben, bis die EU sie reinlasse, sagten zahlreiche Iraker und Syrer einem Reporter der Deutschen Presse-Agentur in der Notunterkunft in einer Lagerhalle in Brusgi. Der Grenzpunkt dort ist mit Betonbarrieren und Stacheldraht geschlossen. Vor der Notunterkunft setzten Helfer auch am Samstag die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und medizinischer Hilfe fort. Die hygienischen Bedingungen sind schlecht. Der Zivilschutz verstärkte zudem den Brandschutz.

Die Menschen würden alles Notwendige bekommen, sagte der Generalsekretär des belarussischen Roten Kreuzes, Dmitri Schewzow, der dpa vor dem umfunktionierten Logistikzentrum. Dort übernachteten nach Schätzungen etwa 2.000 Menschen, die eine Rückreise in ihre Heimat ablehnen und nach Deutschland, Belgien und in andere EU-Staaten wollen. Sie werden von bewaffneten Uniformierten bewacht und können das Gelände nicht verlassen.

Belarussische Ermittler setzten zudem Befragungen von Migranten fort, die am vergangenen Dienstag bei einem Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas von polnischer Seite verletzt worden waren. Auch Kinder waren getroffen worden. Die Menschen wurden mit Hilfe von Dolmetschern vernommen. Das Ermittlungskomitee in Belarus spricht von inzwischen 100 Betroffenen.

Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko verglich die polnischen Sicherheitskräfte im Interview der BBC mit “Faschisten”. Sie hätten durch den Einsatz der Wasserwerfer und des Tränengases auch die belarussische Staatsgrenze verletzt, sagte er. Dabei seien Chemikalien eingesetzt worden, mit denen sonst “Kakerlaken” vernichtet würden, behauptete Lukaschenko.

Die katholische Kirche in Polen kritisierte das Regime des Nachbarlandes Belarus wegen der Vorfälle an der gemeinsamen Landesgrenze indirekt indes scharf. Zugleich dankten sie den polnischen Grenzschutzbeamten, Soldaten und Polizisten dafür, dass sie in “dieser sehr schwierigen Situation aufopferungsvoll ihrer Verpflichtung nachkommen, unsere Grenzen zu verteidigen und die Sicherheit aller in Polen lebenden Menschen zu gewährleisten”.

Von: APA/AFP/dpa/KAP

Kommentare

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11 Kommentare auf "Polen wirft Belarus neue Taktik in Flüchtlingskrise vor"


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quilombo
quilombo
Superredner
8 Tage 19 h
mit den Überfällen der Usa mit Israel und der europäischen Nato auf Afghanistan, Irak und Syrien, wurden nicht nur diese Länder zerstört, hundertausende Zivilisten getötet, sondern auch diese Flüchtlingswelle ausgelöst. Aber jetzt wollen sich alle von der Verantwortung drücken und genehmigen, daß polnische Grenzsoldaten in absolut krimineller Weise bei eisigen Temperaturen arme Leute mit Kindern mit Wasserwerfern traktieren, (was von der Genfer Konvention verboten ist). Nur dur ein Wunder gab es noch keine Tote. Dabei soll dem Wasser sogar Gülle beigemengt worden sein. Nachts werden grelle Scheinwerfer eingeschaltet und Sirenen heulen gelassen. In wessen Auftrag läßt man solche Verbrecher gewähren?… Weiterlesen »
olter
olter
Tratscher
8 Tage 15 h

@quilombo
Du hast libyschen Staat vergessen, den Frankreich und GB unbedingt zerstören mussten.
Aber das ist, wenn man das hier erwähnt, laut den ‘Anti-Trollen’ hier ja nur Propaganda… 🙊

Tigre.di.montana
8 Tage 15 h

@Quilombo:
Du weißt genau dass Russland 1980 Afghanistan überfiel. Und ich habe Dir erzählt dass die Gräber usbekischer Soldaten in in Samarkand davon erzählen. Und die andeten Toten der russischen Kommandos sind ja auch Realität.
Assad, der Massenmörder in Syrien, war der Freund Russlands. Er war es der eine ganze Stadt vergiftete, mit Giftgasraketen aus russischer Produktion.
Russland ist bei allen Nachbarn verhasst. Zu Recht.

Tigre.di.montana
8 Tage 15 h

@Quilombo: das verbrecherischste Regime in Europa ist Russland, da sind wir beide uns doch klar?

Tigre.di.montana
8 Tage 11 h

@olter:
Ich hätte Ghaddafi auch am Ruder gelassen, denn sein Machtwille war kalkulierbar.
Das ändert nichts daran dass Libyen den Anschlag auf ein amerikanisches Flugzeug 1982 in Lockerbie begangen hatte.

Tigre.di.montana
5 Tage 20 h

@Quilombo: Polen verteidigt nur seine Souveränität. Und Lukaschenko und Putin greifen Polens Souveränität an.

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Universalgelehrter
9 Tage 7 h

Werden die dort auf den nächsten Sturm auf die Grenze vorbereitet?

Offline1
Offline1
Superredner
9 Tage 6 h

Die Eine oder den Anderen gibt es hier bei SN, die den Machthaber in Weißrussland und seinen Soufleur in Moskau ja richtig gut finden. Vielleicht haben sie Denen einen Tipp gegeben 😉. Denn ich habe hier schon die Vermutung geäußert, dass die mit Bussen abtransportierten Flüchtlinge an anderen Stellen an der Grenze wieder auftauchen werden….

Tigre.di.montana
8 Tage 18 h

@pfaelzerwald:
“Die Eine oder den Anderen gibt es hier bei SN, die den Machthaber in Weißrussland und seinen Soufleur in Moskau ja richtig gut finden.”
Das sind Trolle, oder eher: falsche Identitäten aus den russischen Trollfabriken in St.Petersburg. Die leben hier in einer fiktiven Identität, geben ausschließlich die Propagandalinie der verbrecherischen Regimes von Putin und Lukaschenko wieder.
Mit Dienstschluß fahren sie ihre Computer runter und gehen hinaus in ihr echtes Leben, sls russische Normalmenschen.
Mit Südtirol haben sie sonst nichts am Hut. Und das merkt man.

Offline1
Offline1
Superredner
8 Tage 15 h

@Tigre…..wolltest du mir antworten ? Wenn ja, stimme dir zu. Bleib gesund und optimistisch.

Tigre.di.montana
8 Tage 15 h

@Quilombo:
Lass doch diese Migranten in Weißrussland. Dahin hat Lukaschenko ihnen das Visum ausgestellt.

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