Die Staatsmacht greift durch

Polizei löst Kundgebungen in Weißrussland gewaltsam auf

Sonntag, 11. Oktober 2020 | 19:32 Uhr

In der weißrussischen Hauptstadt Minsk hat die Polizei am Sonntag eine Massendemonstration gegen den autoritär regierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko gewaltsam aufgelöst. TV-Aufnahmen zeigten, wie die Sicherheitskräfte Wasserwerfer und Schlagstöcke einsetzte, um Kundgebungen zu beenden, bei denen eine Neuwahl des Präsidenten gefordert wurde. Landesweit wurden erneut dutzende Menschen festgenommen.

Die Sicherheitskräfte hätten Wasserwerfer und Blendgranaten eingesetzt, bestätigte eine Sprecherin des Innenministeriums. Laut der Menschenrechtsorganisation Wjasna nahm die Polizei landesweit mindestens 170 Demonstranten fest. Unabhängige weißrussische Medien veröffentlichten Aufnahmen, auf denen vermummte Bereitschaftspolizisten, Soldaten sowie Männer ohne Uniform zu sehen waren, die sich aus nicht gekennzeichneten Minibussen heraus auf Demonstranten stürzten und auf sie einschlugen.

Die Opposition hatte zu einem “Marsch des Stolzes” aufgerufen – denn die Menschen gehen schon seit zwei Monaten gegen Lukaschenko auf die Straße. Der 66-Jährige hatte 80,1 Prozent der Stimmen für eine sechste Amtszeit für sich reklamiert. Die EU erkennt das Wahlergebnis aber nicht an. Die Opposition sieht dagegen Swetlana Tichanowskaja als wahre Siegerin. Es war das mittlerweile neunte Protest-Wochenende in Folge.

Bereits am Samstag waren Frauen in kleinen Gruppen mit Blumen in den Händen durch Minsk und andere Städten gezogen. Gleichzeitig wurde bekannt, dass Lukaschenko sich überraschend mit mehreren inhaftierten Oppositionellen und Mitgliedern des Koordinationsrates getroffen hatte. Das Gespräch im Untersuchungsgefängnis des Geheimdienstes KGB habe viereinhalb Stunden gedauert, meldete der dem weißrussischen Staatsfernsehen nahe stehende Telegram-Kanal “Pul Perwogo”.

Ein Foto zeigt Lukaschenko im dunklen Pullover, wie er an einem mit einem Blumengesteck geschmückten ovalen Tisch mit Oppositionellen diskutiert. Über den Inhalt sei Schweigen vereinbart worden, hieß es. Thema sei eine mögliche Änderung der Verfassung gewesen, berichtete das oppositionelle Portal “Nexta”.

Vertreter der Opposition kritisierten, dass es absurd sei, Gespräche am Runden Tisch im Gefängnis zu führen. Tichanowskaja wertete den Auftritt Lukaschenkos als Ergebnis des wachsenden gesellschaftlichen Drucks auf den Machthaber. Mit dem Treffen habe er zugegeben, dass es sich bei den Oppositionellen, die er vorher als Kriminelle bezeichnet habe, um politische Gefangene handle.

Prominentester oppositioneller Teilnehmer des Treffens war der Bankmanager und Politiker Viktor Babariko. Der 56-Jährige wollte bei der Präsidentenwahl gegen Lukaschenko antreten, landete jedoch im Gefängnis, bevor der Wahlkampf richtig losgehen konnte.

Die 38-jährige Tichanowskaja durfte zudem erstmals seit seiner Inhaftierung mit ihrem Ehemann, dem regierungskritischen Blogger Sergej Tichanowski, telefonieren. Auch Tichanowski wollte bei der Präsidentschaftswahl gegen Machthaber Alexander Lukaschenko antreten, das wurde ihm allerdings verwehrt. Es sei das erste Gespräch seit 134 Tagen gewesen, schrieb Tichanowskaja bei Telegram. Sie war an seiner Stelle bei der Wahl angetreten und hatte als einzige Oppositionelle eine Zulassung erhalten. Nach der Wahl flüchtete sie nach Litauen.

Von: APA/dpa/ag.

Kommentare

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10 Kommentare auf "Polizei löst Kundgebungen in Weißrussland gewaltsam auf"


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nikname
nikname
Superredner
10 Tage 5 h

nur nicht locker lassen, alles gute!

oli.
oli.
Kinig
10 Tage 2 h

free belarus ⚪🔴⚪🇧🇾

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Tratscher
10 Tage 1 h

Ich wiederhole mich: Es wäre ein schwacher Diktator, träte er wegen Demos, und seien sie noch so gross, zurück.

M_Kofler
M_Kofler
Universalgelehrter
9 Tage 22 h

D.h. die Dikatur einfach über sich ergehen lassen wäre dein Vorschlag. Aber du bist ja einer Diktatur nicht abgeneigt, das merkt man ja.
Wie wärs wenn du auch hier das REcht auf Demos einfach abschaffen forderst?

Dublin
Dublin
Kinig
9 Tage 19 h

…dieser Diktator steckt alle in den Knast, die nicht seiner Meinung sind, damit er sie dort besuchen und überzeugen kann…
😂

sophie
sophie
Superredner
9 Tage 22 h

Solche Alleinherscher und Diktatoren müssen abtreten, hoffentlich ohne Gewalt und Blutvergiessen

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Tratscher
9 Tage 19 h

Leider wird es nur mit Gewalt und Blutvergiessen klappen.

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
9 Tage 18 h

ist aber Schuld des Diktators und nicht der Protestierenden.

selwol
selwol
Tratscher
9 Tage 18 h

In Weissrussland passiert das selbe wie in München und Berlin

Schunsell
Schunsell
Neuling
9 Tage 6 h

Bin auch für die Abschaffung der Diktatur, aber wir sollten in Europa damit beginnen…

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