Die Trauer um die Opfer ist groß

Mutmaßlicher Straßburg-Attentäter ist tot

Donnerstag, 13. Dezember 2018 | 22:11 Uhr

Straßburg – Die französische Polizei hat den mutmaßlichen Attentäter von Straßburg nach Angaben aus Ermittlerkreisen erschossen. Chesrif Chekatt wurde demnach am Donnerstagabend bei einer Razzia im Viertel Neudorf südöstlich des Straßburger Zentrums getötet. Der 29-Jährige habe das Feuer auf Polizisten eröffnet und sei dann von den Beamten erschossen worden.

Französische Anti-Terror-Kräfte hatten das Viertel am Nachmittag mit einem Großaufgebot durchsucht. Chekatt war am Dienstag nach dem Attentat mit einem Taxi nach Neudorf geflohen. Seitdem war er abgetaucht. Insgesamt suchten in Frankreich und Deutschland mehr als 800 Sicherheitskräfte nach Chekatt.

Der Angreifer hatte am Dienstagabend in einer belebten Einkaufsgasse nahe dem Straßburger Münster und dem Weihnachtsmarkt das Feuer auf Passanten eröffnet und Menschen auch mit einem Messer angegriffen. Augenzeugen zufolge rief er dabei “Allah Akbar” (“Allah ist groß”). Drei Menschen wurden getötet und zwölf weitere verletzt, einige von ihnen schwer.

Unter den Todesopfern ist ein 45 Jahre alter Tourist aus Thailand, wie das Außenministerium in Bangkok bestätigte. Nach französischen Medienberichten wurde außerdem ein Franzose getötet, der gerade vor einem Restaurant auf seine Familie wartete.

Unter den Opfern ist zudem ein Straßburger mit afghanischen Wurzeln. Die Moschee Eyyub Sultan de Strasbourg bestätigte der dpa, dass er in den kommenden Tagen beerdigt werde. Ein viertes Opfer ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft hirntot. Das bedeutet, dass die Funktionen des Gehirns unwiederbringlich ausgefallen sind. Die Atmung und der Herzschlag können künstlich aufrechterhalten werden.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sprach den Opfern und Familien am Donnerstag in Brüssel erneut die Solidarität der gesamten Nation aus. “Es war nicht nur Frankreich, das getroffen wurde – eine französische Stadt, unsere Bürger -, sondern es war genauso eine große europäische Stadt, die vor einigen Tagen tödlich getroffen wurde.”

Ein Misstrauensantrag der politischen Linken gegen Frankreichs Mitte-Regierung ist unterdessen gescheitert. Lediglich 70 der zusammen 577 Abgeordneten der Nationalversammlung stimmten für den Antrag, wie das Unterhaus des französischen Parlaments am Donnerstagabend mitteilte.

APA/APA (AFP)/SEBASTIEN BOZON

Der traditionelle Weihnachtsmarkt im Herzen Straßburgs soll am Freitag wieder für Besucher geöffnet werden. Das kündigte der französische Innenminister Christophe Castaner am Donnerstagabend in der elsässischen Metropole an.Die Zahl der Todesopfer des Straßburger Terroranschlags ist von zwei auf drei gestiegen. Ein viertes Opfer sei hirntot, teilte die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft am Donnerstag in Paris mit. Ein dritter Mensch erlag seinen schweren Verletzungen.

Ein italienischer Journalist, Antonio Megalizzi, liegt im Koma, wie der Vater seiner Partnerin italienischen Medien sagte. Er könne nicht operiert werden, weil ein Projektil in der Nähe des Schädels und der Wirbelsäule stecke. Österreicher sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht unter den Opfern.

Der Zustand von Antonio Megalizzi, dem Journalisten aus dem Trentino sei irreversibel. Dies erklärte der Europaparlamentarier der Lega, Mario Borghezio, vor dem Krankenhaus in Straßburg. Der Abgeordnete drückte de Familie des Journalisten sein Beileid aus.

Facebook/Antonio Megalizzi

Zwölf weitere Menschen wurden nach Angaben der Präfektur verletzt, vier von ihnen schwer. Der Attentäter war unterdessen weiter auf der Flucht.

Was bisher berichtet wurde:

Der polizeibekannte Gefährder Cherif Chekatt hatte am Dienstagabend mitten in der Weihnachtssaison das Feuer in der Straßburger Innenstadt eröffnet. Am Donnerstag suchte die Polizei in Frankreich und Deutschland weiter nach ihm.

Der Angreifer Chekatt war am Dienstagabend auf der Flucht vor der Polizei von Soldaten verletzt worden und schließlich spurlos verschwunden. “Der Terrorismus hat erneut unser Gebiet getroffen”, sagte der Pariser Antiterror-Staatsanwalt Remy Heitz. Zeugen hätten den Angreifer “Allahu Akbar” (Allah ist groß) rufen hören.

APA/APA (AFP)/PATRICK HERTZOG

Die französische Polizei veröffentlichte am Mittwochabend ein Fahndungsfoto des Attentäters samt Täterbeschreibung. Auch süddeutsche Bundespolizei-Stationen, das deutsche Bundeskriminalamt und die Schweizer Bundespolizei verbreiteten auf Twitter den Aufruf der Police National. Die Polizei sucht Zeugen.

In dem Aufruf heißt es: “Der Mann ist gefährlich, bitte nicht selbst eingreifen.” Der Gesuchte sei 29 Jahre alt, 1,80 Meter groß, habe kurze Haare, sei vielleicht Bartträger und habe eine Narbe auf der Stirn. Der mehrfach vorbestrafte Kriminelle soll sich im Gefängnis radikalisiert haben.

Das Innenministerium in Paris schloss am Mittwochmorgen nicht aus, dass der Täter nach Deutschland geflüchtet sein könnte. Unklar ist, ob der Angreifer sich noch in der Elsass-Metropole aufhält. Gesucht werde auch ein Bruder des Attentäters. Die Schweizer Bundespolizei schrieb per Twitter, die nördliche Grenze werde stärker kontrolliert.

Wegen des Anschlags rief zudem die französische Regierung die Protestbewegung der “Gelbwesten” zum Verzicht auf weitere Demonstrationen auf. Regierungssprecher Benjamin Griveaux appellierte am Donnerstag im Sender CNews an die Aktivisten, “am Samstag vernünftig zu sein und nicht demonstrieren zu gehen”. Er begründete dies mit der Belastung der Sicherheitskräfte durch das Attentat.

Dem Appell der Regierung an die “Gelbwesten” schloss sich auch die gemäßigte Gewerkschaft CFDT an. Deren Chef Laurent Berger sagte, die Demonstranten würden den Polizisten sonst zu viel aufbürden.

“Bisher haben wir nicht beschlossen, Demonstrationen am Samstag zu verbieten”, betonte Regierungssprecher Griveaux. Die Präfektur in Straßburg hatte alle Kundgebungen in der elsässischen Hauptstadt untersagt. Sie beruft sich auf die höchste Terrorwarnstufe, welche die Regierung ausgerufen hat.

Viele “Gelbwesten” wollen trotz des Attentats am Samstag auf die Straße gehen, da ihnen die Zugeständnisse der Regierung nicht ausreichen. Moderate Vertreter rufen dagegen zu einem vorläufigen Proteststopp auf. In den vergangenen Wochen war es unter anderem in Paris zu massiven Zusammenstößen mit der Polizei gekommen.

In der “Gelbwesten”-Krise stimmt die Pariser Nationalversammlung am Donnerstagnachmittag über ein Misstrauensvotum drei linker Parteien gegen die Regierung ab. Der Antrag hat keine Chancen auf die nötige absolute Mehrheit. Die drei Parteien – darunter die Sozialisten – verfügen nur über 62 der insgesamt 577 Mandate im Unterhaus.

Von: APA/ag.