"Solche Egoismen tun dem durch die Coronakriseverwundeten Europa nicht gut"

Pressestimmen zur Grenzöffnung Österreichs zu den Nachbarländern

Donnerstag, 04. Juni 2020 | 06:35 Uhr

Zum Beschluss der österreichischen Bundesregierung, die Grenzkontrollen am 4. Juni zu allen Nachbarn außer zu Italien aufzuheben, schreiben die deutschen Zeitungen am Mittwoch:

“Münchner Merkur”:

“Es fällt schwer, in der Entscheidung, dass Österreicher jetzt wieder ungehindert überall hin reisen können, nur nicht ins benachbarte Südtirol, etwas anderes zu sehen als einen unfreundlichen Akt gegenüber dem südlichen Nachbarn, dem man die Touristen wegschnappen will. Für ein Land, das selbst mit Ischgl den Corona-Skandal schlechthin zu verantworten hat, ist das nicht die feine Art. Solche Egoismen tun dem durch die Coronakrise verwundeten Europa nicht gut. Immerhin: Deutschen Durchreisenden, die es nach Bozen oder an den Gardasee zieht, gestatten österreichische Grenzer den Transit. Aber nur zähneknirschend, wie man vermuten darf.”

“Süddeutsche Zeitung” (München):

“Wichtigster Grundsatz bleibt der Schutz der Urlauber. In den Hotels muss streng auf Abstand und Hygiene geachtet werden. Kliniken müssen genügend Kapazitäten vorhalten und im Notfall auch infizierte Touristen versorgen können. Und auch die Urlauber selbst können durch ihr Verhalten dazu beitragen, das Infektionsrisiko zu minimieren und die Reisefreiheit zu erhalten. Überfüllte Ostseestrände und Alpendörfer am Pfingstwochenende waren eher abschreckende Beispiele dafür, dass viele immer noch lieber an die Hotspots fahren, als sich in weniger überlaufenen Gegenden umzuschauen. Die Öffnung der Grenzen sollte auch zu einer besseren Verteilung der Besucher führen.”

“Tagesspiegel” (Berlin):

“Wer sich in der Urlaubsregion in Zeiten der Krise nicht willkommen gefühlt hat, kehrt vielleicht auch danach nicht mehr so schnell zurück. Dennoch könnten die Urlaubsregionen an der Küste oder in den Bergen zu den Gewinnern der Krise werden, weil Urlaub im eigenen Land sicherer erscheint als eine Reise ins Ausland. Oder man bleibt gleich daheim. Viele Menschen haben ihren Urlaub im Lockdown aufgebraucht, viele sind in Kurzarbeit und haben kein Geld für Reisen. Andere haben die Auszeit genutzt, um ihren Garten oder ihren Balkon zu verschönern und sonnen sich jetzt lieber zu Hause. ‘Dieser Urlaub wird anders sein’, hatte Bundesaußenminister Heiko Maas schon im April gesagt. Er hat recht.”

“Kölner Stadt-Anzeiger”:

“Touristen müssen aber um ihre Verantwortung wissen. Der Wegfall der Reisewarnung für europäische Länder ist kein grünes Licht in unbekümmerte Ferien. Der Sommer 2020 wird anstrengend. Im Hotel gelten dieselben Corona-Regeln wie daheim. Dass etwa Portugal und Griechenland mit niedrigen Fallzahlen durch die Krise kommen, liegt nicht an der Meeresluft. Die Regierungen haben früh strenge Ausgangssperren verhängt, weil sie um die Mängel ihres Gesundheitswesens wissen. Urlauber sollten dies nicht aus Egoismus oder Gedankenlosigkeit auf die Probe stellen.”

Von: apa

Bezirk: Bozen