Tödliche Attacke kostete 39 Menschen das Leben

Prozess wegen Terrorangriff auf Istanbuler Club beginnt

Sonntag, 10. Dezember 2017 | 11:34 Uhr

Knapp ein Jahr nach dem Terrorangriff auf einen Istanbuler Club in der Silversternacht beginnt in der Türkei der Prozess gegen den mutmaßlichen Attentäter. Neben dem Usbeken Abdulkadir Mascharipow müssen sich von Montag an 56 mutmaßliche Komplizen vor dem Gericht am Gefängnis in Silivri nahe Istanbul verantworten.

Ein einzelner Angreifer hatte den Club Reina in Istanbul gestürmt, das Feuer eröffnet und 39 Menschen getötet. Mindestens 79 weitere Menschen wurden verletzt. Mascharipow und anderen Angeklagten droht vielfache lebenslange Haft.

Mascharipow war erst am 16. Jänner gefasst worden. Türkischen Medienberichten zufolge gestand er die Tat und gab an, im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehandelt zu haben. Der IS reklamierte den Anschlag für sich. Auch Mascharipows Ehefrau und zahlreiche weitere Verdächtige wurden verhaftet. In der 90-seitigen Anklageschrift heißt es allerdings, dass mehrere Planer des Anschlags weiterhin flüchtig sind. Der Angriff in der Silvesternacht, der weltweit für Entsetzen sorgte, war der bisher letzte schwere Terroranschlag in einer türkischen Metropole.

Von den 57 Angeklagten sitzen 51 in Untersuchungshaft. Bei den meisten Verdächtigen handelt es sich nicht um Türken, sondern um Ausländer. Sie stammen laut Anklageschrift aus Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan, Kasachstan, Russland, Ägypten, Tunesien, Somalia, Frankreich, China und dem Irak. Das Reina gehörte zu den bekanntesten Clubs Istanbuls. Nach dem Anschlag öffnete es nicht mehr. Das Gebäude am Bosporusufer auf der europäischen Seite Istanbuls wurde teilweise abgerissen und ist heute eine Ruine.

Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, wegen 39-fachen Mordes und des Versuchs, die verfassungsmäßige Ordnung zu stürzen, drohten Mascharipow 40 mal lebenslange Haft. Hinzu käme “vorsätzlicher versuchter Mord” an 79 Personen, was mit bis zu 2.370 Jahren Gefängnis geahndet werden könnte. Außerdem werde ihm “Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation” und Verstoß gegen das Schusswaffengesetz vorgeworfen, was bis zu 15 beziehungsweise 12 Jahre Haft nach sich ziehen könne.

Der türkischen Regierung wurde lange vorgeworfen, den IS nicht ausreichend zu bekämpfen oder gar zu dulden. 2015 und 2016 kam es dann zu einer ganzen Reihe schwerer Anschläge in Istanbul und Ankara, die dem IS angelastet wurden: Im Jänner 2016 in Istanbul zum Beispiel auf deutsche Touristen, auf den Atatürk-Flughafen im Juni und auf das Reina in der Silversternacht. Neben dem IS verübte besonders 2016 eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK schwere Terroranschläge in Ankara und Istanbul.

Seit dem Reina-Angriff ist es in türkischen Metropolen allerdings erstaunlich ruhig geblieben. Westliche Experten führen das auch darauf zurück, dass die Regierung in Ankara das Vorgehen gegen den IS in Anbetracht der vielen Anschläge im vergangenen Jahr deutlich verschärft hat. Gegen die PKK gingen Sicherheitskräfte bereits seit dem Zusammenbruch des Friedensprozesses im Sommer 2015 mit harter Hand vor. Die PKK erlitt 2016 schwere Verluste, als sie den Kampf in Städte in der mehrheitlich kurdischen Südosttürkei trug.

Von: APA/dpa