Russischer Präsident wurde noch nicht Corona-geimpft - Mehrstündige Jahres-PK erstmals nur per Video

Putin: Berichte über Nawalny-Vergiftung nur “ein Trick”

Donnerstag, 17. Dezember 2020 | 13:17 Uhr

Der russische Präsident Wladimir Putin hat Medienberichte zurückgewiesen, wonach Agenten des Inlandsgeheimdienstes FSB den Oppositionspolitiker Alexej Nawalny vergiftet hätten. Dies sei ein Trick, um die russische Führung anzugreifen, sagte Putin am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz. Nawalny sei nicht wichtig genug. “Wer ist er schon? Wenn das jemand gewollt hätte, dann hätte er das auch zu Ende geführt.”

Putin reagierte damit auf Vorwürfe Nawalnys, ein “Killerkommando” des Inlandsgeheimdienstes FSB habe ihn vergiften sollen. Russlands prominentester Regierungskritiker hatte Putin für den Mordanschlag verantwortlich gemacht. Der “Spiegel”, die Rechercheplattformen “Bellingcat” und “The Insider” sowie der US-Fernsehsender CNN hatten kürzlich unter Berufung auf gemeinsame Recherchen berichtet, dass FSB-Agenten Nawalny mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok vergiftet hätten. Der chemische Kampfstoff ist international verboten.

Es handle sich hierbei um Material amerikanischer Geheimdienste, sagte der frühere FSB-Chef Putin. Er behauptete, US-Geheimdienste hätten Nawalny geholfen, die Behauptungen gegen russische Agenten aufzustellen. Der Kremlgegner hatte dagegen erklärt, die telefonischen Verbindungsdaten und Reiselisten von FSB-Mitarbeitern stammten von in Russland auf dem Schwarzmarkt käuflichen Dateien.

Putin meinte nun, wenn Nawalny Zugriff auf solche Datensätze habe, dann sei das interessant. “Dann müssen ihn die Geheimdienste natürlich beobachten. Aber das heißt überhaupt nicht, dass man ihn vergiften muss”, sagte er.

Nawalny war im August während eines Inlandsflugs in Russland zusammengebrochen. Nach einer Notlandung in der sibirischen Stadt Omsk wurde er auf Drängen seiner Familie in die Berliner Charité verlegt. Der 44-Jährige will nach einer Reha-Maßnahme in Deutschland wieder nach Russland zurückkehren.

Putin rief in der großen Jahrespressekonferenz auch alle Russen zur Corona-Impfung auf. Er will sich mit dem von eigenen Forschern entwickelten Impfstoff impfen lassen, sobald das für seine Altersgruppe möglich ist, sagte Putin in der mehrstündigen Fragerunde mit Vertretern internationaler und nationaler Medien, die wegen der Pandemie erstmals nur im Videoformat über die Bühne ging.

“Ich bin ein gesetzestreuer Mensch. Ich halte mich an die Empfehlungen. Für solche wie mich gibt es bisher keinen Impfstoff. Ich mache das, sobald es möglich ist”, sagte Putin. Das international vermarktete Mittel “Sputnik V” ist nach Aussagen Putins “effektiv und ungefährlich”. “Spezialisten sagen, dass sein Schutz 96-97 Prozent erreicht.” Nach Angaben der russischen Gesundheitsbehörden ist es allerdings nicht für Menschen über 60 Jahre geeignet. Ein Impfstoff für ältere Menschen solle aber bald verfügbar sein, hieß es. In Russland läuft seit gut einer Woche landesweit die Massenimpfung gegen das Coronavirus.

Russland ist nach Putins Worten bisher besser durch die Corona-Pandemie gekommen als andere Länder. “Das Gesundheitswesen hat adäquat reagiert”, sagte er. “Wir können mit Überzeugung sagen, dass wir die Probleme würdig gemeistert haben.”

Wegen der epidemiologischen Situation wurde Putin aus seiner Vorstadtresidenz in Nowo-Ogarjowo zugeschaltet. Der Staatschef nimmt seit Monaten wegen der Pandemie nur äußerst selten Termine außerhalb der Residenz wahr. Im flächenmäßig größten Land der Erde gibt es trotz hoher Infektions- und Todeszahlen keinen neuen Lockdown. Russland hatte nach offiziellen Angaben am Donnerstag 28.200 neue Corona-Infektionen. Die Anzahl der Toten stieg um 587 auf nun 49.151.

Schon vor der Pandemie steckte Russland in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Lage hat sich durch hohe Arbeitslosigkeit und durch die Unzufriedenheit der Russen etwa mit Lebensmittelpreisen noch einmal deutlich verschärft. Kritiker werfen Putin vor, keine Lösungen für die Probleme zu haben und die Coronakrise zu untertreiben.

Von: APA/Tass/Reuters/dpa