Der Mann verhielt sich bei der Firma Reisswolf nervös

Reisswolf-Chef sieht höchst ungewöhnlichen Vorgang

Dienstag, 23. Juli 2019 | 22:37 Uhr

In die Schredder-Affäre hat sich am Dienstag der Chef jener Firma eingemengt, die den Daten-Vernichtungsauftrag erfüllt hat. Der Geschäftsführer der Firma Reisswolf, Siegfried Schmedler, sah nämlich einen Vorgang, den man in den 25-jährigen Historie der Firma noch nicht erlebt habe. Zudem wurde via “Falter” ein Überwachungsvideo publiziert, das den ÖVP-Mitarbeiter bei der Schredder-Aktion zeigt.

So wurde bekannt, dass nicht nur eine Drucker-Datei aus dem Kanzleramt vernichtet wurde, sondern deren fünf. Zudem ließ der Mann die Dokumente sicherheitshalber gleich drei Mal Schreddern und sich den Daten-Müll einpacken.

Klar ist mittlerweile auch, wer der Mitarbeiter des Kanzleramts war, auch wenn sein Gesicht in dem Video verpixelt wurde. Es handelt sich um einen Fotografen aus dem Team von ÖVP-Chef Sebastian Kurz, der auch leitend dessen Social-Media-Aktivitäten betreute.

Aufgeflogen war der Mann, der sich bei Reisswolf Maislinger nannte, durch eine TV-Übertragung von einer Kurz-Rede, bei der im Hintergrund zu sehen war. Ein Reisswolf-Mitarbeiter erkannte ihn und über die angegebene Telefonnummer konnte seine tatsächliche Identität ausgekundschaftet werden. Angezeigt wurde der Mann, weil er nicht bezahlt hatte – er soll sich mit “Schlamperei” verteidigt haben.

ÖVP-Generalsekretär Karl Nehammer begründete die Vorgehensweise in der “Schredder-Affäre” mit Angst vor Daten-Leaks. Bereits im vergangenen Wahlkampf habe es schlechte Erfahrungen gegeben, argumentierte er am Dienstag in der ORF-“ZiB2” – und erwähnte ein weiteres Mal die SPÖ und den Politik-Berater Tal Silberstein. Die Vorgehensweise des Mitarbeiters nannte Nehammer “falsch und unkorrekt”.

Dass vor einem Regierungswechsel “nicht veraktete Daten” gelöscht und vernichtet werden sei legitim, unterstrich auch Nehammer. Ebenso wenig ungewöhnlich sei, dass die Aktion schon Tage vor dem Misstrauensantrag im Nationalrat stattgefunden habe. Man habe damit gerechnet, ein solches Votum nicht zu überstehen, meinte der ÖVP-Generalsekretär. “Wenn der Antrag durchgeht, muss alles sehr rasch gehen.”

Auch in diesem Fall lenkte Nehammer die Aufmerksamkeit auf die SPÖ und deren ehemaligen Berater Tal Silberstein. “Wir sind gebrannte Kinder”, bezog er sich auf “Dirty Campaigning” im vergangenen Wahlkampf. Auch damals habe es “Fake News” gegeben und seien Daten geleakt worden. Daher habe man nun gesagt: “Wenn es zu einem Wechsel kommt, sind Daten so effizient wie möglich zu vernichten.”

Zum betroffenen Mitarbeiter des Bundeskanzleramts meinte Nehammer, dass diesem die Aktion leidtue. Er habe den entstandenen Schaden auch sofort bezahlt und kooperiere mit den Sicherheitsbehörden, um den Fall aufzuklären. Das geschredderte Material habe der Mann mitgenommen, da der IT-Bereichsleiter dies so verlangt habe. Einen falschen Namen habe er angegeben, um Rückschlüsse auf das Bundeskanzleramt zu vermeiden, so Nehammer. Dass sich auf den Festplatten Daten zum “Ibiza-Skandal” befunden haben könnten, schloss der Generalsekretär aus.

Die Parteien abseits der ÖVP wittern im anlaufenden Wahlkampf sichtlich eine Chance, die in den Umfragen davon geeilte Volkspartei einzufangen. Durch Anfragen an Kanzlerin Brigitte Bierlein bzw. Justizminister Clemens Jabloner will man vor allem herausfinden, wer die Datenvernichtung beauftragt hat bzw. von ihr wusste. Interessiert sind SPÖ und NEOS vor allem an der Rolle von Kurz selbst sowie von dessen Kanzleramtsminister Gernot Blümel (ÖVP). FPÖ-Mandatar Hans-Jörg Jenewein vermutet jedenfalls, dass noch mehr eigenartige Dinge im Dunkeln lägen. SPÖ-Justizsprecher Hannes Jarolim ersuchte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Kurz auf seine Verantwortung gegenüber dem Land hinzuweisen und dazu beizutragen, dass diese “ausufernde skandalöse Angelegenheit ehebald geklärt ist”.

Was mit den sonstigen Akten des Kanzleramts passiert ist, weiß man vorerst nicht. Im Staatsarchiv ist bisher nichts eingetroffen, sagte dessen Generaldirektor Manfred Fink am Dienstag der APA. Dies kann freilich noch passieren, auch andere Ressorts haben vorerst keine Akten angeliefert, andere wie Innen- und Finanzministerium schon. Ohnehin kann jeder selbst entscheiden, was und ob er liefert, denn es gibt auch noch die Option, die Unterlagen der Nachfolgerin zu überlassen. Ob Bierlein Dokumente erhalten hat, soll sie in der Anfragebeantwortung kundtun.

Eine Sondersitzung des Nationalrats zur “Schredder-Affäre” wird indes immer wahrscheinlicher. Die Liste JETZT bereitet einen entsprechenden Antrag vor, berichtete die Tageszeitung “Österreich” Dienstagabend. Für eine Zustandekommen bräuchte es allerdings aufgrund der Sommerpause des Parlaments ein Drittel der Abgeordneten. JETZT-Mandatar Peter Pilz will daher mit SPÖ und FPÖ reden.

Von: apa

Kommentare

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5 Kommentare auf "Reisswolf-Chef sieht höchst ungewöhnlichen Vorgang"


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genau
genau
Universalgelehrter
29 Tage 16 h

er die Rechnung von rund 76 Euro nicht bezahlt habe, habe man Anzeige erstattet😄😄😄

wiakimpdir4
wiakimpdir4
Tratscher
29 Tage 12 h

Wo steat do eppes von 76 €? Brazch i a Brille?

genau
genau
Universalgelehrter
29 Tage 12 h

@wiakimpdir4

Der Artikel wurde wohl abgeändert.
Heute Vormittag stand noch was von 76 Euro😀😀

Jetzt steht nur noch:
Angezeigt wurde der Mann, weil er nicht bezahlt hatte – er soll sich mit “Schlamperei” verteidigt haben.

Eppendorf
Eppendorf
Universalgelehrter
29 Tage 14 h

System Kurz, dem armen Teufel nicht mal 76 Euro mitgeben, um die Rechnung zu bezahlen. 🤣🤣

Gredner
Gredner
Superredner
29 Tage 14 h

Höchst kurios ist auch, dass man wegen einem solch mickrigen Betrag sofort Anzeige erstattet.

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