Keine Taliban-Kämpfer mehr in Ghazni

Rund 90 Tote bei Gefechten und Anschlag in Afghanistan

Mittwoch, 15. August 2018 | 18:12 Uhr

Im Westen der afghanischen Hauptstadt Kabul hat sich am Mittwochnachmittag ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Er riss mindestens 48 Menschen mit sich in den Tod, mindestens 67 wurden verletzt, wie ein Sprecher des Gesundheitsministeriums, Wahidullah Madshroh, sagte. Erst am vergangenen Freitag überfielen Taliban die strategisch wichtige ostafghanische Stadt Ghazni.

Nach Angaben des Leiters der Kabuler Kriminalpolizei, Salim Almas, zündete der Selbstmordattentäter seine Bombe in einem Bildungszentrum im Viertel Dasht-e Bartshi. Laut Facebook-Profil des Zentrums werden dort Jugendliche auf die Aufnahmeprüfung für die Universität vorbereitet, sie besuchen auch Literatur-Kurse. Lokale Medien berichteten, der Attentäter habe sich als Student ausgegeben.

Zunächst reklamierte niemand den Anschlag für sich. Das Viertel war heuer bereits mehrere Male Schauplatz von Selbstmordattentaten. Es wird vor allem von Schiiten bewohnt. Sunnitischen Extremisten werfen Schiiten vor, sie seien vom rechten Glauben abgefallen.

Anders als in vielen muslimischen Ländern gibt es in Afghanistan keine Geschichte blutiger Fehden zwischen Sunniten und Schiiten. Aber seit dem Aufkommen der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) Anfang 2015 sind Schiiten – die meistens der ethnischen Minderheit der Hasara angehören – zunehmend Ziel von grausamen Angriffen. Seit Jänner gab es in der afghanischen Hauptstadt 16 Anschläge mit mehr als 240 Toten.

Bei den Kämpfen in Ghazni starben bisher mehr als 100 Sicherheitskräfte und 200 Talibankämpfer, wie das Verteidigungsministerium in Kabul mitteilte. Den Vereinten Nationen zufolge wurden zwischen 110 und 150 Zivilisten verletzt oder getötet.

In der Nacht auf Mittwoch wurden bei mehreren Angriffen in der nördlichen Provinz Baghlan zudem mindestens 40 Sicherheitskräfte getötet. Die Aufständischen attackierten demnach im Gebiet Baghlan-e Markasi drei Kontrollposten sowie eine Militärbasis, wie Hadshatullah Wafa, ein Mitglied des Provinzrates, mitteilte.

Militärangaben zufolge übt die Regierung in der Provinz nur in einem Bezirk größeren Einfluss aus. Ein weiterer ist unter Kontrolle der Taliban, die restlichen 13 sind zwischen Regierungstruppen und Taliban umkämpft.

Die Taliban haben in den vergangenen Monaten in Afghanistan vermehrt Großangriffe auf Militärbasen und Kontrollposten der Sicherheitskräfte verübt. Erst am Dienstag überrannten sie eine Militärbasis in der nordwestlichen Provinz Fariab. Die Angaben zu den Opfern waren unklar. Zunächst hieß es, mindestens 50 Soldaten kamen dabei ums Leben. Am Mittwoch hieß es, mindestens 17 Militärs wurden getötet, mindestens zwölf weitere seien schwer verletzt worden.

Die Taliban kontrollieren laut Militärangaben knapp 14 Prozent des Landes, weitere 30 Prozent sind umkämpft. US-Truppen unterstützen die Einsätze der afghanischen Streitkräfte regelmäßig mit Luftangriffen und Spezialkräften. Zudem läuft die NATO-Ausbildungsmission “Resolute Support”.

Just am Mittwoch landete ein Abschiebeflug aus Deutschland mit 46 Afghanen an Bord in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Unter den Abgeschobenen waren 22 rechtskräftig Verurteilte. Die Abschiebungen sind umstritten, weil sich der Krieg in Afghanistan ausweitet. Die aus Deutschland abgeschobenen Afghanen wurden von 101 Polizisten begleitet. Es war die 15. Sammelabschiebung seit dem ersten Flug im Dezember 2016. Damit haben Bund und Länder seit Dezember 2016 bisher 349 Männer nach Afghanistan zurückgebracht.

Laut dem deutschen Innenministerium beteiligten sich an der Rückführungsmaßnahme Brandenburg, Berlin, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, das Saarland und Sachsen. 25 der 46 Männer hatten sich nach Angaben des bayerischen Innenministeriums zuletzt in Bayern aufgehalten. Nach Angaben des Innenministeriums gab es Ende Jänner in Deutschland 4151 ausreisepflichtige Afghanen ohne Duldung. Auch Abschiebungen von Afghanen durch Österreich sind umstritten.

Von: APA/dpa/ag.