Zivilbevölkerung soll Cherson verlassen (Archivbild)

Russische Besatzer Chersons rufen Zivilisten zur Flucht auf

Freitag, 14. Oktober 2022 | 13:48 Uhr

Angesichts der ukrainischen Gegenoffensiven haben die russischen Besatzer im südlichen Gebiet Cherson Zivilisten zur Flucht aufgerufen. Zu ihrer eigenen Sicherheit werde den Menschen empfohlen, nach Russland auszureisen, schrieb der von Moskau eingesetzte Verwaltungschef Kirill Stremoussow am Freitag auf Telegram. Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, er habe mit der Militärführung seines Landes “Schritte zur weiteren Befreiung der ukrainischen Gebiete skizziert”.

Die britische “Financial Times” berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte westliche Militärexperten, die ukrainischen Truppen könnten möglicherweise schon in der kommenden Woche in Cherson bis zum Fluss Dnipro durchstoßen.

Cherson zählt neben Saporischschja, Luhansk und Donezk zu den vier ukrainischen Gebieten, die Kremlchef Wladimir Putin Ende September völkerrechtswidrig annektieren ließ. Siebeneinhalb Monate nach Kriegsbeginn könnte die ukrainische Armee dort nun Beobachtern zufolge recht kurz vor ihrem nächsten großen Erfolg stehen. Mehrfach meldete Kiew in den vergangenen Wochen die Rückeroberung erster Ortschaften in Cherson.

Der ukrainische Präsident Selenskyj gab sich in einer Video-Ansprache an die Nation zum “Tag der Verteidiger der Ukraine” siegessicher. “Indem wir diesen Feind besiegen, werden wir allen Feinden antworten, die in die Ukraine eindringen”, sagte er. “Es wird ein Sieg sein für all unsere Menschen, es wird ein Sieg sein für die Streitkräfte der Ukraine”, sagte Selenskyj, postiert auf den Hügeln außerhalb von Kiew. “Die Welt sieht, dass die Ukrainer ihre Menschlichkeit unter keinen Umständen verlieren. Der Feind kann unsere Städte angreifen, aber niemals unsere Würde.” Der 14. Oktober ist in der Ukraine ein Feiertag, an dem der Soldaten gedacht wird, die sich für die Unabhängigkeit und territoriale Integrität des Landes verdient gemacht haben.

Die Ukraine hat nach eigenen Angaben im vergangenen Monat mehr als 600 Ortschaften zurückerobert. Darunter seien auch 75 Orte in der Region Cherson im Süden des Landes, teilt das Ministerium für die Reintegration vorübergehend besetzter Gebiete am Freitag mit.

Russische Truppen machten unterdessen bei ihrem Angriff auf die ostukrainische Stadt Bachmut nach britischer Einschätzung Fortschritte. Separatisten seien offenbar in die Dörfer Opytne und Iwanhrad südlich von Bachmut vorgerückt, teilte das Verteidigungsministerium in London am Freitag unter Berufung auf Geheimdiensterkenntnisse mit. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj gab sich indes in einer Video-Ansprache an die Nation zum “Tag der Verteidiger der Ukraine” siegessicher.

An den Kämpfen in der Ostukraine ist laut britischem Verteidigungsministerium auch die Söldnergruppe Wagner beteiligt. Von Wagner angeführte Kräfte hätten zuletzt Geländegewinne im Donbass erzielt. Allerdings hätten die Russen seit Anfang Juli kaum Siedlungen erobert, hieß es in London weiter.

Russland wolle eine Einnahme von Bachmut wahrscheinlich als Auftakt zu einem Angriff auf das Gebiet um Kramatorsk und Slowjansk nutzen, das wichtigste von ukrainischen Kräften kontrollierte Bevölkerungszentrum im Gebiet Donezk, so das britische Ministerium. Die vollständige Eroberung der Gebiete Donezk und Luhansk im Donbass galt lange als wichtigstes Kriegsziel des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Russland setze seine Offensive im Donbass fort und mache langsam Fortschritte, hieß es in London. Allerdings seien die russischen Truppen an ihren Flanken erheblichem Druck durch die ukrainischen Streitkräfte ausgesetzt und litten zudem unter Munitionsknappheit und Personalmangel.

Das russische Militär kämpft unterdessen bei der Teilmobilmachung im Angriffskrieg gegen die Ukraine nach Ansicht unabhängiger Experten weiterhin mit großen Problemen. Das Verteidigungsministerium habe “keine angemessenen Bedingungen geschaffen, um den Einsatz eingezogener Männer an der Front einzugliedern und zu verfolgen”, schrieb die Denkfabrik Institute for the Study of War (ISW) mit Sitz in Washington am Donnerstagabend (Ortszeit).

Russische Militärreporter berichteten demnach, dass die Behörden mobilisierte Soldaten an verschiedene Einheiten entsendeten, ohne deren Einsatzorte ordnungsgemäß zu dokumentieren. Daher hätten sich Familien bei der Militärführung beschwert. Zudem würden Männer mit militärischer Erfahrung in Einheiten eingesetzt, die nicht ihren Fähigkeiten entsprächen. Nach Ansicht eines Reporters könnte dies dazu führen, dass Mütter und Ehefrauen Menschenrechtsgruppen gründeten, die “Russland von innen heraus zerreißen werden”.

Der ukrainische Präsident Selenskyj warf in seiner Videoansprache am Donnerstagabend russischen Generälen vor, die mobilisierten Männer als “Kanonenfutter” zu verheizen. Dennoch machten sie die Aufgabe für die ukrainischen Verteidiger schwieriger.

Die Reparaturen an der durch eine Explosion am Samstag vergangener Woche beschädigten Krim-Brücke sollen unterdessen im Juli kommenden Jahres abgeschlossen sein. Das geht aus einem Dokument hervor, das die russische Regierung auf ihrer Website veröffentlicht. Für die Explosion und die massive Beschädigung der Brücke macht die russische Führung die Ukraine verantwortlich.

Von: APA/dpa/Reuters

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