Mit seinem Gang vor die UNO gelang Kreisky Internationalisierung des Konfliktes

Sammelband zeigt komplexe Beziehung zwischen Kreisky und Südtirol

Sonntag, 12. März 2017 | 12:19 Uhr

Bruno Kreisky und Südtirol verbindet eine vielschichtige und ambivalente Beziehung. Als Außenminister hat Kreisky viel für Südtirol auf seinem Weg zur heutigen Autonomie geleistet, trotzdem wurde sein Engagement von den Südtiroler nie entsprechend gewürdigt. Ein Sammelband, in dem die Südtirol-Akten des Kreisky-Archivs aufgearbeitet werden, soll das nun ändern.

Anlässlich des 25. Todestages Kreisky haben sich zahlreiche namhafte einschlägige Historiker – darunter Rolf Steiniger, Hans Heiss und Günther Pallaver – vergangenes Jahr mit der Rolle Kreiskys für Südtirol in einer Konferenz in Bozen befasst. Nun ist ein Sammelband mit den Beiträgen zu der Tagung erschienen. Am Mittwoch wird das Buch in Wien präsentiert.

Der Band bietet interessante Einblicke in die mitunter schwierige Beziehung Südtirols mit Kreisky, der wegen seiner politischen und persönlichen Biografie als Sozialist und seiner jüdischen Herkunft südlich des Brenners auf große Vorbehalte stieß.

Neue Erkenntnisse liefern die Südtirol-Akten im Kreisky-Archiv dazu, dass Kreisky über die Aktivitäten der Untergrundorganisation Befreiungsausschuss Südtirol (BAS) offenbar weit besser Bescheid wusste, als bisher angenommen. Zugleich widerlegen sie aber den in Sympathisanten-Kreisen weitverbreiteten Mythos, der SPÖ-Politiker habe die Attentate gutgeheißen oder sogar gefördert.

Vom Umfeld der Südtirol-Terroristen wird Kreisky die Aussage zugeschrieben: “Es ist gut (…), wenn es in Südtirol einmal bumst, denn nur so wird die Welt auf dieses Problem aufmerksam.” Die Südtirol-Akten des Kreisky-Archivs widerlegen diese Version, wie der Historiker Christoph Franceschini zeigt. Da Kreisky sich der politischen Gefahr seiner Treffen mit BAS-Kreisen bewusst war, sicherte er sich mit Aktennotizen und persönlichen Protokollen ab. Darin hielt er etwa fest, dass er ausdrücklich betont habe, “dass nur friedliche Mittel zielführend sind und alle anderen Aktionen mit einer Niederlage enden müssen.”

Von zentraler Bedeutung für die Geschichte Südtirols hin zur heutigen Autonomie war Kreiskys Gang vor die UNO 1960. Dadurch wurde der bilaterale Konflikt zwischen Italien und Österreich, der zwischenzeitlich sogar zur inneritalienischen Causa abzusinken drohte, auf die internationale Ebene gehoben, wie der Historiker Hans Heiss in seinem Beitrag betont. Diese Internationalisierung hat dazu geführt, dass der Fall Südtirol kein Spezialfall mehr war, sondern in Zusammenhang mit anderen Minderheiten, Kolonialvölkern und Ende der 1950 hochaktuellen Fragen der imperialistischen Politik gesehen wurde.

Aber Kreisky nutzte das Thema durchaus auch für seine eigenen Interessen, so konnte er sich damit wenige Jahre nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags auf internationaler Bühne profilieren, was aber nicht ohne Risiko war. “Es war ein Kampf auf ,Leben und Tod ́ im politischen Sinne, den ich über Jahre hin bei der UNO ausgefochten habe, und wenn es danebengegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich zusammenpacken und mich für immer aus der Politik verabschieden können”, schrieb Kreisky in seinen Memoiren.

Der Gang zur UNO wurde ein Erfolg. Kreiskys Südtirol-Politik endete dennoch mit einer Niederlage: Die SVP lehnte die von Kreisky und dem italienischen Außenminister Giuseppe Saragat ausgehandelte Vereinbarung im Jänner 1965 ab. Kreisky, der 1966 auch als Außenminister abging, zog sich aus der Südtirol-Frage zurück. Die Südtiroler hielt er für “verrückt” wie er intern meinte.

Interessant dargelegt sind in dem Buch auch darauffolgende Versuche Kreiskys im überwiegend christ-demokratisch geprägten Südtirol eine Sozialdemokratie zu etablieren.

Fast die Hälfte des Buches macht das für die historische Aufarbeitung des Themas sicher wichtige, für Nicht-Historiker aber eher sperrige Findbuch für die Südtirol-bezogenen Bestände des Kreisky-Archivs aus.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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1 Kommentar auf "Sammelband zeigt komplexe Beziehung zwischen Kreisky und Südtirol"


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klara
Grünschnabel
12 Tage 4 h

An die Redaktion:
Vielleicht habe ich den Artikel nur oberflächlich gelesen und weiß deshalb nicht, wie der Buchtitel lautet und wo ich es finde?

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