Ukraine meldet militärische Erfolge (Archivbild)

Selenskyj: Rückeroberungen bei Charkiw

Mittwoch, 07. September 2022 | 22:50 Uhr

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat die Gegenoffensive seiner Streitkräfte im Osten des Landes bestätigt. Es gebe in dieser Woche “gute Nachrichten aus der Region Charkiw”, sagte er am Mittwochabend in seiner Videoansprache. Die Ukrainer hätten Grund, Stolz auf ihre Armee zu sein. Aus den Berichten russischer Kriegskorrespondenten ergibt sich, dass die ukrainische Armee seit Dienstag bei Balaklija erfolgreich vorrückt und mehrere Ortschaften zurückerobert hat.

“Jetzt ist nicht die Zeit, diese oder jene Siedlung zu nennen, in die die ukrainische Flagge zurückkehrt”, sagte der Staatschef. Er zählte drei Brigaden der Armee auf, die sich besonders ausgezeichnet hätten. Ebenso dankte er zwei Brigaden, die an dem Angriff im Süden der Ukraine im Gebiet Cherson beteiligt seien. “Jeder Erfolg unseres Militärs in die eine oder andere Richtung verändert die Situation entlang der gesamten Front zugunsten der Ukraine”, sagte Selenskyj.

Die Ukraine bekennt sich indes erstmals direkt zu Angriffen auf russische Stützpunkte auf der annektierten Halbinsel Krim. Die Ukraine habe dort eine Reihe erfolgreicher Raketenangriffe ausgeführt, einschließlich auf die Basis Saki, erklärte der ukrainische Militärchef Walerij Saluschnji in einem von ihm mitverfassten Artikel für die Nachrichtenagentur Ukrinform am Mittwoch. Zehn Kampfjets seien zerstört worden.

Bisher hat die Ukraine stets nur angedeutet, dass sie in die Angriffe im August involviert gewesen sein könnte.

Saluschnji schrieb außerdem, er habe allen Grund davon auszugehen, dass der Krieg in seinem Land dieses Jahr nicht enden werde. Er warnte auch, es bestehe ein “direktes Risiko”, dass Russland unter gewissen Umständen taktische Atomwaffen einsetzen werde. Auch ein erneuter russischer Angriff auf die Hauptstadt Kiew sei nicht auszuschließen, ebenso wenig wie ein Angriff von Belarus aus.

Russlands Präsident Wladimir Putin stellte das Vorgehen in der Ukraine als rein vorteilhaft für sein Land dar. “Wir haben nichts verloren, und wir werden nichts verlieren”, sagte Putin auf dem Wirtschaftsforum im ostrussischen Wladiwostok. Der wichtigste Zugewinn für Russland sei eine Stärkung der eigenen Souveränität.

Dessen ungeachtet machen die ukrainischen Streitkräfte bei ihrer Gegenoffensive im Osten des Landes offenbar Fortschritte. Zwar hielt sich die Regierung in Kiew weiter bedeckt. Doch der gegnerische ranghohe Separatist Danijl Bessonow aus dem russisch besetzten Teil der Region Donezk äußerte sich ungewöhnlich offen. Seinen Angaben zufolge begannen ukrainische Streitkräfte am Dienstag mit einem seit längeren vorbereiteten Angriff auf Balaklija. Die 27.000-Einwohner-Stadt liegt zwischen der umkämpften Großstadt Charkiw und dem russisch-besetzten Isjum, wo sich ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt für den russischen Nachschub befindet.

Die eigentliche Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte läuft deren Angaben zufolge aber im Süden des Landes. Doch auch hierzu lassen sich die ohnehin spärlichen Informationen und Angaben unabhängig kaum überprüfen. Die Führung in Kiew lässt keine Journalisten an die Front und veröffentlicht nur eingeschränkte Lageberichte, um auch Russland im Unklaren zu lassen und das Momentum der Überraschung nicht aus der Hand zu geben. Eine Militärsprecherin wurde in Medien mit den Worten zitiert, dass “bereits einige Gebiete befreit” wurden. Nach Einschätzung westlicher Militärexperten versucht die Ukraine im Süden anscheinend, Tausende russische Soldaten am Westufer des Dnjepr festzusetzen und deren Nachschublinien zu zerstören.

Wichtige Vertreter der Vereinten Nationen kritisierten unterdessen russische Deportationslager im ukrainischen Kriegsgebiet deutlich. Das russische Militär soll Menschen aus der Ukraine dorthin bringen, um sie dann gegen ihren Willen nach Russland oder in russisch besetztes Gebiet weiter zu transportieren. “Die anhaltenden Beschuldigungen über gewalttätige Vertreibung, Deportation und sogenannte “Filter-Camps” Russlands und angeschlossener lokaler Kräfte sind extrem beunruhigend”, sagte die UN-Beauftragte für politische Angelegenheiten, Rosemary DiCarlo, am Mittwoch bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats in New York.

Es gebe glaubwürdige Berichte, wonach ukrainische Kinder von ihren Eltern getrennt und nach Russland deportiert würden, damit sie dort schnell eingebürgert und zur Adoption freigegeben werden können, sagte Ilze Brands Kehris, Chefin des UN-Menschenrechtsbüros in New York.

US-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield sagte, dass es Schätzungen einiger Quellen gebe, wonach Russland zwischen 900.000 und 1,6 Millionen Menschen aus der Ukraine befragt, festgenommen und aus ihren Heimatorten nach Russland oder in das russisch besetzte Gebiet in der Ukraine deportiert haben soll.

Von: APA/Reuters/dpa

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