Martha Ebner feiert 100. Geburtstag

Spiegel und Spuren eines Jahrhunderts

Montag, 06. Juni 2022 | 08:37 Uhr

Aldein – Geboren im Jahr des Marsches der Faschisten auf Rom hat Martha Ebner Faschismus, Nationalsozialismus und Weltkrieg am eigenen Leib erfahren, war mitten im Geschehen beim Erstarken Südtirols und hat abseits mit Bedacht ihre Familie zusammengehalten. Martha Flies Ebner feiert am Pfingstmontag ihren 100.Geburtstag. Als Schriftleiterin der „Die Südtiroler Frau“ ist sie noch voll ins Berufsleben integriert. Ihr Engagement bei „Frauen helfen Frauen“ und dem „Haus der geschützten Wohnungen“ ist ungebrochen. Die jüngere Landesgeschichte hat sie aus unmittelbarer Nähe erlebt oder war sogar mittendrin – ohne je die erste Reihe zu suchen. „Ich bin zufrieden, wie es gegangen ist“, sagt sie im Interview mit dem Tagblatt Dolomiten – auch wenn das Leben sie nicht mit Samthandschuhen angefasst hat. Hier gibt es einen Auszug des Gesprächs.

„Dolomiten“: Frau Ebner, Ihre erste Erinnerung?

Martha Ebner: An Weihnachten. Die ganze Familie war beieinander, mein Onkel Kanonikus Gamper war immer dabei. Und ich muss gestehen, ich habe sehr lange ans Christkind geglaubt, dass sogar meine Schulfreundin irgendwann zu mir sagte, du bist ja blöd. Aber bei uns hat immer eine Katakombenlehrerin den Baum geschmückt. Diese Frau ist immer im letzten Moment mit hochrotem Kopf zu uns gekommen und kurz darauf hat’s geläutet.

Apropos Schule: Sie mussten die italienische Schule besuchen. Wie war das für ein kleines deutschsprachiges Mädchen?

In Bozen gab es zwei Mädchenschulen  – die öffentliche Cairoli-Schule und die von Klosterfrauen geführte private Marienschule, die ich besucht habe. Mein Onkel Kanonikus Gamper hat vis a vis von der Marienschule im Marieninternat – die heutige Marienklinik – gewohnt. Deshalb kannte ich die gewissen Klosterfrauen gut, die im Internat Deutsch sprachen und in der Schule plötzlich nur Italienisch. Für mich als Kind völlig überraschend. Wir durften nur Italienisch reden, auch in der Pause. Anhand von Bildern haben wir die Sprache gelernt.

Sie haben die streng verbotene Katakombenschule besucht. Wie war das für ein Kind?

Die Ausbildung der Katakombenlehrerinnen fand vis a vis im Marieninternat im obersten Stock statt. Ich war das „Versuchskaninchen“. Klosterfrauen haben unterrichtet. Als Kind war man im Zwiespalt. Auf der einen Seite ja nicht sagen, wo man  hingeht, und auf der anderen Seite das achte Gebot „Du sollst nicht lügen“ und die Angst vor der Hölle – und vor jedem Polizisten. Nicht leicht für ein Kind.

1938 fährt Hitler mit dem Zug durch Südtirol. Erinnern Sie sich noch daran?

Sehr gut sogar. Die Leute sind zu den Bahnhöfen und haben gewartet, bis Hitler vorbeifährt und dabei hatte er die ,Vorhangln‘ zugezogen. Die Leute waren maßlos enttäuscht. Sie glaubten, Hitler käme, sie zu erlösen, dabei waren wir ihm komplett wurst.

Haben Sie Hitler jemals aus der Nähe gesehen?

In der Zeit, als ich von 1935 bis 1939 in Landshut bei den Zisterzienserinnen eine Art Handelsoberschule besucht hab, war ich in München in Ferien. Da sah ich, wie Hitler  – nur ein paar Meter weg – aus dem Auto gestiegen ist. Die Leute waren begeistert. Ich habe auch Veranstaltungen der Nazis bei der Feldherrnhalle und am Königsplatz gesehen. Dieser Fanatismus, den die Leute ausgestrahlt haben, hat mich sehr alteriert. Dieses Heil-Hitler-Schreien habe ich heute noch in den Ohren. Das war der Grund, dass ich bei der Option gesagt habe, ich gehe nicht da hinaus.

Dann kam der Krieg…

Der Krieg, die Bombardierungen, ein Schock. Allein wenn ich auf die Mendel schaue, sind die Erinnerungen zurück. Die Bomber sind immer über die Mendel gekommen, um Bozen zu bombardieren. Unheimlich, wie sie in Formationen kamen, das Grollen. Wir sind in den Keller geflüchtet, wegen der Bombardements ging das Licht aus. Meist wurde über die Mittagszeit bombardiert. Sobald die Sirenen heulten, sind wir in den Luftschutzkeller an der Oswaldpromenade.

Sie haben mitten in den Kriegswirren 1944 geheiratet. Warum?

Mein Mann war auch Dableiber und Offizier beim italienischen Heer. 1943 beim Zusammenbruch war er in Florenz, ist herauf geflüchtet, und hat sich als ausgebildeter Jurist bei einer Firma in Ghedi in der Provinz Brescia als Lohnbuchhalter beworben. Denn in Südtirol hätte er von den Nazis Schwierigkeiten bekommen. Die Firma hat Flugplätze gebaut und Eisenbahnlinien nach den Bombardierungen repariert. Chef der Firma war der Vater des ÖVP-Politikers Andreas Khol. So haben wir geheiratet und sind für ein Jahr nach Ghedi. Von Ghedi sind wir auch einmal nach Florenz gefahren, den dorthin geflüchteten Kanonikus Gamper zu besuchen. Von Südtirol aus hätten wir nie zu ihm fahren können, aus Angst, dass uns die Nazis auf die Spur kämen und wir sie direkt zu ihm führen.

War das Kriegsende dann befreiend?

Nein, für meinen Mann und mich  traumatisch. Wir waren zum Schluss in Sirmione, wo die Firma  einen Sitz hatte, und wollten dort eigentlich bleiben. „Die Amerikaner und die Italiener werden uns schon nichts tun, wir sind ja Dableiber“, dachten wir uns.

Von wem ging Gefahr aus?

Von den Partisanen. Um nicht in die Partisanen-Hochburg Bergamo zu müssen, wo die Firma auch einen Sitz hatte, hat sich mein Mann im Wehrmachts-Lazarett am Blinddarm operieren lassen. Das hat uns wahrscheinlich das Leben gerettet. Hätten wir nach Bergamo müssen, hätten sie uns erschossen. In Sirmione haben sie uns dann unsere schönen Räder gestohlen. Da fragten wir uns: Wenn sie heute die Räder stehlen, was werden sie morgen mit uns machen? Also sind wir im Pulk des Wehrmacht-Lazaretts mit, haben im Zelt geschlafen und sind übers Etschtal nach Lana. Uns haben sie mitgenommen, weil die Deutschen alle gegangen sind. Wir waren so froh, dass die Nazis endlich weg waren. Ein Albtraum war weg.

1945 haben Sie Kanonikus Gamper zwei Jahre nach seiner Flucht aus Südtirol aus Rom heimgeholt…

Ich habe meinen Onkel kaum wiedererkannt, so abgemagert war er. Geholt habe ich ihn mit Kapuzinerpater Eusebius. Auf der Fahrt heim haben wir alle Gefangenenlager abgeklappert, wo Südtiroler Wehrmachtsoldaten festgehalten wurden.

Von klein auf war Ihr Leben mit Politik verwoben. 1945 wurde die SVP gegründet.

Durch den Kanonikus, die Faschisten und die italienische Schule war ich von klein auf involviert, ob ich wollte, oder nicht. Ich kann mich noch an den Aufbau der Partei erinnern, wie mein Mann und Friedl Volgger von Dorf zu Dorf sind, um Mitglieder anzuwerben und welche Begeisterung im Land herrschte. Beeindruckend war, obwohl die Dableiber von den Optanten fest unterdrückt worden sind, dass man imstande war zusammenzuhalten. Und das war sicher ein Verdienst von Kanonikus Gamper und von Erich Amonn. ,Vergessen nicht, aber vergelten auch nicht‘, sagten sie. Denn es hieß, jetzt zusammenhalten im Interesse der Südtiroler – und es hat funktioniert.

Was wenn nicht?

Dann wäre der Unfrieden von 1939 weitergegangen und es hätte keine Autonomie gegeben. Das Verdienst, dass die Partei hat gegründet werden können, hatten die Dableiber. Amonn konnte sagen, „wir Dableiber waren keine Nazis“, und deswegen haben die Amis zugestimmt.

Sie wurden mit 100 als Seniorenvertreterin der Stadt Bozen bestätigt. Ist die SVP nach dem jüngsten Tohuwabohu immer noch Ihre Partei?

Das Bild von der Partei wurde nicht getrübt. In einer Sammelpartei hat es immer wieder Unstimmigkeiten gegeben. Ich erinnere nur an Dietl oder Jenny. Aber die konnten immer wieder beseitigt werden, ohne lange an die Öffentlichkeit zu gehen.

1960 betrat Silvius Magnago das politische Parkett. Für Sie kein Unbekannter?

Nein, ich kannte Magnago schon, als er  noch beide Beine hatte. Ich kannte auch seine Mutter. Wir waren auch als „Paarln“ befreundet.  Für mich war er immer der Nino, ich war eine der wenigen, die ihn so nannten. Magnago war ein sehr eigener Mensch, streng mit sich selbst und streng mit den anderen. Einmal sagte er, er wäre am liebsten Dirigent geworden, weil sich dann alle nach seinem  Taktstock hätten richten müssen.

Die 1960-er Jahre waren auch sehr unruhige Zeiten. Zur Beerdigung von Sepp Kerschbaumer sind 15.000 Menschen gekommen. Sie waren nicht darunter, warum?

Ich hatte keine Beziehung, weder zu  Sepp Kerschbaumer noch zum BAS. Und die Bombenjahre waren für mich ein Albtraum, weil sie meinen Mann und meine Familie bedroht haben. Wir lebten in Angst, Angst davor, dass sie zu uns nach Hause  kommen.  „Wir wissen, wo wir euch kriegen“, ließ man uns wissen.

Dann kam 1972 mit dem Autonomiestatut das große Aufatmen. Haben die Südtiroler das einordnen können?

Der Großteil der Leute hat verstanden, dass endlich eine andere Zeit anbricht und wir Herren im eigenen Land werden.

Ein wahrer geschichtlicher Meilenstein in den vergangenen 100 Jahren war der Fall der Berliner Mauer. Hatten Sie das für möglich gehalten?

Nein, überhaupt nicht. Genauso  wie man nicht für möglich hielt, dass jetzt mitten in Europa ein Krieg ausbricht.

Sie haben Faschismus, Nationalsozialismus und Krieg erlebt. Ihre Enkel und Urenkel sehen sich  einem schwer kalkulierbaren Klimawandel gegenüber, Krieg in Europa, Flüchtlingsströme. Vielleicht mag für Sie diese Frage überzogen wirken, aber hat es diese Generation schwerer als die Ihre?

Die Generation meiner Enkel hat von vornherein viel mehr gehabt: Materielles, Schule, Ausbildung, Reisen. Insofern haben sie es viel angenehmer als wir. Sie wurden auch nicht so streng erzogen. Um die Zukunft beneide ich sie nicht. Aber wie unsere Generation ihre Probleme gemeistert hat, bin ich sicher, dass auch die nächste Generation ihre Probleme meistern wird. Mein Ratschlag: Seid zuversichtlich!

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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8 Kommentare auf "Spiegel und Spuren eines Jahrhunderts"


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PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
22 Tage 18 h

Eine grosse Frau, zweifelsohne, die nachhaltig gelebt, gearbeitet und Spuren hinterlassen hat.

Zugspitze947
22 Tage 16 h

Gratuliere,eine sehr starke Frau 👌 Alles Gute weiterhin ☺👌

Doolin
Doolin
Kinig
22 Tage 14 h

…meine allerbesten Glückwünsche…

Ninni
Ninni
Kinig
22 Tage 7 h

@ Doolin

kann mich nur anschliessen.
Herzlichen Glückwunsch ! 💐

Hut ab, eine bemerkenswerte Frau, 100 Jahre !!!

Storch24
Storch24
Kinig
22 Tage 13 h

Auch wurden sie (Enkel) nicht so streng erzogen.
Großartige Frau. Werden das die Enkel ?

Marielena
Marielena
Neuling
22 Tage 5 h

Alles Gute zum Geburtstag Frau Martha

Doolin
Doolin
Kinig
21 Tage 16 h

…den rot drückenden Neidhammeln hier wünschen wir trotzdem, dass auch sie alle den 100. Geburtstag erleben dürfen, auch wenn sie im Leben weit weniger geleistet haben dürften, als die Jubilarin Ebner…

Wunder
Wunder
Tratscher
21 Tage 23 h

Die besten Wünsche zum 100. Geburtstag!
Mögen noch weitere feine, unbeschwerte und gesunde Jahre hinzukommen.

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