Die Rettungseinsätze vieler Staaten könnten bald zu Ende sein

Staaten ringen um Abschluss von Afghanistan-Evakuierungen

Mittwoch, 25. August 2021 | 21:40 Uhr

Weniger als eine Woche vor dem Ende der militärisch gesicherten Evakuierungen aus Afghanistan sinken für Tausende Menschen die Chancen auf eine sichere Ausreise. Trotz Bitten europäischer Verbündeter um eine Verlängerung des Einsatzes halten die USA am Truppenabzug bis kommenden Dienstag fest. Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Entscheidung über den Zeitpunkt als schwieriges Dilemma.

76 österreichische Staatsbürger mit afghanischen Wurzeln bzw. Menschen mit Aufenthaltsberechtigung in Österreich sind bisher aus Afghanistan nach Österreich gebracht worden, wie Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) am Mittwoch am Rande einer Pressekonferenz mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Wien mitteilte. Mehrere Dutzend würden noch auf die Ausreise warten, erklärte das Außenamt danach auf APA-Anfrage.

Der Deutsche Bundestag stimmte dem laufenden Einsatz der Bundeswehr mit bis zu 600 Soldaten am Mittwoch zu und schuf damit nachträglich die rechtliche Grundlage für die Mission. Die USA machten weiter Tempo bei den Evakuierungen. Innerhalb von 24 Stunden habe das US-Militär mehr als 11.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen, teilte das Weiße Haus mit. Im gleichen Zeitraum hätten 48 Maschinen internationaler Partner rund 7800 Menschen evakuiert.

Seit dem Start der Evakuierungsmission Mitte August flogen die USA demnach rund 82.300 Menschen aus oder ermöglichten deren Ausreise. Rund um den Flughafen Kabul harren weiter Tausende in der Hoffnung auf einen Evakuierungsflug ins Ausland aus.

Die militant-islamistischen Taliban hatten in den vergangenen Wochen nach dem Abzug der ausländischen Truppen in rasantem Tempo praktisch alle Provinzhauptstädte des Landes eingenommen – viele kampflos. Auch in Kabul rückten sie Mitte August ein, Kämpfe gab es keine. Der blitzartige Vormarsch überraschte viele Beobachter und Regierungen.

Auf dem Papier waren die Taliban den afghanischen Streitkräften unterlegen. Rund 300.000 Mann bei Polizei und Armee standen Schätzungen zufolge rund 60.000 schlechter ausgerüsteten Taliban-Kämpfern gegenüber. Diese profitieren aber von ihrem brutalen Ruf, den sie während ihrer Herrschaft in den 90er-Jahren mit öffentlichen Exekutionen oder Auspeitschungen erlangt haben.

Vor allem frühere Regierungsbeamte, Mitglieder der Sicherheitskräfte, Menschenrechtler oder Ortskräfte und Mitarbeiter ausländischer Streitkräfte und Organisationen haben Angst vor Racheaktionen der Taliban. In dem Gedränge vor den Zugängen zum Flughafen sind mehrere Menschen getötet worden.

Die Bundeswehr flog bis zum Mittwochnachmittag um die 5000 Menschen aus – überwiegend schutzbedürftige Afghanen, aber auch mehr als 500 deutsche Staatsbürger. In Kabul halten sich nach Angaben des Auswärtigen Amts noch mehr als 200 deutsche Staatsbürger auf. Zum Einsatz kommen für Evakuierungen ausgebildete Fallschirmjäger, die Eliteeinheit KSK, aber auch Feldjäger, Sanitäter und die Flugzeugbesatzungen der Luftwaffe. Der Einsatz gilt als bisher größte Evakuierungsmission der Bundeswehr.

Im Bundestag stimmten 539 Abgeordnete für den Einsatz, 9 dagegen, 90 enthielten sich. Das Parlament muss jedem bewaffneten Einsatz der Bundeswehr zustimmen. In Ausnahmefällen ist das auch nachträglich möglich, vor allem, wenn Gefahr in Verzug ist. Das trifft nach Ansicht der Bundesregierung in diesem Fall zu.

Merkel sprach sich für Verhandlungen mit den Taliban aus. Es dürfe aber “keine unkonditionierten Vereinbarungen” mit den neuen Machthabern geben, sagte Merkel in einer Regierungserklärung im Bundestag. Sie räumte erneut ein, dass die Bundesregierung die jüngsten Entwicklungen falsch eingeschätzt habe. Für den schnelle Zusammenbruch in Afghanistan machte Merkel die Sicherheitskräfte des Landes und die politische Führung verantwortlich. 26 westliche Staaten versuchen, ihre Staatsbürger und schutzsuchende Afghanen auszufliegen. Dafür bleiben nur noch wenige Tage. “Die Entwicklungen der letzten Tage sind furchtbar, sie sind bitter”, sagte Merkel dazu. “Für viele Menschen in Afghanistan sind sie eine einzige Tragödie.”

Die Taliban sagten inzwischen in den Verhandlungen mit der deutschen Bundesregierung zu, dass Afghanen auch nach dem für den 31. August geplanten US-Truppenabzug das Land verlassen dürfen. Das twitterte der deutsche Verhandlungsführer Markus Potzel nach Gesprächen mit dem Vizechef des politischen Büros der Taliban in Katar, Shir Mohammed Abbas Staneksai. Dieser habe ihm versichert, dass Afghanen mit gültigen Ausweisdokumenten nach dem 31. August weiterhin die Möglichkeit haben werden, mit kommerziellen Flügen auszureisen.

Die Taliban haben unterdessen die Türkei nach deren Angaben um technische Unterstützung beim Betrieb des Flughafens in Kabul nach dem Abzug ausländischer Truppen gebeten. Die Taliban bestünden aber darauf, dass auch die Regierung in Ankara bis zum Ende der Frist am 31. August ihr Militär komplett abziehe, sagen zwei Vertreter der Türkei.

Von: APA/dpa/Reuters/AFP

Kommentare

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12 Kommentare auf "Staaten ringen um Abschluss von Afghanistan-Evakuierungen"


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pfaelzerwald
pfaelzerwald
Universalgelehrter
1 Monat 5 h

Die Katastrophe wird noch kommen.

sophie
sophie
Universalgelehrter
1 Monat 3 h

Bin von Biden übermässig enttäuscht, der starke Mann zeigt Schwächen, die USA haben sich das alles eingebröckelt, nun sollen sie das auch Auslöffeln, und das Europa läuft ihnen hinterher, ohne einen Kompromiss oder einem Vorschlag….

DontbealooserbeaSchmuser
30 Tage 18 h

Der starke Mann 😆 vor 50 Jahren vielleicht 😄

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 4 h

Ich denke, aktuell besteht da keine Gefahr, die sind froh, wenn sie die Amis so schnell wie möglich los werden. So lange noch welche da sind, ist die Gefahr eines Gegenschlags zu groß.

sophie
sophie
Universalgelehrter
1 Monat 3 h

Der Westen und die USA geben ein Ernärmliches Bild gegenüber den Taliban ab, es ist zum schämen, sie nicht mal imstande den Taliban Paroli zu bieten und die Frist der Rettungsflüge zu verlängern. Da nützt es wenig wenn Von der Leyen riesige Geldbeträge verspricht, mit Geld ist den Menschen nicht heholfen, denn das kommt sowieso in falsche Hände, es ist eine SCHANDE WAS SICH DORT ABSPIELT

Tina1
Tina1
Tratscher
1 Monat 3 h

Putin wirft Westen vor, Chaos in Afghanistan zu hinterlassen (msn.com)

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Superredner
30 Tage 16 h

tina1@

so falsch kann Putin nicht liegen!

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
30 Tage 14 h

@ischJOwurscht …die Russen haben sich dort auch eine blutige Nase geholt…
😅

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Superredner
28 Tage 3 h

Doolin@

Auch Dank der Amerikaner,
oder schon vergessen, wer diese Mudjahedin unterstützt haben?
In den 80-ger Jahren des letzten Jahrhunderts?

Kleine Hilfe es waren die USA.
Aber die Russen haben es nach ca. 10 Jahren verstanden, dass es nicht wert ist , gegen diese Gotteskrieger mit Steinzeit Kultur zu kämpfen!

ex-Moechteg.Lhptm.
ex-Moechteg.Lhptm.
Universalgelehrter
1 Monat 1 h

wenn man auf Fcbk Kabul sucht und zum Beispiel die Seite der dortigen Universität öffnet und dann noch einige Profile anschaut, derer die wo die Seite geliket haben, dann möchte mann meinen, dort herrscht eine heile Welt.

Faktenchecker
30 Tage 15 h

Danke Trump!

ischJOwurscht
ischJOwurscht
Superredner
30 Tage 16 h

wenn das nur gut geht!

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