Strache sieht sich als Opfer von Kriminellen

Strache will “seine Unschuld” beweisen

Dienstag, 21. Mai 2019 | 22:40 Uhr

Der zurückgetretene FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache hat Dienstagfrüh ein etwas merkwürdiges Facebook-Posting abgesetzt, in dem er sich selbst in “Unschuld” wähnt und als Opfer von Kriminellen sieht. “Wir werden die Hintermänner des kriminellen Videos und Dirty Campaignings aus dem Ausland gegen meine Person ausfindig machen und meine Unschuld beweisen! Dafür kämpfe ich!”, so Strache.

Strache entschuldigt sich zudem bei den im verhängnisvollen “Ibiza-Video” als angebliche Spender genannten Unternehmen. “Meine in dem besagten Video-Mitschnitt dargestellte Nennung dieser prominenten Unternehmerpersönlichkeiten war ein Ausdruck schlichter Prahlerei, nicht mehr”, sagte er am Dienstag gegenüber der APA.

Die Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft hat die Auslieferung des freiheitlichen Nationalratsabgeordneten Markus Tschank beantragt. Das berichtete die ORF-“ZiB2” am Dienstag. Tschank war für Vereine tätig, die möglicherweise in Zusammenhang mit Parteispenden an die FPÖ stehen könnten. Der Anwalt ist auch designierter Finanzreferent seiner Partei.

Der oberösterreichische FPÖ-Landesparteichef LHStv. Manfred Haimbuchner ist sich unterdessen “zu 100 Prozent” sicher, dass die FPÖ mit Norbert Hofer als Spitzenkandidat in die Nationalratswahl gehen werde. Gefragt, ob der zurückgetretene Bundesparteiobmann Strache je wieder eine Funktion in der FPÖ bekleiden solle, antwortete er klar: “Nein.”

Der Präsident des Deutschen Bundestags, Wolfgang Schäuble, glaubt unterdessen, dass beim Ibiza-Video, das Strache als Vizekanzler und FPÖ-Chef sowie Klubobmann Johann Gudenus zu Fall brachten, ein Geheimdienst am Werk war. “Irgendwie riecht’s nach irgendwas wie ein Geheimdienst”, sagte der CDU-Politiker laut einer Audioaufnahme, die das deutsche Magazin “Stern” am Dienstag veröffentlichte.

Der nach der “Ibiza-Affäre” ebenfalls aus allen Funktionen zurückgetretene ehemalige FPÖ-Politiker Johann Gudenus sorgt sich, dass es bei dem verhängnisvollen Video nicht bleiben wird. “Ich befürchte weiteres Material, das mich in kompromittierenden Situationen zeigt”, sagte er am Dienstag zur APA. Dies sei neben dem bekannten Video ein weiterer Grund für den vollständigen Rückzug aus der Politik gewesen.

Gudenus hat auch weitere Details offengelegt, wie es angeblich zu dem Treffen mit dem Lockvögeln gekommen war. Die “Ibiza-Affäre” soll ihren Anfang am 24. März 2017 in einem Wiener Innenstadtlokal genommen haben, wo man mit der vermeintlichen Oligarchen-Nichte, ihrem deutschen Mittelsmann und einen Wiener Anwalt in Kontakt trat, erzählt er dem “Kurier”. Gudenus bezeichnete den Anwalt mit Kanzlei in der Wiener Innenstadt als zentrale Figur. Er soll die Personen überhaupt erst zusammengebracht haben. Schon früher soll dieser einem der ÖVP nahestehenden PR-Berater belastendes Material gegen FPÖ-Politiker angeboten haben.

“Benebelt, naiv und vertrauensselig – in dieser Kombination ein echtes Desaster”, kommentierte Gudenus die bereits veröffentlichten Aufnahmen. Aus Angst um die Veröffentlichung weiteren Materials habe er alle Funktionen zurückgelegt – um noch größeren Schaden abzuwenden. “Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dieses einmalige Treffen auf Ibiza mitorganisiert und damit Heinz-Christian Strache überhaupt erst mit dieser Causa in Verbindung gebracht habe”, meinte er.

“Da muss ja ziemlich viel Organisations- und Finanzkraft dahinterstecken, diese Falle zu konstruieren, die ja nicht unintelligent war. (…) Was die da diesem Strache da auf Ibiza vorgespielt haben, scheint einigermaßen plausibel gewesen zu sein. Der muss ja kein kompletter Idiot sein”, sagte Schäuble laut “Stern”. Demnach äußerte sich der Parlamentspräsident am Montag vor Zuschauern auf einer Veranstaltung an einem Gymnasium in Freiburg.

Er sei jedenfalls gespannt, ob die Hintergründe des Videos aufgeklärt werden, fügt der 76-Jährige in der kurzen Wortmeldung hinzu. Er hoffe, ja, sagte der Bundestagspräsident und stellte weitere Überlegungen an. “Man fragt sich: Warum jetzt? Und wer hat es gemacht? Und zu welchem Zweck? Hat man gedacht, man kann den erpressen? Hat man ihn vielleicht die letzten zwei Jahre schon erpresst?”

Der für seinen Separatismus bekannte bosnisch-serbische Politiker Milorad Dodik, Vertreter der Serben in der dreiköpfigen Staatsführung Bosniens, ist unterdessen überzeugt, dass es sich bei der Ibiza-Affäre um ein “abgekartetes Spiel” gehandelt hat. Die gute Zusammenarbeit mit der FPÖ wolle er jedenfalls fortsetzen, ließ Dodik am Montagabend laut Medienberichten wissen.

“Wir haben eine gute Zusammenarbeit und werden diese weiterführen. Offensichtlich handelt es sich um ein abgekartetes Spiel”, sagte Dodik zu dem Ibiza-Video, das am Samstag zum Rücktritt von Vizekanzler Heinz-Christian Strache sowie FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus und infolgedessen zur Aufkündigung der türkis-blauen Regierungskoalition führte.

Auch zwei Jahre nach Aufzeichnung des Videos habe es “keinen Schaden” gegeben, meinte Dodik. Es habe nichts von dem stattgefunden, was in dem Video gesagt wurde. Angesichts der Entwicklungen in Österreich ortete der Serbenführer eine “Balkanisierung” der europäischen politischen Situation, ohne dies näher zu erläutern.

Die FPÖ unterhält enge Beziehungen zu Dodik. Strache und Gudenus hatten sich in der Vergangenheit mehrmals für die Unabhängigkeit der Republika Srpska von Bosnien-Herzegowina – und damit für Dodiks Linie – ausgesprochen und für heftige Diskussionen gesorgt. Wenige Tage vor der Veröffentlichung des Ibiza-Videos hatte Dodik nach einem Treffen mit Strache in Wien angekündigt, dass seine Partei (SNSD) bei der kommenden Europawahl die FPÖ “symbolisch” unterstützen würde.

Auch der slowenische Oppositionsführer Janez Jansa beteiligt sich an den Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit dem Zerfall der türkis-blauen Bundesregierung infolge des Ibiza-Videos. “Soros-Leute” hätten die Regierung als Reaktion auf das Kopftuchverbot in Volksschulen “zerlegt”, twitterte Jansa am Dienstag auf Englisch.

Der Parteifreund von Bundeskanzler Kurz verbreitete einen Bericht des rechtslastigen Portals “Voice of Europe” mit dem Titel: “Österreich verbietet das Kopftuch in Grundschulen – um Mädchen von der “Unterwerfung” zu befreien und ein Signal “gegen den politischen Islam”. “Und die #Soros Leute zerlegten unmittelbar darauf die Regierung von #Österreich”, kommentierte Jansa den Bericht.

Der Chef der konservativen Demokratischen Partei (SDS) steht dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban nahe, dessen Lieblingsfeind der ungarischstämmige Milliardär und Philanthrop George Soros ist, der autokratischen Herrschern wegen seiner Unterstützung für NGOs und Oppositionsgruppen ein Dorn im Auge ist.

Die Hintergründe des im Jahr 2017 gedrehten Ibiza-Videos, das Österreich an den Rand einer Staatskrise gebracht hat, sind unklar. Der über die Affäre gestürzte Vizekanzler und FPÖ-Chef Strache zeigten ebenso wie Bundeskanzler Kurz mit dem Finger in Richtung des umstrittenen israelischen Politikberaters Tal Silberstein, der im Nationalratswahlkampf 2017 für die SPÖ tätig gewesen war. Silberstein stritt eine Beteiligung ab. Spekuliert wird auch über eine mögliche Beteiligung von Geheimdiensten. Der Kreml hat jegliche Beteiligung dementiert.

Die “Kronen Zeitung” berichtete unterdessen davon, dass Straches Gattin Philippa am Montag samt dem gemeinsamen Kind zu ihren Eltern gezogen sein soll. Ebenfalls am Montag hatte sie gegenüber “heute” erklärt, sie stehe unter Schock und müsse sich und ihre Gedanken “erst richtig sammeln”. Gegenüber oe24 sagte sie gestern – in Anspielung auf ihren knapp sechs Monate alten Sohn Hendrik: “Ich bin stark für meinen kleinen Mann.”

Der politische Rückzug von Strache dürfte für Ehefrau Philippa kein Grund sein, sich nicht weiter für die Partei zu engagieren. In einem am Dienstag veröffentlichten YouTube-Video wirbt die Tierschutzbeauftragte der Partei für EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky, der laut Videobotschaft ihr “ganzes Vertrauen” hat.

Wann das Video mit Straches Ehefrau aufgenommen wurde, ist nicht bekannt. Auch die neu formierte Spitze der Freiheitlichen trat in einem Wahlwerbe-Clip auf dem YouTube-Kanal FPÖ-TV erstmals auf. Die knappe Durchhalte-Botschaft, die sich der designierte Parteichef Norbert Hofer, der am Dienstag abberufene Innenminister Herbert Kickl und Vilimsky aufteilen: “Jetzt” – “erst” – “recht”.

Von: apa