Sorge vor Beeinträchtigung des Zusammenlebens

Studie: Mehrheit der Südtiroler hat “kein Interesse an Doppelpass”

Mittwoch, 23. Oktober 2019 | 13:20 Uhr
Update

Bozen – Die große Mehrheit der Südtiroler steht der Idee einer Doppelstaatsbürgerschaft skeptisch bis negativ gegenüber. 60 Prozent der Befragten würden einer Umfrage zufolge selbst “sicher keinen” Doppelpass beantragen. Die Auslandsösterreicher wünschen sich dagegen einen besseren Zugang zur Doppelstaatsbürgerschaft. Das geht aus zwei Studien hervor, die am Mittwoch in Wien präsentiert wurden.

Die Idee der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft an deutsch- und ladinischsprachige Südtiroler, wie sie von der türkis-blauen Vorgängerregierung in Aussicht gestellt wurde, stößt laut der Studie der Michael-Gaismair-Gesellschaft in Südtirol mehrheitlich auf Ablehnung. “Dabei gibt es zwischen der deutsch- und italienischsprachigen Bevölkerung kaum Unterschiede”, erklärte der Politologe Günther Pallaver von der Universität Innsbruck bei der Präsentation der Untersuchung. Es handle es sich um die erste seriöse Umfrage unter Südtirolern zu diesem Thema, betonte der Obmann der Wiener Gesellschaft für Soziologie Max Haller.

63 Prozent der Bevölkerung in Südtirol halten demnach die Doppelstaatsbürgerschaft für eine problematische Idee oder lehnt sie völlig ab. Die italienische Sprachgruppe steht dem Doppelpass erwartungsgemäß mit großer Mehrheit (71 Prozent) kritisch gegenüber, aber auch unter der deutschsprachigen Bevölkerung überwiegt mit 62 Prozent klar eine negative Einschätzung. Demgegenüber hält nur ein Viertel der Bevölkerung die Doppelstaatsbürgerschaft für eine gute (20 Prozent) oder sehr gute Idee (fünf Prozent), unter den deutschsprachigen Südtirolern sind 22 bzw. sechs Prozent dieser Ansicht.

Tatsächlich einen österreichischen Pass beantragen würde laut der Studie nur eine Minderheit. 13 Prozent der deutschsprachigen Befragten gaben an, sie würden “auf jeden Fall” von einer solchen Möglichkeit Gebrauch machen, 23 Prozent würden dies “unter Umständen”. 58 Prozent wollten dies “sicher nicht”.

Viele Südtiroler befürchten laut der repräsentativen Befragung, die im Frühjahr 2019 vom Institut für Sozialforschung und Demoskopie apollis in Bozen durchgeführt wurde, dass die Ermöglichung einer Doppelstaatsbürgerschaft für die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung negative Auswirkungen auf das Zusammenleben der Sprachgruppen in Südtirol haben könnte. Sowohl unter den deutschsprachigen- als unter den italienischsprachigen Befragten teilten 40 Prozent diese Sorge. 36 Prozent sahen keine Auswirkungen, zehn Prozent gingen davon aus, dass sich das Verhältnis der Sprachgruppen dadurch verbessern könnte.

Weniger überraschend ist das Ergebnis einer ebenfalls am Mittwoch vorgestellten Befragung von Österreichern, die im Ausland leben. Die große Mehrheit (71,6 Prozent) würde den leichteren Zugang zur Doppelstaatsbürgerschaft für Österreicher, die schon länger im Ausland leben, befürworten. 65 Prozent der befragten Auslandsösterreicher würden demnach gerne die Staatsbürgerschaft des Landes, in dem sie leben, annehmen, allerdings nur dann, wenn sie die österreichische Staatsbürgerschaft nicht verlören.

Für die Umfrage im Auftrag des Weltbundes der Auslandsösterreicher wurden im vergangenen Monat insgesamt 2.400 Auslandsösterreicher online befragt. Weltbund-Präsident Jürgen Em sieht in der Umfrage eine wichtige Grundlage, das Anliegen nach einer einheitlichen Regelung der Doppelstaatsbürgerschaft für Auslandösterreicher voranzubringen. Untermauert wurde die Forderung mit dem Hinweis des Politologen Rainer Bauböck, dass der internationale Trend hin zur Erleichterung von Doppelstaatsbürgerschaften gehe. “Österreich ist mit seiner extrem restriktiven Haltung in eine Minderheitenposition gerückt”, so Bauböck.

STF spricht von “grandiosem Eigentor”

Die Süd-Tiroler Freiheit wertet die Ergebnisse der Umfrage anders. Als „grandioses Eigentor“ bezeichnet der Landtagsabgeordnete Sven Knoll die von Günther Pallaver im Auftrag der Gaismair-Gesellschaft durchgeführte Meinungsumfrage zum Doppelpass für Südtiroler. Pallaver gelte selbst als kein Befürworter der doppelten Staatsbürgerschaft für Südtiroler.

„Wenn laut seiner Umfrage ─ ohne jede Vorbereitung und ohne, dass es derzeit überhaupt möglich wäre ─ fast 40 Prozent der Südtiroler die österreichische Staatsbürgerschaft sofort wollen, ist dies kein Misserfolg, sondern übertrifft alle Erwartungen. Dies würde bedeuten, dass mehr als 136.000 Süd-Tiroler die österreichische Staatsbürger sofort beantragen würden und bekräftigt damit die politischen Bemühungen nach einer raschen Umsetzung“, erklärt Knoll.

Von den Gegnern der doppelten Staatsbürgerschaft sei bisher immer behauptet worden, dass höchstens 5.000 bis 10.000 Südtiroler die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen würden. Mit der von Pallaver nun präsentierten Umfrage zeige sich, wie groß das Interesse sei.

„Zum Vergleich, bei der letzten Landtagswahl hat die SVP insgesamt 119.000 Vorzugsstimmen erhalten und die Süd-Tiroler Freiheit 16.927 Stimmen. Das heißt, die doppelte Staatsbürgerschaft wird von mehr Südtirolern gewünscht, als bei den letzten Landtagswahlen SVP und Süd-Tiroler Freiheit zusammen an Stimmen erhalten haben“, betont die Bewegung.

Mit der Meinungsumfrage hätten die Gegner der doppelten Staatsbürgerschaft dem Anliegen Schaden wollen, hätten nun aber genau das Gegenteil erreicht, ist Knoll üerzeugt. „Wenn schon ohne Vorbereitung fast 40 Prozent der Südtiroler die doppelte Staatsbürgerschaft wollen, wird diese bei einer entsprechenden Vorbereitung und Aufklärung mit Sicherheit von einer Mehrheit der Südtiroler beantragt werden“, glaubt die Süd-Tiroler Freiheit.

Heimatbund: “Umfrage übertrifft Erwartungen”

Bozen – Hocherfreut zeigt sich der Südtiroler Heimatbund (SHB) über die Ergebnisse der Umfrage zur Gewährung der österreichischen Staatsbürgerschaft an die Südtiroler. „Dass trotz negativer Werbung – unter anderem auch durch Günther Pallaver, dem Auftraggeber der Umfrage – beinahe 40 Prozent für den rotweissroten Pass sind, bestätigt, dass er ein Herzensanliegen der Südtiroler ist“, so Obmann Roland Lang

Der SHB erinnert dazu an die Umfrage in Österreich im Jahre 2014, bei der sich 83 Prozent für die Gewährung der österreichischen Staatsbürgerschaft an die Südtiroler ausgesprochen haben.

„Ebenso erklärte die italienische Bevölkerung, in einer italienweit durchgeführten Umfrage im Jahre 2018 mit 59 Prozent, also mit einer klaren Mehrheit, keine Einwände zu einer doppelten Staatsbürgerschaft für die Südtiroler zu haben. Die doppelte Staatsbürgerschaft für die Südtiroler wäre ein souveräner Akt unseres Vaterlandes und außerdem für niemanden zwingend. Es stellt sich damit Frage, warum jemand sich dagegen aussprechen kann. Wer sie nicht will, braucht sie ja einfach nicht zu beantragen“, schließt Lang.

Von: apa

Bezirk: Bozen