Mehrheit für Proporz

Südtiroler fassen den Begriff „Muttersprache“ ganz unterschiedlich auf

Freitag, 22. Juli 2022 | 11:23 Uhr

Bozen – Aus der „Wave“ von Juni 2022 des probabilistischen Panels des ASTAT gehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen der italienischen, der deutschen und der ladinischen Sprachgruppe zum Thema „Muttersprache und Proporz“ hervor. Den Proporz befürworten 54 Prozent der 18- bis 80-Jährigen; mit den neuen Generationen sinkt jedoch allgemein das Interesse für dieses Thema.

Hier geht es zum PDF!

Weltweit definieren selbst Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Begriff „Muttersprache“ auf unterschiedliche Weise. Scheinbar herrschen auch in Südtirol, wo dieser Begriff oft parallel mit dem Wort „Sprachgruppe“ verwendet wird, diesbezüglich erhebliche Meinungsverschiedenheiten.

Mit jeweils 46 und 38 Prozent überwiegen das ethnische Kriterium (das mehr mit der Identität und dem Bedürfnis der Zugehörigkeit zu einer Gruppe verbunden ist) und das chronologische Kriterium (im Sinne der Sprache, die als erste erlernt wurde), wobei letzteres am ehesten der etymologischen Bedeutung des Wortes entspricht.

Nur ein kleiner Teil (14 Prozent) nennt hingegen Fachkompetenz als Kriterium und definiert die Muttersprache als die Sprache, die zurzeit besser beherrscht wird. Dieses Ergebnis erklärt unter anderem, warum der Anteil der Gemischtsprachigen auf etwa fünf Prozent geschätzt wird (Sprachbarometer; ASTAT 2014), obwohl die Anzahl der perfekt zweisprachigen Personen wahrscheinlich viel höher ist.

Die Bedeutung, die dem Begriff „Muttersprache“ beigemessen wird, unterscheidet sich stark nach soziodemographischen Eigenschaften der Person. Auch das Geschlecht bedingt die Antworten: Mehr Frauen als Männer verstehen unter „Muttersprache“ (43 gegen 33 Prozent) die „Sprache der Mutter“. Männer hingegen verstehen darunter besonders oft die „Zugehörigkeit zu einer Gruppe“ (ethnisches Kriterium; 49 Prozent).

Junge Menschen neigen eher als andere Altersklassen dazu, bei der Definition des Begriffs von der Fachkompetenz auszugehen. Schließlich beeinflusst auch die Schulbildung die Antwort. Vor allem ist aber die Muttersprache der befragten Person ausschlaggebend: So ordnen die Ladiner und Ladinerinnen insbesondere dem ethnischen Kriterium große Bedeutung zu, während sie das Kriterium der Fachkompetenz fast nie nennen. Die Italiener und Italienerinnen „glauben“ hingegen kaum an das chronologische Kriterium.

Zum Proporz: Insgesamt findet er vom Großteil der Bevölkerung (54 Prozent) Zustimmung. Wenn wir davon ausgehen, dass die Personen, denen laut eigener Aussage der Proporz kein Begriff ist, diesen wahrscheinlich auch nicht als unentbehrlich einschätzen würden, denken schätzungsweise 46 Prozent, dass darauf verzichtet werden könnte.

Die Hälfte der Personen, die sich gegen den Proporz aussprechen (33 Prozent), bezeichnet ihn als „ethnischen Käfig“ und die andere Hälfte schlicht als überflüssig. Auch in diesem Fall sind viele Unterschiede durch die soziodemographischen Variablen erklärbar. 23 Prozent der jungen Menschen kennen den Begriff nicht, während Ältere eher dafür sind, den Proporz beizubehalten (zwei von drei Personen).

Die meisten Gegenstimmen stammen aus der Stadt Bozen (50 Prozent). Auch wer eine mittlere bzw. hohe Schulbildung genossen hat, ist häufiger gegen die Beibehaltung des Proporzes (42 gegenüber 26 Prozent).

Besonders starke Unterschiede werden bei der Betrachtung nach Sprachgruppe deutlich: Jeweils 62 und 85 Prozent der Deutsch- und Ladinischsprachigen befürworten den Proporz, demgegenüber nur 33 Prozent der Italienischsprachigen.

STF: „Beibehalten, einhalten, erklären“

Die übergroße Mehrheit der deutsch- und ladinischsprachigen Süd-Tiroler befürwortet den Proporz. Das ist für die Süd-Tiroler Freiheit an der Studie des Statistikamtes ASTAT wichtig. „Die Zahlen strafen jene linksgrünen Kritiker Lügen, die den Proporz als anachronistisch abtun und abschaffen wollen! Das Gegenteil ist notwendig!“, betont die Süd-Tiroler Freiheit.

Über 60 Prozent der deutschsprachigen Südtiroler würden den Proporz für wichtig halten. Bei den Ladinern liege die Zustimmung sogar bei 85 Prozent. „Schon beim Autonomiekonvent zeigte sich, dass viele Süd-Tiroler den Proporz nicht abschaffen, sondern beibehalten und aufwerten wollen“, so die Bewegung.

Die ASTAT-Studie zeige aber auch, dass immer mehr junge Menschen die Grundpfeiler der Autonomie nicht kennen. Fast ein Viertel der 18- bis 39-Jährigen wisse nicht, was der Proporz ist.

Die Süd-Tiroler Freiheit sieht sich in ihrem Einsatz bestätigt. „Der Proporz ist eine der wichtigsten Säulen der Autonomie. Er ist bedeutend für den ethnischen Frieden in Süd-Tirol“, betont Stefan Zelger von der Landesleitung der Bewegung. „Der Proporz soll sicherstellen, dass öffentliche Arbeitsplätze und Sozialleistungen proportional und gerecht zwischen den Sprachgruppen aufgeteilt werden. Er ist auch ein Instrument dafür, dass das Recht auf Gebrauch der Muttersprache garantiert wird“, unterstreicht Zelger.

Für die Süd-Tiroler Freiheit ist klar: „Der Proporz muss bleiben, eingehalten und aufgewertet werden. Die Landesregierung darf den Proporz nicht aushebeln und tatenlos zusehen, wenn er missachtet wird!“

Außerdem müsse die Autonomie in den Schulen besser und stärker vermittelt werden, ist die Bewegung überzeugt. Denn: „Wie sollen künftige Generationen um unsere Rechte kämpfen, wenn sie diese noch nicht einmal kennen?“

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

14 Kommentare auf "Südtiroler fassen den Begriff „Muttersprache“ ganz unterschiedlich auf"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Savonarola
17 Tage 6 Min

wieder mal der übliche Denkfehler: “Gemischtsprachigkeit” und “Zweisprachigkeit” sind zwei verschiedene Dinge. Zweisprachig ist, wer sich beiden Hochsprachen korrekt ausdrücken kann. Gemischtsprachig ist, wer weder die eine, noch die andere Sprache beherrscht, oder nur eine Sprache und einen Dialekt der anderen Sprache (wie z.B.die Artioli,die darauf auch noch stolz war). Gemischtsprachigkwit ist kein Wert, sondern ein Armutszeugnis. Und iatz geah i Benzina mochn,weil i honn in Zug verloren und muast mitn Auto gian.

falschauer
16 Tage 22 h

was würdest du als deine muttersprache bezeichnen? pusterisch, sarnerisch oder vinschgerisch?

Doolin
Doolin
Kinig
16 Tage 21 h

…in keller hon i zwoa toate mausen gsechn…

Grünschnabel
16 Tage 20 h

Stell dir vor, geschtern bin i si gwesn in Keller untn und hon i si gsechn zwoa toate Mausn…
So isches komplett.

Look_at_Yourself
Look_at_Yourself
Universalgelehrter
16 Tage 19 h

falschauer
Vermutlich so wie ich, Deutsch mit Dialekt.

falschauer
16 Tage 17 h

@Look_at_Yourself

ich hätte mir eigentlich eine antwort von savonarola erwartet, muttersprache kann nur deutsch, englisch oder welche sprache auch immer sein, dialekt ist keine sprache, worauf ich hinaus will ist, dass unsere muttersprache deutsch ist und dass ein erschreckender teil der südtiroler ihre muttersprache in wort aber vor allem in schrift nicht beherrschen, was man von den italienischsprachigen südtirolern nicht sagen kann

Savonarola
17 Tage 11 Min

ja ja, immer feste für alle möglichen und
vermeintlichen Menschenrechte lauthals demonstrieren, Kniefälle veranstalten usw., aber das Eigene vernachlässigen, und dann der große Katzenjammer, wenn die Meloni an die Macht kommt…

falschauer
16 Tage 22 h

das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun, wenn du schon von menschenrechten schreibst, dann fang in erster linie bei dir selbst an diese zu respektieren und was die meloni anbelangt, so ist diese nicht nur ein horror für südtirol, sondern für ganz europa

Savonarola
16 Tage 17 h

@falschauer

das Recht auf freie Meinungsäusserung zu respektieren gehört offensichtlich nicht zu deinen Gewohnheiten, so wie du dich immer andere Forumsteilnehmer angehst

falschauer
16 Tage 17 h

@Savonarola

die freie meinungsäußerung habe ich nie jemanden untersagt, im gegenteil ich bin ein verfechter derselben, wenn du meine direktheit themen anzusprechen meinst, so hat diese überhaupt nichts mit der respektierung von freier meinungsäußerung zu tun

Faktenchecker
16 Tage 21 h

Spalterei !

josef.t
josef.t
Superredner
16 Tage 22 h

Der “Proporz”, ist längst überfällig !
Wichtig; wer im öffentlichen Bereich tätig ist, muss
zweisprachig sein (D,I,D) und bei Sozialwohnungen, soll
weiterhin das Punktsystem ausschlaggebend sein !
 

falschauer
16 Tage 16 h

das sehe ich anders im europa des 3. jahrtausends sollte nicht die sprache, sondern die kompetenz zählen und dann wundern wir uns, dass wir in den meisten bereichen nach fähigen menschen ausschau halten, wobei sicherlich auch die verdienstmöglichkeiten eine nicht unwesentliche rolle spielen, aber nicht nur

N. G.
N. G.
Kinig
16 Tage 17 h

Mich stört schon alleine der Begriff “Muttersprache”! “Mutter”? Echt jetzt?
Abgesehen davon, jeder wie er kann und mag!
Ich spreche seit 24 Jahren zu Hause “Hochdeutsch” und bin Pusterer.
Ist das alles sooo wichtig?

wpDiscuz