Helfer suchen nach Verschütteten

Syrische Armee rückt in Aleppo vor

Donnerstag, 06. Oktober 2016 | 18:07 Uhr

Die syrische Armee hat bedeutende Geländegewinne im Kampf um die Großstadt Aleppo erzielt. Die Truppen brachten am Donnerstag nach schweren Kämpfen etwa die Hälfte des Bustan-al-Basha-Viertels unter ihre Kontrolle, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mitteilte. In der Nacht auf Donnerstag hatte das Militär Rebellen und Bewohner von Ost-Aleppo zum Verlassen der Stadt aufgerufen.

Alle, die blieben, würden sich ihrem “unausweichlichen Schicksal” ergeben, warnte die Armee die Bevölkerung. Die Versorgungswege der Rebellen im Norden der Stadt seien gekappt worden. Zudem habe das Militär Kenntnis über sämtliche Rebellenstellungen und Waffenlager in Aleppo. Zuvor hatte das Heereskommando nach Berichten staatlicher Medien angekündigt, aus humanitären Gründen die Angriffe im Osten der Stadt zurückzufahren.

Das UNO-Nothilfebüro OCHA schätzt, dass rund die Hälfte der Einwohner den Osten Aleppos gerne verlassen würden. Demnach hält jedoch die militärische Präsenz der Regierung an den Ein- und Ausgängen Ostaleppos die Menschen vom Verlassen der Stadt ab.

Laut der Beobachtungsstelle stellten zumindest die syrische und die russische Luftwaffe ihre Angriffe nach mehr als zwei Wochen heftiger Bombardierungen Aleppos vorerst ein. Aleppo habe die ruhigste Nacht seit dem Scheitern der Waffenruhe im vergangenen Monat erlebt, meldete die Stelle. US-Außenminister John Kerry und sein russischer Kollege Sergej Lawrow hatten zuvor trotz des Abbruchs ihrer Syrien-Gespräche telefoniert und dabei auch über das Bürgerkriegsland gesprochen.

Russland verstärkt inzwischen weiter seine militärische Präsenz in der Region. Ein mit Marschflugkörpern bewaffnetes russisches Kriegsschiff lief aus seinem Heimathafen Sewastopol im Schwarzen Meer in Richtung Mittelmeer aus. Dort werde die Korvette “Mirasch” zu einer Gruppe weiterer russischer Kriegsschiffe stoßen, meldeten Nachrichtenagenturen unter Berufung auf einen Flottensprecher. Die “Mirasch” ist mit Marschflugkörpern des Typs Malachit bewaffnet. Sie folgt den beiden Korvetten “Serpuchow” und “Seljoni Dol”, die mit Marschflugkörpern des Typs Kalibr ausgerüstet sind.

Russland unterstützt im Syrien-Konflikt Präsident Bashar al-Assad militärisch. Weil sich das Land auch an der Offensive auf Aleppo beteiligt, wo verheerende humanitäre Zustände herrschen, kam es zum Zerwürfnis mit den USA, die die Syrien-Gespräche mit der Regierung in Moskau abbrachen. Zuletzt kam allerdings wieder Bewegung in die diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges.

Frankreichs Außenminister Jean-Marc Ayrault warf dem syrischen Regime ein “blindes Bombardieren” von Aleppo vor. “Nichts kann diesen Feuer- und Todessturm rechtfertigen. Diese Grausamkeiten produzieren die Jihadisten von morgen. Die Spirale der Gewalt muss gestoppt werden”, forderte er am Donnerstag der Agentur Interfax zufolge in Moskau. “Mit seinen Attacken, auch auf die Zivilbevölkerung, unterstützt das Regime die Radikalisierung jener, die noch nicht den Terror unterstützt haben”, sagte Ayrault bei einem Treffen mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow.

Ayrault sprach mit Lawrow insbesondere auch über einen französischen UNO-Resolutionsentwurf für eine Feuerpause in Aleppo. “In der Diskussion über die Resolution gibt es im Sicherheitsrat zwar Fortschritte, aber es existieren noch Hindernisse”, sagte Ayrault. Lawrow betonte, Russland sei zur Mitarbeit am französischen Entwurf bereit.

Der UNO-Sondergesandte für Syrien hat indes vor der völligen Zerstörung des Ostteils von Aleppo bis Weihnachten gewarnt. Tausende weitere Zivilisten würden umkommen und Tausende zu fliehen versuchen, wenn die von Russland unterstützte syrische Luftwaffe ihre Angriffe auf Aleppo in den nächsten Wochen ungehindert fortsetze, sagte Staffan de Mistura in Genf.

Die Welt habe die moralische Pflicht, die humanitäre Tragödie zu beenden, die sich in Aleppo abspiele. Allein in den vergangenen Tagen seien durch die anhaltenden Bombardierungen in Ostaleppo mehr als 300 Menschen getötet worden – unter ihnen etwa 100 Kinder. Russland und Syrien müssten sich fragen lassen, ob sie tatsächlich wegen noch rund 900 bis 1.000 Al-Nusra-Kämpfern in Ostaleppo ein Stadtgebiet mit 275.000 Einwohnern völlig in Schutt und Asche legen wollten, unter ihnen rund 100.000 Kinder.

De Mistura widersprach russischen Angaben, wonach die Hälfte der rund 8.000 in Ostaleppo eingeschlossenen Aufständischen zu der Al-Kaida nahestehenden Al-Nusra-Front gehöre, die sich inzwischen Fatah-al-Sham-Front nennt. Zugleich rief er alle Konfliktparteien auf, die Tragödie zu beenden, indem den Al-Nusra-Leuten der Abzug ermöglicht wird. Er wäre bereit, sie dabei persönlich zu begleiten.

Von: APA/ag.

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