Aus Afghanistan abziehende US-Soldaten

Tadschikistan mobilisiert Armee nach Flucht aus Afghanistan

Montag, 05. Juli 2021 | 23:01 Uhr

Angesichts der anhaltenden Kämpfe in Afghanistan zwischen Sicherheitskräften und den radikalislamischen Taliban mobilisiert das Nachbarland Tadschikistan 20.000 Militärreservisten zum Schutz der Grenze. Präsident Emomali Rachmon ordnete die Einberufung am Montag an, nachdem am Sonntag mehr als 1000 afghanische Sicherheitskräfte vor heranrückenden Taliban über die Grenze geflohen waren.

Zudem besprach er telefonisch die Lage mit Verbündeten in der Region, darunter mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Dieser sicherte Rachmon nach Angaben des Kreml Unterstützung bei der Grenzsicherung zu, wenn dies nötig sein sollte. Russlands größte Auslandsmilitärbasis liegt in Tadschikistan. Dort sind unter anderem Panzer und Hubschrauber stationiert.

Nach heftigen Kämpfen zwischen der afghanischen Armee und den radikalislamischen Taliban hatten 1.037 Soldaten die Grenze überquert, “um ihr Leben zu retten”, wie das tadschikische Komitee für nationale Sicherheit mitteilte. Die Taliban hätten “volle Kontrolle” über sechs Bezirke in der Provinz Badakshan im Nordosten Afghanistans erlangt.

“Unter Berücksichtigung des Prinzips guter Nachbarschaft” sowie der “Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans”, sei den Soldaten der Grenzübertritt gestattet worden, hieß es in einer von der staatlichen tadschikischen Nachrichtenagentur Khovar verbreiteten Mitteilung des Sicherheitskomitees.

Der in der Provinz Badakshan stationierte Soldat Abdul Basir zeigte Verständnis für die Entscheidung von einigen seiner Kameraden, nach Tadschikistan zu fliehen. “Sie wollten sich nicht ergeben. Sie hatten um Verstärkung gebeten, aber ihr Ruf wurde ignoriert”, sagte er.

Beobachter befürchten, dass die Taliban nach dem vollständigen Abzug der NATO-Streitkräfte aus Afghanistan wieder die Macht in dem Land übernehmen könnten. Seit Wochen nimmt die Gewalt in dem Land am Hindukusch massiv zu, die Friedensgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung kommen nicht voran. Die Lage verschärfte sich zusätzlich, nachdem die USA am Freitag die Übergabe ihres Haupt-Militärstützpunkts Bagram an die afghanische Armee bekanntgegeben hatten.

Im Norden des Landes erzielten die Taliban am Wochenende bedeutende Gebietsgewinne. Die Provinzen Badakshan und Takhar wurden fast vollständig von den Radikalislamisten erobert; nur noch in den Provinzhauptstädten liegt die Kontrolle bei den afghanischen Streitkräften. Berichten zufolge gelang den Taliban zudem die Einnahme von strategisch wichtigen Bezirken außerhalb der südafghanischen Großstadt Kandahar sowie in der Provinz Helmand – beides traditionell Hochburgen der Radikalislamisten.

Die Einnahme weiter Teile von Badakshan und Takhar bedeutet für die afghanischen Streitkräfte eine dramatische Niederlage von hoher symbolischer Bedeutung. Beide Provinzen galten während des blutigen Bürgerkriegs in den 1990er Jahren als zentrale Bollwerke der gegen die Taliban gerichteten Nordallianz.

Im Westen Afghanistans haben Taliban nach Behördenangaben unterdessen mindestens 16 Soldaten getötet. Die Kämpfer hätten in der Nacht einen Stützpunkt in der Provinz Herat angegriffen, teilten örtliche Ratsmitglieder am Montag mit. Die Extremisten sind dort in vielen Bezirken aktiv und greifen häufiger Sicherheitskräfte an.

Zwar kündigte die afghanische Regierung eine Gegenoffensive an – ein entsprechender Einsatz werde “absolut” vorbereitet, sagte der Sicherheitsberater der Regierung in Kabul, Hamdullah Mohib, der russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti. Der Kabuler Experte Atta Noori warnte unterdessen vor einem Verlust der Kampfmoral bei den afghanischen Soldaten. Mohib ist ein wichtiger Berater des afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani.

“In fast jeden Bezirk, den die Taliban einnehmen, schicken sie ein Team aus Dorfältesten, um mit den Soldaten zu sprechen und sie zur Kapitulation zu bewegen”, sagte Noori, der von einer “Notsituation für die afghanische Regierung” sprach. Die angekündigte Gegenoffensive müsse “so schnell wie möglich” erfolgen.

Trotz des rapiden Vorpreschens der Taliban hält US-Präsident Joe Biden an seiner Entscheidung fest, bis spätestens zum 11. September alle verbliebenen US-Soldaten aus Afghanistan abzuziehen. Ein Viertel der Bezirke im Land haben die Taliban seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen Anfang Mai erobert.

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beklagte in Moskau eine Destabilisierung in Afghanistan wegen des Abzugs der Truppen der USA und ihrer Verbündeten. Zur Frage möglicher zusätzlicher Kontingente für eine Verstärkung der in Tadschikistan stationierten russischen Streitkräfte sagte er, dies müssten das russische Militär und der Grenzschutz entscheiden. Eine Entsendung russischer Truppen nach Afghanistan werde es aber nicht geben, betonte er.

Von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen 2001 hatten die Taliban Afghanistan beherrscht und die Menschenrechte, vor allem die Rechte der Frauen, im Land massiv beschnitten. Die USA intervenierten an der Spitze eines NATO-Bündnisses kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in Afghanistan. Die Taliban-Regierung in Kabul hatte sich geweigert, gegen die Al-Kaida von Osama bin Laden, dem Drahtzieher der Anschläge in den USA, vorzugehen und wurden rasch gestürzt. Allerdings zogen sich ihre Kämpfer unter anderem ins Nachbarland Pakistan zurück und formierten sich neu.

Von: APA/Reuters/dpa

Kommentare

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22 Kommentare auf "Tadschikistan mobilisiert Armee nach Flucht aus Afghanistan"


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der echte Aaron
der echte Aaron
Universalgelehrter
25 Tage 20 h

20 Jahre ist die USA in Afghanistan und hat die Taliban nicht einmal geschwächt?? Sind scheinbar stärker als die Weltmacht USA…..

magari
magari
Grünschnabel
25 Tage 16 h

Es ist ja kaum noch jemand dort. Die USA werden in 2 Monaten komplett abgezogen sein, und Länder wie Italien und Deutschland sind vergangene Woche abgezogen. Die Taliban sind zurzeit auf dem Vormarsch, aber eine groß geplante Gegenoffensive steht an.

6079_Smith_W
6079_Smith_W
Universalgelehrter
25 Tage 2 h

Die USA haben damals 2001/2002den Krieg gewonnen aber anschliessend den Frieden verloren.

Zugspitze947
24 Tage 2 h

magari: Italia hat dort schon vor JAHREN versagt und seine Truppen abziehen müssen ! Deutsche Truppen haben das gebiet dann übernommen 🙂

DAICH
DAICH
Tratscher
24 Tage 1 h

@Zugspitze947
Erbärmliche Aussage! mit Lug und Trug , aber so bist du halt !
Deutschland muss es auch nur den Amis recht machen , sonst zählt da gar nix , ob durchhalten oder nicht !

ohma
ohma
Tratscher
23 Tage 19 h

@Zugspitze947
Ja, ja, ich erinnere mich. Irgendein … hat so etwas wie
“Deutschland wird auch am Hindukusch verteitigt”
gesagt.
Kein Grund, Stolz darauf zu sein.

quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 15 h

die Russen hätten damals die Taliban fast besiegt. Aber leztere bekamen von den Usa ständig die neuesten Waffen und soviel Geld wie sie haben wollten.

Chrys
Chrys
Superredner
25 Tage 14 h

Ich würde eher sagen, Russland war der Grund des gesamten Übels
1979 kamen durch einen Putsch, unterstützt von Russland, eine kommunistische Partei an die Macht. Diese nahm Grundenteignungen vor und ermordete die herrschende Oberschicht. Dadurch ging dann der gesamte Bürgerkrieg los. Alles andere ist dann ja .
Russland hat dann 10 Jahre an Seite der sozialistischen Regierung gekämpft und Amerika hat die Opposition unterstützt. Seither ist Afghanistan nicht mehr zur Ruhe gekommen. Heute ist wahrscheinlich Pakistan an der gesamten Misere maßgeblich beteiligt.

Wiesodenn
Wiesodenn
Tratscher
25 Tage 5 h

Taliban    zuerst Freund der Amerikaner
                später Feind der Amerikaner

quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 3 h
@Chrys, ganz so war es nicht. In Afghanischen war eine brutale feudale Oberschicht an der Regierung. Ein Erbe der kolonialen Herrschaft Engands. Diese Regierung wurde durch einen Putch beseitigt, wonach umfassende demokrstische Reformen in Kraft gesetzt wurden. Diese Entwicklung waren den Usa nicht angenehm, da man die guten Geschäfte bekanntlich mit einer Diktatur machen kann, nicht mit einer demokratischen Regierung. So machten sie sich den Umstand zunutze, daß in Afghanistan eine religiöse Schicht nicht mit den Reformen einverstanden waren, weil diese sie in ihren Privilegien beschränkten. Die Usa hetzten diese Schicht gegen die Regierung noch mehr auf, finanzierten und bewaffneten… Weiterlesen »
Neumi
Neumi
Kinig
25 Tage 1 h

@ Chrys Tatsächlich gehen die Probleme noch viel weiter in die Vergangenheit zurück.
Um sich Verbündete zu sichern versprachen die Engländer im 1. WK jedem was anderes. Die Stämme waren natürlich froh, jemanden zu haben, der sie gegen die Osmanen unterstützte. Nach dem Krieg allerdings kamen die Parteien mit den verschiedenen Forderungen, die mehr oder minder allesamt abgelehnt wurden, in der Zeit wurden auch die neun Staatsgrenzen um Irak & Co. gezogen. Plötzlich gab’s jede Menge neuer Staaten, von denen jeder glaubte, Anrechte auf die Gebiete der anderen zu haben.

Neumi
Neumi
Kinig
25 Tage 57 Min

… dann wurden auch ein paar Bevölkerungsgruppen in einen gemeinsamen Staat gezwungen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollten.
Unter den Osmanen waren sie zwar allesamt Bürger zweiter Klasse gewesen, aber es gab doch einen gewissen Grundrespekt. Ohne den Daumen von oben sprossen die nationalistischen Gedanken wie Unkraut. Das hält bis heute an.

quilombo
quilombo
Superredner
24 Tage 23 h

@Neumi, das stimmt

olter
olter
Tratscher
24 Tage 19 h
@Chrys Eine abenteuerliche Meinung hast du zu diesen Geschehnissen. “Russland war der Grund des gesamten Übels. 1979 kamen durch einen Putsch, unterstützt von Russland, eine kommunistische Partei an die Macht.” Einfach erklärt, aber komplett Unsinn, da es unheimlich viel auslässt. “Amerika hat die Opposition unterstützt.” Damit meinst du sie haben die Taliban mit aufgebaut, oder nicht? Osama Bin Laden hat sich ja auch in Afghanistan als Mudschhedin die ersten Sporen verdient. “Heute ist wahrscheinlich Pakistan an der gesamten Misere maßgeblich beteiligt.” Pakistan war schon bei der ersten Machtergreifung der Taliban maßgeblich involviert mit seinem Geheimdienst. “Seither ist Afghanistan nicht mehr… Weiterlesen »
Zugspitze947
24 Tage 2 h

quilombo: du bist wieder mal ein Märchenerzähler =einfach erbärmlich deine Behauptungen 🙁

quilombo
quilombo
Superredner
23 Tage 19 h

@Zugspitze947, du könntest zum Beispiel Geschichte lernen, aber die echte, nicht die Geschichtchen aus den Schulbüchern, fange an etwas von Geopolitik zu lernen, verfolge die Geschehnisse eines Landes der letzten 100 Jahre, oder zumindest der letzten 50, sehe dir genau die Biografien der wichtigsten Persönlichkeiten an, lese alle Quellen und vergleiche sie. Wenn du das ein paar Jahrzehnte lang gemacht hast, dann kannst du mit mir diskutieren. Das kleine Häufchen Mainstream welches du hast, reicht nicht.

Karl
Karl
Universalgelehrter
25 Tage 5 h
Der  Westen träumt immer noch  diese Länder  als “Demokratien” aufzubauen. Einfach nur lächerlich.  Man kann die Taliban in Afghanistan nicht besiegen da sie  gleich wie  damals in Vietnam  voll in der absoluten Mehrheit der  Bevölkerung  integriert sind. Kurz gesagt  der Großteil der Afghanen  …usw.   sind   überzeugte Taliban  und nicht nur ein Grüppchen Spinner  die wie Robin Hood mit seinen  Rebellen  im  Wald  sitzen und  dort Soldaten überfallen. Das selbe wird auch  in  Syrien und im Irak  mit dem IS passieren.  Da dort aber Öl im Spiel ist  werden die Amis und  der Rest der Geier aus aller Welt  nicht so… Weiterlesen »
quilombo
quilombo
Superredner
25 Tage 4 h

die Ahghanen sind nicht zur Mehrheit Taliban. Vor der Einmischung des Westens war Afghanistan auf dem Weg zu einer echten Demokratie im Stile eines europäischen Landes. Es gab keine Verschleierungspflicht für Frauen und viele hatten einhohes politisches Amt. Im Land waren die Funktionen von Stast und Religion getrennt und es gab viele fortschrittliche Freiheiten.
Aber die Usa bildeten sich ein, daß ein so freies Land kommunistische Tendenzen habe, und sie berechtigt seien einzugreifen. Ich will hier nicht alle Details aufzählen, aber es waren die Usa welche hinter dem Entstehen der Taliban stand, um sie im Antikommunismus einzusetzen.

Wiesodenn
Wiesodenn
Tratscher
25 Tage 5 h

Die NATO verlässt fluchtartig das Land, nachdem der längste amerikanische Krieg (20 Jahre) verloren wurde.

berthu
berthu
Universalgelehrter
25 Tage 2 h

Leider werden die dann Ihre Militärs woanders “spielen lassen”. Amerika ist mit Kriegsrückkehrern immer sehr rudimentär umgegangen. In De nicht besser. Da sind sehr viele zerstörte problematische Persönlichkeiten generiert worden.

ahiga
ahiga
Superredner
25 Tage 15 h

..wissen die pfosten überhaupt für , oder wegen was die sich gegenseitig killen?

Zugspitze947
24 Tage 2 h

Diese Land ist einfach vie zu groß und so nicht zu Steuern bzw zu Regieren. Eine Aufteilung in 3 Teile wäre sinnvoll !👌

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