Der Einsatz geht weiter

Taliban aus Zentrum von Kunduz vertrieben

Dienstag, 04. Oktober 2016 | 18:51 Uhr

Nach dem Eindringen von Taliban-Kämpfern haben die afghanischen Streitkräfte eigenen Angaben zufolge die Kontrolle über die Stadt Kunduz wieder weitgehend zurückgewonnen. Mit Unterstützung der USA sei es am Dienstag gelungen, die Oberhand in den meisten Bezirken zu erlangen, teilten die Behörden mit. Es sei zu vereinzelten Gefechten gekommen.

“Derzeit konzentrieren wir uns darauf, die Stadt zu säubern”, sagte ein Sprecher des Innenministeriums in Kabul. In Kunduz hatte die deutsche Bundeswehr bis vor gut zwei Jahren einen großen Stützpunkt betrieben. Am Montag waren Taliban-Kämpfer bis ins Stadtzentrum vorgerückt.

“Wir haben mehrere Plätze zurückerobert”, sagte der Polizeichef der Stadt, Kasim Jangalbagh. Aufseiten der Islamisten seien 25 Menschen getötet worden, bei den Sicherheitskräften drei. Auch Kampfjets seien in der Nacht zum Einsatz gekommen. Nach Angaben des US-Militärkommandos in Kabul wurden die afghanischen Soldaten von einem amerikanischen Hubschrauber unterstützt.

Die Taliban erklärten dagegen im Internet, die Kämpfer seien weiter in der Stadt. Die Kampfhandlungen dauerten an, Regierungstruppen seien auf der Flucht. Die Extremisten hatten am Montag zentrale Bereiche von Kunduz besetzt oder angegriffen. Dabei trafen sie offenbar nur auf wenig Widerstand. Nach Angaben des US-Militärs und von Augenzeugen gab es dabei keine größeren Gefechte.

Die Taliban feierten ihr Vorrücken als besonderen Erfolg, nachdem es ihnen bereits vor fast genau einem Jahr gelungen war, Kunduz kurzzeitig unter ihre Kontrolle zu bringen. Zu dem neuerlichen Vorstoß kam es unmittelbar vor einer zweitägigen Geberkonferenz für Afghanistan in Brüssel.

Dort wurden dem Land zum Auftakt von der EU neue Finanzhilfen in Aussicht gestellt. Eine am Dienstag unterzeichnete Vereinbarung sieht Zahlungen von 200 Millionen Euro in den afghanischen Staatshaushalt vor. Sie sollen jedoch nur dann fließen, wenn es bei Reformvorhaben zufriedenstellende Fortschritte gibt. Aus Österreich wurden für 2017 vier Millionen Euro zugesagt.

Bei der bis zu diesem Mittwoch dauernden Geberkonferenz in Brüssel wollen Spitzenvertreter aus rund 70 anderen Ländern ein neues Unterstützungspaket für den afghanischen Staat und seine Bürger schnüren. Am Ende sollen Hilfszusagen stehen, die zumindest annähernd dem bisherigen Niveau entsprechen.

Zuletzt hatte die internationale Gemeinschaft für einen Vierjahreszeitraum rund 16 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt. Das neue Hilfspaket soll den zivilen Finanzbedarf Afghanistans von 2017 bis Ende 2020 abdecken.

Die Stabilisierung des Landes ist aus EU-Sicht nicht zuletzt wegen der Flüchtlingskrise besonders relevant. Die EU verhandelt aktuell ein Rückübernahmeabkommen für Flüchtlinge mit Kabul. Erst am Sonntag beschlossen beide Seiten eine politische Vereinbarung, die nach Angaben der EU-Kommission weitere Schritte im Bereich “irregulärer Einwanderung” festlegt. Details dazu sollten im Rahmen der Geberkonferenz besprochen werden.

Alleine im vergangenen Jahr kamen rund 213.000 Afghanen als Flüchtlinge in die Europäische Union. In Österreich machten Afghanen mit insgesamt 9.709 Asylanträgen zwischen Jänner und August 2016 noch vor Syrern die größte Gruppe an Schutzsuchenden aus. Einem als vertraulich eingestuften EU-Dokument vom März zufolge hielten sich nach Angaben der Nachrichtenagentur dpa zuletzt rund 80.000 Afghanen in der Europäischen Union auf, die demnächst in ihr Heimatland zurückgeschickt werden sollen.

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich seit dem Ende des NATO-Kampfeinsatzes 2014 massiv verschlechtert. Auch in anderen Landesteilen haben die Taliban an Boden gewonnen und bedrohen Provinzhauptstädte.

Von: APA/dpa