Umkämpfte Stadt Ghazni

Taliban eroberten afghanischen Armee-Stützpunkt

Dienstag, 14. August 2018 | 15:34 Uhr

Nach tagelangen Gefechten haben Kämpfer der radikalislamischen Taliban einen Armee-Stützpunkt im Norden Afghanistans erobert und mindestens 17 Soldaten getötet. Die Armee bereite die Rückeroberung vor, teilte das Verteidigungsministerium am Dienstag in Kabul mit. Die Extremisten nahmen möglicherweise mehrere Dutzend Soldaten gefangen, wie Armeesprecher Muhammad Hanif Rezai sagte.

“Es ist eine Tragödie, dass der Stützpunkt an den Feind gefallen ist”, fügte der Sprecher hinzu. Zum Zeitpunkt des Angriffs hätten sich rund 100 Soldaten in dem Lager aufgehalten. Einige seien getötet oder gefangen genommen worden, “und einige sind in die umliegenden Berge geflohen”, sagte Rezai. Ein Provinzvertreter sprach von rund 40 in Gefangenschaft geratenen Soldaten.

Der Stützpunkt befindet sich im Distrikt Ghormach in der Provinz Faryab. Der Vorfall zeigt, dass die afghanische Armee gegen die Taliban unter wachsendem Druck steht. Die Kampfmoral in den eigenen Reihen ist nicht hoch, immer wieder desertieren Soldaten, die Aufständischen fügen ihnen Verluste zu.

Ein Provinzvertreter von Faryab machte der Armee am Dienstag nach dem Fall des Stützpunkts schwere Vorwürfe. Die Soldaten dort hätten die Armeeführung in Kabul seit Tagen um Verstärkung und Unterstützung aus der Luft gebeten, seien aber ignoriert worden, sagte der Vorsitzende des Provinzrats, Tahir Rehmani. Die Streitkräfte seien “zu beschäftigt” mit der kritischen Lage im südostafghanischen Ghazni gewesen, wo die Taliban vor einigen Tagen eine massive Offensive gestartet hatten.

Dieser Angriff auf die Provinzhauptstadt Ghazni setzte Afghanistans Sicherheitskräfte massiv unter Druck. Nach Regierungsangaben vom Montag wurden mindestens hundert Sicherheitskräfte getötet. Die Kämpfe zur Vertreibung der Taliban aus der Stadt hielten am Dienstag an. Die afghanischen Verbände wurden dabei von der US-Luftwaffe unterstützt.

Bei den Kämpfen seien mehr als 100 Zivilisten getötet oder verletzt worden, teilte die UNO-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) in der Nacht auf Dienstag mit. Die afghanische Regierung hatte am Montag von 130 Toten bei den mehrtägigen Kämpfen gesprochen, darunter 30 Zivilisten und 100 Sicherheitskräfte.

Die Kämpfe verlagerten sich am Dienstag auf Randbezirke der Stadt, im Zentrum flauten die Feindseligkeiten ab. Ein Parlamentsabgeordneter aus Ghazni, Shah Gul Rezaie, sagte am Dienstag, die Extremisten seien aus Teilen der Stadt zurückgedrängt worden. Einige Taliban-Kämpfer hätten sich aber in hohe Gebäude zurückgezogen und schössen von dort aus auf die Soldaten.

Ein Einwohner, Zayed Zia, bezeichnete Ghazni als “Geisterstadt”. Jeder, der fliehen könne, tue dies auch. “Die Taliban gehen von Haus zu Haus, sie suchen Regierungsangestellte oder deren Angehörige, um sie zu töten.” Ein anderer Einwohner, der nur seinen Vornahmen Abdullah nennen wollte, berichtete, dass die Taliban gezielt jene Zivilisten töteten, die sie nicht unterstützen wollten. “Ich habe zwei Lastwagen mit Särgen auf dem Weg zum Friedhof gesehen”, sagte er. Die Stadt sei “voller Rauch”, weil die Taliban Häuser angezündet hätten.

Am Freitag hatten Hunderte Taliban-Kämpfer die Stadt von mehreren Seiten aus angegriffen. Am Montag entsandte die Zentralregierung Verstärkung in die Provinzhauptstadt. Der Angriff dort ist die größte militärische Aktion der Taliban seit dem kurzzeitigen Waffenstillstand im Juni. Die Taliban beherrschen laut Militärangaben knapp 14 Prozent des Landes, 30 Prozent seien umkämpft.

Unterdessen gab auch die US-Armee ein Todesopfer bekannt. Ein Soldat sei in der Provinz Helmand auf Patrouille gewesen, als in seiner Nähe ein improvisierter Sprengsatz detoniert sei, teilte das US-Verteidigungsministerium mit. Der Soldat sei am Montag seinen Verletzungen erlegen. Der Vorfall werde weiter untersucht. Der Soldat sei für die Operation “Freedom’s Sentinel” (wörtlich: “Freiheitswächter”) in Afghanistan stationiert gewesen, hieß es in der Mitteilung. Seit Jänner sind vier US-Soldaten in Afghanistan ums Leben gekommen.

Von: APA/ag./dpa