Aus Afghanistan heimkehrende US-Soldaten

Taliban eroberten drei weitere Bezirke in Afghanistan

Sonntag, 06. Juni 2021 | 13:42 Uhr

Während die internationalen Truppen ihren Abzug aus Afghanistan vorantreiben, erobern die militant-islamistischen Taliban weitere Gebiete: Binnen 48 Stunden fielen drei Bezirke in drei Provinzen an sie, betätigten mehrere lokale Behördenvertreter am Samstag. Mindestens sieben Bezirke gerieten somit seit Beginn des offiziellen Abzugs der US- und anderer NATO-Truppen am 1. Mai unter die Kontrolle der Islamisten, einer davon nur 30 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt.

Am Sonntag stand mindestens ein weiterer Bezirk im Norden des Landes kurz vor dem Fall, nachdem die Taliban mit einer Autobombe das Polizeihauptquartier angegriffen hatten. Auch in zwei anderen dauerten die Gefechte an. Afghanistan ist in rund 400 Bezirke in 34 Provinzen gegliedert. Einem jüngsten UNO-Bericht zufolge kontrollieren oder kämpfen die Taliban um die Kontrolle von geschätzten 50 bis 70 Prozent des Territoriums des Landes außerhalb der Städte. Die NATO wollte sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur am Wochenende nicht zu den aktuellen Entwicklungen in dem Land äußern.

Mehr als 20 Tage lang hatten die Taliban das Bezirkszentrum von Doab in Nuristan belagert und von jeglicher Versorgung abgeschnitten, erzählt der Parlamentarier Ismail Atikan aus der Provinz im Osten des Landes der dpa. “Sie riefen am Abend an und sagten, sie hätten keine Wahl gehabt.” Schließlich hätten Älteste in dem Gebiet mit den Taliban vereinbart, dass Polizisten, Militärs und Mitglieder der Bezirksverwaltung abziehen dürften. “Sie haben am Ende den Bezirk dem Feind kampflos überlassen”, sagt Atikan.

Die Taliban-Übernahmen anderer Bezirke in den vergangenen Tagen und Wochen gingen deutlich blutiger über die Bühne. Neben Qaysar in der Provinz Faryab griffen die Taliban in der Provinz Balkh am Sonntagnachmittag (Ortszeit) ein weiteres Polizeihauptquartier an. In Qaysar und Balkh wurden Dutzende getötete Sicherheitskräfte befürchtet. Genaue Opferzahlen gab es zunächst nicht. Aus der zentralen Provinz Ghor meldete der lokale TV-Sender Tolonews mindestens zehn tote Sicherheitskräfte nach einer Explosion bei einem Stützpunkt in der Nacht.

Bei einem Bombenanschlag in der nordwestlichen Provinz Badghis wurden mindestens elf Zivilisten getötet, unter ihnen auch Kinder. Eine am Straßenrand deponierte Bombe habe einen Lieferwagen, in dem die Menschen saßen, zerstört, sagte ein lokaler Behördenvertreter am Samstag. Er machte die Taliban verantwortlich – auch wenn sich zunächst niemand dazu bekannte.

Beobachter hatten eine Intensivierung der Kämpfe vorausgesagt, sobald die internationalen Truppen mit ihrem Abzug beginnen. Die Taliban würden das “neue Schlachtfeld” mit Sicherheit testen, hieß es. Die Islamisten sind angesichts des bevorstehenden US-Abzugs, ihrem Hauptziel in den vergangenen 20 Jahren, hoch motiviert.

Die regulären Truppen der Armee und der Polizei hingegen straucheln. Sie fühlen sich von den internationalen Truppen im Stich gelassen. Die gut ausgebildeten und motivierten Spezialkräfte der Armee, die allerdings nur einen Bruchteil der Sicherheitskräfte ausmachen, müssen nun pausenlos überall im Land Brände löschen.

Unter Soldaten erklärt man sich die jüngsten Gebietsverluste so, dass vielerorts Posten jüngst mit unerfahrenen Offizieren besetzt wurden. Gleichzeitig gebe es Generäle, die sich nun profilieren wollten und ohne wirklichen Plan Truppen auf gut Glück losschickten. Aus Militärkreisen heißt es auch, ein Teil der Militärführung sei mehr damit beschäftigt, wertvolle Überbleibsel aus US-Camps wie gepanzerte Autos für persönliche Zwecke zu sichern als Gebiete zu verteidigen.

Der Afghanistan-Experte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network streicht das aktuelle Tempo der Angriffe hervor. “Die Eroberung von mehreren Distrikten in wenigen Tagen hat es lange nicht gegeben”, sagt er. “Die Taliban wollen den militärischen Druck hochhalten, die Regierungstruppen beschäftigen und vielleicht auch durch Überlastung demoralisieren”, sagt Ruttig. Für die Regierung seien die Übernahme der Bezirkszentren – die Gebiete rund um diese seien ja meist schon lange in der Hand der Taliban – Kontroll- und Souveränitätsverluste. Noch aber handle es sich eher um periphere Gebiete. Ruttig will daher noch keinen “großen Marsch” der Taliban an die Macht erkennen. Bezirkszentren würden immer wieder auch zurückerobert. Für signifikante militärische Fortschritte ginge es eher um Provinzhauptstädte.

Ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministerium sagt, es gebe einen Plan, die Bedrohungen zu beseitigen. In den jüngst verlorenen Gebieten werde sich die Situation sehr bald normalisieren. Unklar ist, ob die USA und andere NATO-Truppen zu einer solchen Normalisierung noch viel beitragen. Sie sind damit beschäftigt, Material aus dem Land zu schaffen oder – zum Ärgernis vieler Afghanen – vor Ort zu vernichten. Das US-Militär gibt keine Auskünfte, ob es noch Luftschläge ausführt. Es teilte diese Woche lediglich mit, es schätze, rund 30 bis 44 Prozent des Abzugs sei abgeschlossen. Bis spätestens 11. September sollen alle internationalen Soldaten aus dem Land sein. Die Friedensgespräche treten weiter auf der Stelle.

Von: APA/dpa

Kommentare

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13 Kommentare auf "Taliban eroberten drei weitere Bezirke in Afghanistan"


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Peerion
Peerion
Tratscher
10 Tage 3 Min

Inzwischen kann es einem egal sein was in Somalia, Libyen, Syrien, Irak, Afghanistan etc. passiert, denn die Politik interessiert es anscheinend auch nicht. Man kann hier in Europa nur noch für Wachsamkeit plädieren, damit Leute aus diesen Ländern hier keinen Quadratmillimeter Fuss rein bekommen, auch nicht als angebliche Flüchtlinge.

Zefix
Zefix
Tratscher
9 Tage 22 h

hosch du iberhaup a ahunung wia die taliban entstondn sein?Kimp mor ba deiner aussog net grod fir

ivo815
ivo815
Kinig
9 Tage 19 h

Du scheinst den Geschichtsunterricht vollkommen verpennt zu haben

Neumi
Neumi
Kinig
9 Tage 17 h

@ Zefix worauf genau willst du hinaus?
Laut Wiki sind sie in den frühen 90ern gegründet worden, in religiösen Schulen afghanischer Flüchtlinge in Pakistan.

ivo815
ivo815
Kinig
9 Tage 15 h

@Neumi finanziert von den USA

quilombo
quilombo
Tratscher
10 Tage 1 h

der Abzug hätte bis 5. Mai abgeschlossen sein sollen. Das steht im Vertrag. Die Amis haben das Datum kurzfristig und willkürlich verlängert. Ausgerechnet bis zu 11. September, was für die Afghanen eine Beleidigung ist. Denn für kein Land hat mit diesem Datum soviel Leid, Tod und Verwüstung begonnen wie für Afghanistan, ohne daß es irgendeine Schuld hätte.
Die Amis müssen sich auch den Vorwurf gefallen lassen, daß sie einst die Taliban geschaffen und jahrelang ausgebildet, finanziert und bewaffnet haben. Genauso wie sie es mit al-Qaida und Isis taten.

brunner
brunner
Universalgelehrter
10 Tage 1 h

Ein Skandal sondersgleichen….die USA und ihre Verbündeten lassen das afghanische Volk im Stich….ausser Spesen nur gewesen….der Islamusmus hat wieder freie Bahn…Mädchen in der Schule? gibts nicht mehr….zum Schämen NATO!

heris
heris
Grünschnabel
9 Tage 23 h

Afghanistan  ist nur zu Befrieden indem  man alle Wehrfähigen Männer  (Taliban) ausschaltet. Ansonsten wird dieses Land  wieder in Mittelalterliche  Verhältnisse abdriften  und eine Große Flüchtlingswelle  auslösen.

KASPERLE
KASPERLE
Tratscher
9 Tage 17 h

Die Mentalität muss man dort ändern, sonst werden diese religiösen Fanatiker immer wieder an die Macht kommen. Menschenrechte einführen, Tolleranz predigen und die Frauen emanzipieren… darum hat man sich in den 20 Jahren Besetzung nicht ausreichend gekümmert. Das meiste müssten aber die Afghaner selbst von Innen ändern …wird aber wohl kaum passieren. Schon bald werden alle Frauen in Kabul Burka tragen müssen und die Talibans werden weiterhin mit Opiumgeld die einzigen sein mit echten Streitkräften. Ein weiteres verlorenes Vietnam…

ohma
ohma
Grünschnabel
9 Tage 16 h

@KASPERLE
Komischer Vergleich mit Vietnam.
Oh, Kabul in den 70igern. War aber den USA nicht recht so…

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Superredner
10 Tage 29 Min

Ja sind diese Taliban noch immer nicht aus der Welt geschafft worden.

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
9 Tage 22 h

PeterSchlemihl@nein nur gestärkt und bis auf,s Blut motiviert.

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
9 Tage 22 h

Die hundertausende Flüchtlinge die jetzt wirklich in Lebensgefahr ,sind werden wohl bei den Grüninnen unterkommen.
Dümmer geht immer.

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