Polizeiaufgebot vor der Basilika in Nizza

Terrorverdacht nach brutaler Attacke in Kirche in Nizza

Freitag, 30. Oktober 2020 | 02:11 Uhr

Bei einer brutalen Messerattacke in einer Kirche in der südfranzösischen Metropole Nizza sind mindestens drei Menschen getötet worden. Mehrere weitere wurden bei dem Angriff am Donnerstag verletzt, der mutmaßliche Täter wurde festgenommen. Frankreich rief die höchste Terrorwarnstufe aus, Präsident Emmanuel Macron sprach von einem “islamistischen Terroranschlag”. Frankreich sei angegriffen worden. Es ist die dritte Attacke in Frankreich innerhalb weniger Wochen.

Der Angriff ereignete sich laut Medien gegen 9.00 Uhr früh in der Kirche Notre-Dame mitten in der Einkaufsstraße von Nizza. Zwei Menschen seien innerhalb der Kirche “auf schreckliche Weise” getötet worden, sagte Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi. Die Art und Weise erinnere an den Tod des vor zwei Wochen ermordeten Lehrers Samuel Paty, erklärte Estrosi weiter, ohne Details zu nennen.

Paty war in der Nähe seiner Schule in einem Pariser Vorort enthauptet worden. Mindestens einem der Opfer in Nizza sei die Kehle durchgeschnitten worden, sagte Éric de Moulins-Beaufort, Vorsitzender der Französischen Bischofskonferenz, der französischen Nachrichtenagentur AFP. Unter den Todesopfern ist demnach auch der 45-jährige Mesner der Basilika. Eine Frau habe sich noch in ein nahe gelegenes Café flüchten können und sei dort schließlich gestorben, sagte Bürgermeister Estrosi. Premierminister Jean Castex bestätigte, dass drei Menschen bei der Tat getötet wurden.

Estrosi zufolge rief der Attentäter “Allahu akbar” (“Gott ist groß”). Bei dem mutmaßlichem Täter handelt es sich offenbar um einen 1999 in Tunesien geborenen Mann. Er soll am 20. September mit anderen Migranten über Lampedusa nach Europa gekommen sein, berichteten italienische Medien unter Berufung auf Ermittlerkreise. Demnach wurde er am 9. Oktober in einem Flüchtlingslager in Bari registriert. Außerdem hätte der mutmaßliche Täter aus Italien abgeschoben werden sollen, hieß es weiter. Wann und wie er nach Nizza gelangte, sei noch unklar. Die Ermittler hatten sich bis zum frühen Abend noch nicht zum Täter und zum Tathergang geäußert.

Die tunesische Regierung hat den mutmaßlich islamistisch motivierten Messerangriff in Nizza verurteilt. Tunesien stehe solidarisch an der Seite der französischen Regierung und Bevölkerung, erklärte das Außenministerium des nordafrikanischen Landes am Donnerstag. Die Staatsanwaltschaft in Tunis teilte mit, sie habe angesichts von Berichten, wonach es sich bei dem Attentäter um einen Tunesier gehandelt habe, eine Untersuchung eingeleitet. Tunesien lehne “alle Formen von Terrorismus und Extremismus” ab, erklärte das Ministerium. Religion dürfe nicht für “ideologische oder politische” Zwecke missbraucht werden.

Castex sprach von einer “niederträchtigen” und “barbarischen” Attacke und kündigte eine entschlossene Antwort der Regierung an. Es sei die Stufe “Urgence Attentat” des Anti-Terror-Alarmplans “Vigipirate” ausgerufen worden, sagte er in der Pariser Nationalversammlung. Diese Warnstufe ermöglicht die außergewöhnliche Mobilisierung von Ressourcen im Kampf gegen den Terror.

Macron kündigte einen verstärkten Schutz von Kirchen und Schulen an. Der schon länger laufende inländische Anti-Terroreinsatz “Sentinelle” des Militärs solle von bisher 3.000 auf nun 7.000 Soldaten aufgestockt werden. “Heute steht die ganze Nation hinter unseren katholischen Mitbürgern”, sagte Macron in der Nähe des Tatorts. Man dürfe nicht dem Geist der Spaltung nachgeben.

Der 42-Jährige war am Nachmittag in die südfranzösische Metropole gereist und tauschte sich dort unter anderem mit Sicherkräften aus. In zahlreichen Kirchen im Land läuteten nach der brutalen Attacke am Nachmittag um Punkt 15.00 Uhr die Glocken. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft übernahm in dem Fall die Ermittlungen. Sie ermittelt unter anderem wegen Mordes in Verbindung mit einem terroristischen Vorhaben.

Erst vor zwei Wochen hatte die brutale Ermordung des Lehrers Paty im ganzen Land riesiges Entsetzen ausgelöst. Das Motiv des 18-jährigen Angreifers war den Ermittlern zufolge, dass Paty in einer Unterrichtsstunde zum Thema Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte.

Ende September hatte ein junger Mann vor den ehemaligen Redaktionsräumen des Satireblatts “Charlie Hebdo” zwei Menschen mit einem Messer verletzt. Das Magazin hatte zu Beginn des Prozesses rund um die brutale Terrorserie 2015, bei der auch zahlreiche Zeichner des Blattes ermordet wurden, erneut Mohammed-Karikaturen veröffentlicht. Auch hier gab der Angreifer die Karikaturen als Motiv an.

Macron hatte nach der Attacke gegen Paty die Meinungsfreiheit und die Veröffentlichung auch religionskritischer Karikaturen verteidigt. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sprach daraufhin von einer “Lynchkampagne” gegen Muslime in Europa und rief zum Boykott französischer Waren auf.

In Frankreich kam es am Donnerstag noch zu weiteren Vorfällen, ein Zusammenhang zur Attacke in Nizza konnte aber zunächst nicht bestätigt werden. Die Polizei tötete im südfranzösischen Avignon einen mutmaßlichen Angreifer, der Passanten mit einer Waffe bedroht haben soll. Es gab Polizeikreisen zufolge vorerst keine Hinweise auf einen Terrorhintergrund. AFP berichtete, dass der Mann psychische Probleme gehabt haben solle. In Lyon wurde ein mit einem Messer bewaffneter Mann festgenommen. Niemand wurde verletzt, der Mann sei Sicherheitskreisen bekannt gewesen.

Am französischen Konsulat in Jeddah in Saudi-Arabien wurde außerdem ein Sicherheitsbeamter angegriffen und leicht verletzt. Der Täter wurde festgenommen. Die genauen Hintergründe der Tat blieben zunächst unklar. Die französische Botschaft in Riad sprach in einer Mitteilung von einer “Messerattacke”. Franzosen in Saudi-Arabien wurden zugleich zu “höchster Wachsamkeit” aufgerufen.

Weltweit war die Anteilnahme nach der mörderischen Attacke groß. Saudi-Arabien verurteilte den Angriff der staatlichen Nachrichtenagentur SPA zufolge mit klaren Worten. “Solche extremistischen Taten stehen im Widerspruch zu allen Religionen und allem menschlichen Glauben”, teilte das Außenministerium demnach mit. Auch der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif schrieb auf Twitter: Der “Terroranschlag” in Nizza reflektiere den eskalierenden Teufelskreis von Hassreden, Provokationen und Gewalt. Der mutmaßlich islamistische Angriff in der Kirche Notre-Dame widerspreche allen “religiösen, menschlichen oder moralischen Werten”, teilte unterdessen das Außenministerium in Ankara mit.

Die Spitzen der EU-Institutionen sicherten Frankreich ihre Solidarität zu. Ganz Europa sei solidarisch mit dem Land, schrieb etwa EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf Twitter. Auch Russlands Präsident Wladimir Putin brachte sein “tiefes Mitgefühl” zum Ausdruck. Papst Franziskus bekundete seine Nähe und sein Mitgefühl mit den Trauernden. UNO-Generalsekretär António Guterres nannte die Attacke “abscheulich”. US-Präsident Trump schrieb auf Twitter, die USA stünden Frankreich “in diesem Kampf” zur Seite. Bundespräsident Alexander Van der Bellen verurteilte die Tat als “entsetzlich und verabscheuungswürdig”. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) verurteilte die Attacken “auf das Allerschärfste”.

Die EU-Staats- und Regierungschef zeigten sich ebenfalls “schockiert” über den Anschlag in Nizza gezeigt und verurteilten die Gewalttat “auf das Schärfste”. Der Anschlag sei auch “ein Angriff auf unsere gemeinsamen Werte”, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung, die am Donnerstagabend durch EU-Ratspräsident Charles Michel veröffentlicht wurde.

Nizza wurde bereits 2016 von einem Terroranschlag erschüttert, dabei starben 86 Menschen. Frankreich wird seit Jahren von einer islamistischen Terrorwelle heimgesucht.

Von: APA/dpa/ag.

Kommentare

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12 Kommentare auf "Terrorverdacht nach brutaler Attacke in Kirche in Nizza"


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brunner
brunner
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Armes armes Europa…..dies ist erst der Anfang….solche Attacken werden unweigerlich zunehmen….Sicherheitsgefühl ade…..und was tun die Volksvertreter? Gar nichts…..

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Hier muss endlich eine einheitliche Haltung Europas gegen den Islamismus (nicht den Islam) geschaffen werden.

Ars Vivendi
Ars Vivendi
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Verbrechen, egal aus welcher Motivation heraus, sind immer abzulehnen, zu verurteilen und streng zu bestrafen. Ich glaube, da sind sich alle Rechtschaffenden einig. Aber auch die Meinungs-, Presse- und Publikationsfreiheit sollte nicht dazu verwendet, oder sollte ich sagen missbraucht, werden, um andere zu beleidigen und zu verunglimpfen. Religiöse Fundamentalisten werden sich immer “angegriffen” fühlen und ihre Ideologie, auch mit Gewalt, verbreiten zu versuchen. Darum nützen solche, zwar durch das Recht gedeckte, Provokationen wie die von “Charlie Hebdo” in meinen Augen Niemandem.

Jiminy
Jiminy
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

nicht nur in deine Augen…
alle sprechen von Meinungsfreiheit… aber interessanterweise wenn sich dann diese so gelobte Meinungsfreiheit gegen ihnen richtet, dann drohen sie mit Anzeigen…. wie war das, deine Freiheit endet wo meine beginnt?? 🤔🤫

Ars Vivendi
Ars Vivendi
Universalgelehrter
1 Monat 4 h

Mich würde brennend interessieren, wie die Reaktionen wären, kämen von einem muslimischen “Satiremagazin” Karikaturen über unseren Herrgott, den Papst und/oder einzelne PolitikerInnen in Umlauf. Ich bleibe dabei, solche Provokationen gegenüber Anderstdenkenden/-gläubigen sind absolut unnötig und darüber hinaus gefährlich. Ich verurteile diese Gewalttaten auf das Schärfste, aber ohne Aktion keine Reaktion, das ist physikalische Normalität.

Supergscheider
Supergscheider
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Europa wird in zwei Generationen von der Rechtsstaatlichkeit befreit

Diezuagroaste
Diezuagroaste
Tratscher
1 Monat 1 Tag

Ein grausames Verbrechen, egal wer warum Jemanden ermordet. Alletdings sehe ich die Tendenz von den Medien, Angst zu schüren. In dem Bericht ist sehr viel Mutmaßliches und nicht Gesichertes zu lesen. Nachdem die Menschen in Frankreich so stark gegen das derzeit geltende (Un)Recht protestieren, kommt diese Angstkeule grade zurecht.
Und mit Terrornotstand lässt sich jede Polizeiwillkür rechtfertigen! 😫

6079_Smith_W
6079_Smith_W
Universalgelehrter
1 Monat 1 Tag

Scheint so als müssten die ganzen verrückten noch schnell vor dem Lockdown durchdrehen…

Jedenfalls allen ein frohes “Alloha Snackbar” !

Brennholzverleih
1 Monat 20 h

Da werden Menschen brutal getötet, sogar geköpft und man schreibt ” Terrorverdacht”…ach so,könnte auch nur ein einfacher Amokläufer sein. Die Gesellschaft driftet ab.

Spitzpassauf
6079_Smith_W
6079_Smith_W
Universalgelehrter
1 Monat 21 h

In Italien hat er einen Zettel bekommen auf dem stand er soll das Land verlassen, hat er ja dann auch gemacht.

Anduril61
Anduril61
Tratscher
1 Monat 18 h

Leider wird auch über diese grausame Tat schön langsam aber sicher Gras wachsen, die lauen Worte der Politiker werden wieder leiser und das Leben geht weiter. Ein hartes durchgreifen lässt unsere Demokratie schon längst nicht mehr zu, da die meisten EU Staaten immer noch von linken oder Mitte links Regierungen gelenkt werden, werden wir mit dieser ständigen Bedrohung durch Islamisten wohl lernen müssen zu leben…Wir man immer wieder bei Wahlen sieht haben rechte Kräfte letzthin zwar etwas zugelegt, aber es wird wohl noch einiges passieren müssen um das Wahlvolk auf andere Schienen umzuleiten….

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