Terrorverdächtiger konnte flüchten

Terrorverdächtiger in Chemnitz offenbar vom IS ausgebildet

Sonntag, 09. Oktober 2016 | 16:17 Uhr

Nach dem Sprengstoff-Fund in einer Wohnung im ostdeutschen Chemnitz geht die Polizei von einer engen Verbindung des gesuchten Terrorverdächtigen zur Terrormiliz Islamischer Staat aus. Es gebe Hinweise, dass der 22-Jährige von IS-Terroristen ausgebildet wurde, berichtete die “Bild”-Zeitung unter Verweis auf Ermittler. Indes gab es einen weiteren Polizeieinsatz in Chemnitz.

Darauf weise die Art des gefundenen Sprengstoffs hin, bei dem es sich um TATP (Azetonperoxid) handle. Bereits zuvor war bekannt gewesen, dass der Mann Kontakte zum Terrornetzwerk hat. Die Behörden äußern sich derzeit offiziell weder zur Zusammensetzung des Sprengstoffs noch zu Hintergründen, möglichen Anschlagszielen oder der Motivation des Verdächtigen. Dies geschehe aus taktischen Gründen, erläuterte eine Sprecherin des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen.

Laut “Bild”-Zeitung befand sich ein Kilogramm Sprengstoff in der Wohnung, das LKA spricht offiziell von mehreren hundert Gramm. “Schon 200 Gramm TATP haben eine verheerende Wirkung. Wer weiß, wie man sie richtig einsetzt, kann damit eine Halle sprengen”, zitiert die “Bild-Zeitung” einen Sprengstoffexperten. Die meisten zur Herstellung nötigen Stoffe seien frei erhältlich, die Herstellung gelte aber als sehr komplex.

Unterdessen gab es in Chemnitz einen weiteren Polizeieinsatz. Es habe einen Zugriff durch ein Sondereinsatzkommando gegeben, teilte die Polizei im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Demnach lagen Hinweise auf bestehende Kontakte zu dem Tatverdächtigen vor.

Drei mögliche Bekannte des flüchtigen Jaber A. waren am Samstag in Chemnitz festgenommen worden. Einer von ihnen wird mittlerweile der Mittäterschaft verdächtigt. Es bestehe der Verdacht einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, sagte der LKA-Sprecher. Der Verdächtige wurde am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt. Bei dem Mann soll es sich laut dem Sprecher um den Mieter der Wohnung handeln, in welcher der Sprengstoff gefunden wurde. Er ist demnach wie der gesuchte Jaber A. Syrer.

Die für Flughäfen und Bahnhöfe zuständige Bundespolizei erhöhte nach den Vorfällen in Chemnitz die Sicherheitsvorkehrungen. “Dies betrifft insbesondere kritische Infrastruktur”, sagte der Sprecher des Bundespolizeipräsidiums, Ivo Priebe, in Potsdam. Zudem beteiligten sich die Einsatzkräfte an der Fahndung nach dem flüchtigen Terrorverdächtigen.

Am Berliner Flughafen Schönefeld soll der verstärkte Polizei-Einsatz bis mindestens Montag in der Früh andauern. Autos und Busse würden angehalten und kontrolliert, teilten die Behörden mit. An den beiden größten deutschen Flughäfen in Frankfurt und München gelten schon seit den Anschlägen in Paris und Brüssel verschärfte Regelungen.

Der Mann, nach dem in ganz Deutschland gesucht wird, entwischte nach Informationen des Portals “Spiegel Online” nur knapp den Einsatzkräften. Er flüchtete demnach Samstagfrüh aus dem noch nicht lange observierten Haus in Chemnitz. Die Beamten hätten einen Warnschuss abgegeben, ihn aber nicht gestoppt, berichtete das Portal unter Berufung auf einen vertraulichen LKA-Bericht.

Die Polizei veröffentlichte bereits am Samstag ein Foto des Verdächtigen und rief die Bevölkerung zur Mithilfe auf. Der Gesuchte sei “mit einem schwarzen Kapuzensweatshirt mit auffälligem Druck bekleidet”. Die Polizei rief aber auch zur Vorsicht auf.

Den Hinweis auf die mögliche Gefahr hatte die Polizei in Sachsen am Freitagabend vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in Köln bekommen, wie ein BfV-Sprecher sagte. Aufgrund der Warnung des Verfassungsschutzes startete die Polizei in Chemnitz ihren Einsatz in der Nacht auf Samstag. Zahlreiche umliegende Wohnungen wurden evakuiert. Nach der kontrollierten Sprengung des Sprengstoffs konnten die ersten Bewohner am Abend wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.

“Focus Online” berichtete am Samstag unter Berufung auf Sicherheitskreise, Jaber A. sei offenbar im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Nach Informationen von “Spiegel online” war er im Februar 2015 illegal nach Deutschland eingereist. Mitte Juni sei er als Flüchtling anerkannt worden.

Heuer waren bereits mehrfach Pläne für mutmaßliche Sprengstoffanschläge in Deutschland vereitelt worden. Im Februar kam die Polizei einer Gruppe auf die Schliche, die womöglich einen Anschlag in Berlin plante. Im Juni nahm die Polizei drei mutmaßliche IS-Anhänger fest, die es auf die Düsseldorfer Altstadt abgesehen haben sollen. Zuletzt flog im September ein 16-jähriger Flüchtling aus Syrien in Köln auf: Laut den Ermittlern hatte er einen Sprengstoffanschlag geplant und von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau erhalten.

Von: APA/dpa/ag.

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