13-Jähriger stürzte aus Rollstuhl und verstarb im Krankenhaus

Tod von Flüchtlingsbub löst Betroffenheit, aber auch Kritik aus

Dienstag, 10. Oktober 2017 | 15:20 Uhr
Update

Der Tod eines im Rollstuhl sitzenden 13-jährigen Flüchtlingsbuben aus dem Irak hat in Südtirol Betroffenheit ausgelöst. Der an Muskeldystrophie leidende Bub stürzte aus seinem Rollstuhl und verstarb daraufhin im Bozner Krankenhaus. Zuvor hatte sich die Familie des 13-Jährigen vergeblich um eine Unterbringung bemüht. LH Arno Kompatscher (SVP) kündigte indes eine Aufklärung des Falles an.

Die Familie – der Bub, seine Eltern sowie drei Geschwister – war am 1. Oktober in Südtirol angekommen, nachdem zuvor ihr Asylantrag in Schweden abgelehnt worden war. Die erste Nacht verbrachte man im Bahnhofspark. Tags darauf wandte sich die Familie laut einem Bericht der Tageszeitung “Dolomiten” (Montag-Ausgabe) an die Flüchtlingsberatung der Caritas und an den Verein Volontarius. Vom Dienst für soziale Integration des Sozialdienstes wurde der Familie jedoch beschieden, dass man sie nicht unterbringen könne. Man verwies auf ein Rundschreiben des Landes, wonach die zeitweilige Aufnahme von Flüchtlingen als “Schutzbedürftige” stark eingeschränkt wurde.

Nach einer vorübergehenden Aufnahme im Bozner Krankenhaus stand der an Atemnot leidende 13-Jährige mit seiner Familie ab Mittwoch tagsüber wieder auf der Straße. Dank des Einsatzes von Sozialvereinen konnten die Flüchtlinge dann in Gastzimmern und in einer Kirche untergebracht werden. Erneut bemühte sich die Flüchtlingsberatung der Caritas laut dem Bericht bei Sozialdiensten, Regierungskommissariat und Land um die Unterbringung der Familie und wies auf deren Schutzbedürftigkeit hin – jedoch ohne Erfolg.

Am Freitag stürzte der Bub dann aus einem Rollstuhl. Er musste erneut ins Krankenhaus, wo er in der Nacht auf Sonntag starb. Eine Autopsie soll nun die Todesursache klären, hieß es seitens des Landes. Die Landesregierung kündigte eine Aufarbeitung des tragischen Todesfalles an. “Wir werden – gemeinsam mit der Gemeinde, dem Regierungskommissariat und dem Sanitätsbetrieb – umgehend alle notwendigen Untersuchungen einleiten, um den Ursachen und Umständen auf den Grund zu gehen”, erklärten Landeshauptmann Kompatscher und Soziallandesrätin Martha Stocker (SVP).

Der Tod des 13-jährigen Flüchtlingsjungen hat eine Diskussion über die Flüchtlingspolitik in Südtirol ausgelöst. Es kommt immer wieder vor, dass Asylsuchende, die in einem Land einen negativen Asylbescheid bekommen, es irgendwo anders in Europa noch einmal versuchen. Eigentlich müssten die Staaten, die Asylanträge ablehnen, dann auch dafür sorgen, dass die Menschen wirklich das Land verlassen und nicht irgendwo untertauchen, erklärt der EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann.

Gleichzeitig wurde die Flüchtlingsregelung in Südtirol kritisiert, die strenger als im Rest Italiens ist. Laut Caritas führe dies dazu, dass Menschen, die Schutz und Hilfe brauchen, unter die Räder kommen. Die Caritas hat schon vor einem Jahr gegen das sogenannte Critelli-Rundschreiben der Landesabteilung für Soziales protestiert. Caritas-Direktor Paolo Valente sieht sich nun in seiner Kritik bestätigt.

Aufsehen über Landesgrenzen hinaus

Der Fall sorgt auch über die Landesgrenzen hinaus für Aufsehen. Auch das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) meldet sich zu Wort. Die verwehrte Hilfe für die kurdische Flüchtlingsfamilie sei „inakzeptabel“. Nach dem Tod des 13-Jährigen in Bozen wächst damit der Druck auf die Landespolitik.
Stephane Jaquemet, der Südeuropa-Delegierte des UN-Flüchtlingskommissariats UNHCR verurteilte den Vorfall in Bozen. Ein Kind müsse zuallererst als Kind angesehen werden. Das sei eine Frage der Moral, noch bevor es eine Frage des Rechts ist.

Die UNHCR ruft außerdem das Land und das Regierungskommissariat in Bozen dazu auf, zu klären, wer die Verantwortung in der Aufnahme trägt. Gleichzeitig müssten die Rechte von Asylwerbern und Flüchtlingen eingehalten werden. Außerdem müsse das Critelli-Rundschreiben sofort aufgehoben werden, verlangte das Hilfswerk der UN.

Siamo immensamente addolorati per la morte di Adan, un bambino disabile di 13 anni avvenuta ieri a Bolzano. Adan era…

Pubblicato da UNHCR Italia – Agenzia ONU per i Rifugiati su Lunedì 9 ottobre 2017

 

Bozner Stadtrat beschäftigt sich mit der Situation von minderjährigen Flüchtlingen

Der Bozner Stadtrat hielt gestern einer Schweigeminute im Gedenken an den 13-jährigen Adan ab, der im Bozner Krankenhaus gestorben ist.

Im Stadtrat wurde auch über das Flüchtlingsdrama und insbesondere über den tragischen Tod eines 13-Jährigen Buben gesprochen, der durch Muskeldystrophie erkrankt war und mit seiner Familie nach einem abgelehnten Asylverfahren in Schweden wieder in Richtung Süden gezogen ist. Die Familie ist am vergangenen 1. Oktober nach Bozen gekommen und verbrachte die erste Nacht im Freien.

Nach einem schweren Sturz verletzte sich der Bub so schwer, dass er in Folge der Verletzungen verstarb. Der Stadtrat spricht der Familie des Kindes sein tief empfundenes Mitgefühl und Beileid aus.

Bürgermeister Caramaschi sagt: „Die Bürgerinnen und Bürger von Bozen bedauern das Schicksal und den Tod des Kindes. Dies sind Ereignisse, die nicht stattfinden dürften, und man muss alles daran setzen, dass sie sich nicht wiederholen.“ Er unterstreiche, dass die Stadtverwaltung bei der Flüchtlingsaufnahme nicht tatenlos bleibe und dieses schlimme Ereignis nicht die Ursache der Suche nach einer geeigneten Immobilie für den Winteraufnahmedienst sei. Die Aufnahme von Obdachlosen in einer geeigneten Struktur soll sich nicht nur auf die Wintermonate beschränken.

„Zudem sollen weder die Herkunft noch der internationale Schutzstatus ein Hindernis für die Aufnahme in den Aufnahmedienst sein. Es ist unsere Aufgabe mit Vernunft und mit dem Herzen zu handeln, damit sich derartige Dramen nicht mehr wiederholen. Aber in erster Linie sollen auch unmissverständlich die Kompetenzen, die jeweiligen Aufgaben und nicht zuletzt die Verantwortung klar definiert werden“, betonte Caramaschi.

 

Von: apa

Bezirk: Bozen