Das Haus ist noch immer umkämpft

Tote bei Anschlag auf Hilfsorganisation in Afghanistan

Mittwoch, 24. Januar 2018 | 17:42 Uhr

Bei einem Angriff der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) mit Bomben und Schusswaffen auf ein Büro der Kinderhilfsorganisation “Save the Children” in Ostafghanistan sind mindestens sieben Menschen ums Leben gekommen. Unter ihnen seien ein Zivilist und zwei Sicherheitsbedienstete der NGO, sagte der Regierungssprecher der Provinz Nangarhar am Mittwoch.

Der Angriff auf die Kinderhilfsorganisation hatte gegen 9.00 Uhr Ortszeit begonnen. Wie Regierungssprecher Chogiani berichtete, sprengte sich zuerst vor dem Gebäude ein Selbstmordattentäter in die Luft. Dabei gingen auch einige Autos in Flammen auf. Dann seien Bewaffnete in das Haus eingedrungen und hätten auch mit schweren Waffen um sich geschossen und Handgranaten geworfen.

Erst am Abend – nach mehr als neun Stunden Schusswechsel – wurden die letzten der vier Attentäter getötet. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, die Behörden gingen davon aus, dass sechs Personen in den Anschlag involviert gewesen seien. Augenzeugen zufolge sollen zumindest einige von ihnen Polizeiuniformen getragen haben.

Ein Mitarbeiter von “Save the Children” erklärte, viele Mitarbeiter hätten sich in einen Schutzraum retten können, ein Zimmer mit schusssicheren Stahltüren und ohne Fenster. Für die meisten Hilfsorganisationen in Afghanistan sind solche Schutzräume mittlerweile zur Pflicht geworden.

Spezialkräfte schaffen es erst nach Stunden, 46 Menschen aus dem Schutzraum zu retten. Insgesamt 25 Menschen seien verletzt worden, hieß es später – auch in umliegenden Häusern, wo Fensterscheiben zerbarsten und Kugeln einschlugen.

Der IS hat sich über sein Sprachrohr Amaq zu dem Anschlag bekannt. Die Terrormiliz hat in der Provinz ihre einzige, wenn auch kleine territoriale Basis und verübt in Nangarhar, aber auch in Kabul, zunehmend besonders grausame Anschläge – 2017 zum Beispiel auf eine voll besetzte schiitische Moschee (71 Tote) oder auf ein Krankenhaus (knapp 50 Tote). In der Bekenner-Erklärung des IS hieß es, die NGO gehöre zu den “Kreuzfahrer-UN” – hinter der Anspielung auf Kreuzritter steckt der Vorwurf, die Organisation wolle Muslime zum Christentum konvertieren.

“Save the Children” veröffentlichte am Abend (Ortszeit) über soziale Medien die Botschaft, dass sie nach dem Angriff die Arbeit landesweit eingestellt habe. Alle Büros seien geschlossen worden, hieß es am Mittwoch in sozialen Medien. “Wir sind bereit, unsere Operationen und lebensrettende Arbeit so schnell wie möglich wieder aufzunehmen”, hieß es in der Botschaft – sobald es sicher sei.

Die NGO mit eigenen Hauptsitzen in vielen Ländern der Welt ist eine der größten in Afghanistan und kümmert sich seit 1976 vor allem in den Bereichen Gesundheit und Bildung um Kinder und Mütter. Nach eigenen Angaben erreicht die Organisation derzeit 1,4 Millionen Kinder in 17 Provinzen.

Der Angriff bestätigt die Einschätzung der UNO, dass Afghanistan eines der gefährlichsten Länder der Welt für Helfer bleibt. Nach Angaben der UNO vom Dezember waren im vergangenen Jahr 17 Entwicklungs- und Nothelfer getötet worden, 33 verletzt und 47 entführt. Die Sicherheitslage hat sich seit Ende der NATO-Kampfmission vor drei Jahren drastisch verschlechtert. Die Taliban kontrollieren oder beeinflussen nach Militärangaben mittlerweile wieder rund 13 Prozent des Landes und kämpfen um weitere 30 Prozent. Auch der IS verübt mehr Anschläge. Allein im Jänner war dies bereits der dritte schwere Angriff von Extremisten.

Von: APA/dpa/ag.