Ist das das endgültige Aus von "US-Präsident Trump"

Trump wegen frauenverachtender Sprüche in Bedrängnis

Samstag, 08. Oktober 2016 | 16:40 Uhr

Im US-Präsidentschaftswahlkampf ist der Republikaner Donald Trump wegen vulgärer und sexistischer Äußerungen über Frauen schwer in Bedrängnis geraten. Mit einer eilig vorgelegten Entschuldigung übte er sich einen Tag vor dem zweiten TV-Duell mit seiner demokratischen Rivalin Hillary Clinton in Schadensbegrenzung. Republikanerführer Paul Ryan sagte dennoch einen Wahlkampfauftritt mit Trump ab.

In der Aufnahme aus dem Jahr 2005 spricht der Immobilienmilliardär mit vulgären Worten darüber, Frauen zu küssen, zu begrapschen und zu verführen und dabei auch seine Bekanntheit auszunutzen. “Wenn Du ein Star bist, dann lassen sie Dich ran”, prahlte Trump im Gespräch mit einem TV-Moderator, das ohne sein Wissen im September 2005 aufgezeichnet wurde. “Pack sie an der Muschi”, fügte der damals 59-Jährige hinzu. “Du kannst alles machen.” Der Bautycoon, der erst wenige Monate davor seine aktuelle Frau Melania geheiratet hatte, beschrieb auch in derben Worten einen Versuch, eine verheiratete Frau zum Sex zu bewegen.

Trump bestätigte in einer Stellungnahme auf Facebook die Echtheit der Äußerungen. “Ich habe es gesagt. Es war falsch. Ich entschuldige mich”, sagte Trump. Aber jeder, der ihn kenne, wisse, dass diese Worte nicht typisch für ihn seien. Zumal er sich inzwischen gewandelt habe. Zuvor hatte er in einer ersten Reaktion erklärt, dies sei wie ein “lockeres Gerede unter Männern in einer Umkleidekabine” gewesen.

Mehrere Frauen erhoben nun Belästigungsvorwürfe gegen den republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten. Trump habe sie bei einem Abendessen im Beisein ihres Mannes begrapscht, sagte eine Frau der “New York Times”. Eine andere Frau berichtete, dass Trump sie im Jahr 2010 “fast auf die Lippen geküsst” habe.

Die CNN-Journalistin Erin Burnett berichtete laut dem Internetportal “Politico” von einem weiteren Vorfall, bei dem eine ihrer Freundinnen zum Opfer Trumps geworden sei. Der Übergriff habe sich in Trumps Büro zugetragen. “Trump nahm sich ein paar Tic Tacs und bot mir auch welche an. Er lehnte sich dann zu mir, erwischte mich unvorbereitet und küsste mich fast auf die Lippen”, sagte die Frau ihrer Freundin Burnett. Sie sei dann “ganz fertig” gewesen.

Hillary Clinton twitterte, das Video sei erschreckend: “Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Mann Präsident wird.” Der Fraktionsführer der Demokraten im US-Senat, Harry Reid, sprach von einem “Moment der Wahrheit” für die Republikaner. Sie müssten Trump nun die Unterstützung entziehen und erklären, dass der “Abartige” und “Soziopath” Trump nicht US-Präsident sein dürfe.

Tatsächlich schlug das Video auch bei den Republikanern ein wie eine Bombe. Ryan, als Sprecher des Repräsentantenhauses ihr ranghöchster gewählter Politiker, sagte, ihm sei übel von den Bemerkungen. Der frühere Präsidentschaftskandidat Mitt Romney sprach von “abscheulichen Herabwürdigungen”, Trumps glückloser Rivale im Vorwahlkampf, Jeb Bush, von “verwerflichen Aussagen”.

Republikanerführer Ryan lud Trump von einem Wahlkampfauftritt in Wisconsin aus und wollte stattdessen am Samstagnachmittag (Ortszeit) mit dessen Vizekandidaten Mike Pence Spenden sammeln. In sozialen Medien wurde am Samstag bereits heftig über einen fliegenden Wechsel von Trump zu Pence spekuliert. Der Gouverneur von Indiana hatte durch sein erfolgreiches TV-Duell mit Clintons Vizekandidaten Tim Kaine deutlich an politischer Statur gewonnen.

Mehrere Republikaner entzogen Trump die Unterstützung, etwa der republikanische Gouverneur des Bundesstaates Utah, Gary Herbert. Der Senator Mike Lee (Utah) und der Abgeordnete Mike Coffman (Colorado) forderten Trump zum Rücktritt auf. Lee sagte, Trump lenke mit seinem Verhalten vom Ziel ab, Hillary Clinton zu besiegen. Aus diesem Grund müsse er zurücktreten.

Republikanische Strategen sind sich aber uneins, ob das Rennen für Trump bereits gelaufen ist. “Das könnte wirklichen Schaden verursachen”, sagte Umfragexperte Frank Luntz der “Washington Post”. Dagegen wies der Politikberater Al Cardenas darauf hin, dass Trump schon Dutzende Male mit beleidigenden Aussagen für Aufsehen gesorgt hatte. “Aber das ist schon ein neuer Tiefpunkt”, fügte Cardenas hinzu. Der Politikwissenschaftler Larry Sabato von der Universität Virgina sagte, das Video sei wie “ein Messer ins Herz von Trump”.

Das Video ist umso brisanter, da vor der Wahl am 8. November Umfragen zufolge noch zahlreiche US-Bürger unentschlossen sind. Ein Kollateralschaden der Affäre könnten die um eine Wiederwahl kämpfenden republikanischen US-Senatoren in Staaten wie New Hampshire, Ohio oder Arizona werden. Sie befinden sich wegen Trumps Sprüchen in Erklärungsnot gegenüber ihren demokratischen Herausforderern.

Trump versuchte vom Video abzulenken, indem er es als Ablenkung von den drängenden Fragen des Landes bezeichnete. Jobs gingen verloren und die USA seien nicht mehr so sicher wie früher, sagte er. Zudem verwies er auf Seitensprünge von Ex-Präsident Bill Clinton. Trump hatte wiederholt angedeutet, dieses Thema bei einem TV-Duell mit seiner Widersacherin zur Sprache zu bringen. Clinton hatte den Republikaner im ersten TV-Duell in die Defensive gebracht, indem sie ihm dessen frauenverachtende Sprache vorhielt.

Die beiden Präsidentschaftskandidaten kommen am Sonntagabend zu ihrem zweiten und vorletzten TV-Duell zusammen. In der jüngsten Reuters/Ipsos-Umfrage führt Clinton mit fünf Prozentpunkten vor Trump. Damit ist der Abstand zwischen der ehemaligen Außenministerin und dem Geschäftsmann in den wöchentlichen Erhebungen seit Anfang September faktisch gleich geblieben. Der am Freitag veröffentlichten Umfrage zufolge würden gegenwärtig 43 Prozent der wahrscheinlichen Wähler für Clinton und 38 Prozent für Trump stimmen.

Von: APA/dpa/ag.