Expansionspolitik unter Deckmantel der Terrorbekämpfung

Türkei beginnt Militäroffensive in Nordsyrien

Mittwoch, 09. Oktober 2019 | 23:24 Uhr

Die Türkei hat nach Luftangriffen und Artilleriefeuer gegen kurdische Milizen in Nordsyrien nun auch mit einer Bodenoffensive begonnen. Das bestätigte das türkische Verteidigungsministerium in Ankara am späten Mittwochabend über Twitter. Der Einsatz stieß international auf scharfe Kritik.

“Unsere heldenhaften türkischen Streitkräfte und die Nationale Syrische Armee haben im Rahmen der Operation Friedensquelle ihre Bodenoffensive im Osten des (Flusses) Euphrat begonnen”, hieß es im Text. Mit der Nationalen Syrischen Armee sind von der Türkei unterstützte syrische Rebellen gemeint.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete heftige Kämpfe zwischen türkischen Truppen und Einheiten der von Kurdenmilizen angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) am Eingang und in der Umgebung der Stadt Tall Abyad nahe der türkischen Grenzstadt Akcakale.

Der Sprecher der SDF, Mustafa Bali, wies Meldungen syrischer Rebellen zurück, wonach diese gemeinsam mit der türkischen Armee in Tall Abjad eingerückt seien. Die Angriff der türkischen Kräfte am Boden sei zurückgeschlagen worden, schrieb er auf Twitter.

Bali erklärte über Twitter auch, die türkische Armee habe die Umgebung eines Gefängnisses beschossen, in dem die “gefährlichsten Dschihadisten” der IS-Terrormiliz festgehalten würden. Die SDF-Truppen hatten bei ihren Operationen gegen die Extremisten Tausende IS-Anhänger gefangen genommen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Start des lange geplanten Militäreinsatzes am Mittwochnachmittag per Twitter bekanntgegeben. Ziel der Offensive ist die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation.

Erdogan schrieb am Nachmittag auf Twitter: “Unser Ziel ist, den Terrorkorridor, den man an unserer südlichen Grenze aufbauen will, zu zerstören und Frieden und Ruhe in die Region zu bringen.”

Am Nachmittag und Abend waren die türkischen Streitkräfte mit Luftangriffen und Artilleriefeuer zunächst vor allem an zwei Standorten vorgegangen: Tall Abyad und Ras al-Ain. Ras al-Ain liegt gegenüber dem türkischen Ort Ceylanpinar in der südosttürkischen Provinz Sanliurfa.

In den ersten Stunden der Angriffe, die um 16.00 Uhr Ortszeit begannen, seien mindestens 15 Menschen getötet worden, sagten Aktivisten. Unter den acht zivilen Opfern seien auch zwei Kinder, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Bei den anderen Toten handle es sich um Kämpfer der von Kurden angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF). Die Menschenrechtler berichteten zudem von mehr als 40 Verletzten, darunter 13 Zivilisten.

Die Offensive löste international scharfe Kritik aus. Viele Regierungen und internationale Institutionen drangen auf einen sofortigen Stopp der Offensive.

Die Senatoren im US-Kongress wollen den türkischen Präsidenten Erdogan persönlich mit Sanktionen belegen. Das geht aus dem Entwurf für eine parteiübergreifende Resolution der Senatoren Lindsey Graham (Republikaner) und Chris Van Hollen (Demokraten) hervor, den Graham am Mittwoch auf Twitter veröffentlichte. Der Entwurf sieht vor, dass etwaiger Besitz Erdogans, des türkischen Vizepräsidenten und mehrerer Minister in den USA eingefroren würde. Außerdem würden Visabestimmungen für die politische Führung des Landes verschärft.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas sagte in Berlin: “Die Türkei nimmt damit in Kauf, die Region weiter zu destabilisieren und riskiert ein Wiedererstarken des IS.” Es drohe eine weitere humanitäre Katastrophe sowie eine neue Fluchtbewegung. “Wir rufen die Türkei dazu auf, ihre Offensive zu beenden und ihre Sicherheitsinteressen auf friedlichem Weg zu verfolgen.” US-Präsident Donald Trump befand, die Offensive sei “keine gute Idee”.

Auch die EU-Staaten haben die Türkei in einer gemeinsamen Erklärung zum Abbruch der Militäroffensive aufgefordert. “Erneute bewaffnete Auseinandersetzungen im Nordosten werden die Stabilität in der ganzen Region weiter untergraben, das Leiden der Zivilisten verschlimmern und zusätzliche Vertreibungen provozieren”, heißt es in dem am Mittwochabend veröffentlichten Text. Die Türkei gefährde zudem die Erfolge der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, die Türkei müsse sicherstellen, dass ihr Vorgehen verhältnismäßig und maßvoll sei. Er will am Freitag in Istanbul mit Präsident Erdogan zusammenkommen und auch über die Militäroffensive sprechen.

Von: APA/ag.

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

6 Kommentare auf "Türkei beginnt Militäroffensive in Nordsyrien"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
idenk
idenk
Superredner
14 Tage 12 h

Und das vorhersehbare, unvermeidliche nimmt seinen Lauf. Die Kurden werden nach der Drecksarbeit für die USA wie Bauern in einem Schachspiel geopfert. La grande USA👏👏👏

Spitzpassauf
Spitzpassauf
Superredner
14 Tage 12 h

@ stimmt nicht,laut ntv wird er die Kurden nicht im Stich lassen.
Das Problem für Europa werden die nicht zurückgenommenen IS Kämpfer werden und eine gigantische Flüchtlingswelle .

idenk
idenk
Superredner
14 Tage 8 h

@Spitzpassauf

Dann hoff ich mal, Sie behalten recht. Bei einem Milltärischen vorrücken der Türkei drohte Trump legendlich mit härteren Wirtschaft Sanktionen, so weit ich weiss.

Grantelbart
Grantelbart
Tratscher
14 Tage 9 h

Passt irgendwie. Ob in Syrien Krieg ist oder nicht spüren die Amerikaner nicht wirklich, wegen der Enfernung. Wenn dann aber die geschätzt 10.000 IS Kämpfer die sich derzeit in kurdischer Gefangenschaft befinden, plötzlich frei kommen, haben auch die kurzsichtigen USA ein Problem.

zombie1969
zombie1969
Universalgelehrter
14 Tage 7 h

Assad und Erdogan 
B. al-Assad und R. Erdogan haben wichtige gemeinsame Interessen haben. R.Erdogan will auf keinen Fall etwas wie einen halbwegs eigenständigen kurdischen Staat, der irgendwie Vorbild für eine weitreichende Autonomie im eigenen Land wäre. B. al-Assad will auf keinen Fall etwas wie einen halbwegs eigenständigen Staat, der irgendwie Vorbild für weitreichende Autonomie in Syrien, verbunden gar noch mit demokratischen Rechten wäre.
Die legen es darauf an sich gegenseitig zu helfen, ohne es offen zu sagen.

zombie1969
zombie1969
Universalgelehrter
13 Tage 9 h

R. Erdogan muss Stärke zeigen, ansonsten laufen ihm weitere Millionen Staatsbürger ins westliche Ausland davon. In Bildung und Wirtschaft investiert hätte R. Erdoganallerdings nicht so eine gewaltige Volksflucht und müsste nicht von Sozialhilfe- und Hartz-IV Touristen leben.

wpDiscuz