Der Papst reiste nach Armenien

Türkei verurteilt Papst-Äußerung zu Völkermord an Armeniern

Sonntag, 26. Juni 2016 | 17:00 Uhr

Mit seinem Besuch und seinen Stellungnahmen in Armenien hat Papst Franziskus die Türkei einmal mehr verärgert. Nachdem der Papst die Massaker an den Armeniern im Ersten Weltkrieg als Völkermord bezeichnete, sagte der türkische Vize-Regierungschef Nurettin Canikli am Samstag, die Äußerungen des Papstes seien “sehr unglücklich”; seine Aktivitäten würden die “Mentalität der Kreuzzüge” widerspiegeln.

“Es ist keine objektive Erklärung und entspricht nicht der Realität”, sagte Canikli am Samstagabend laut der Nachrichtenagentur Anadolu. Während seines dreitägigen Armenienbesuchs hatte der Papst am Freitag in Eriwan den “Völkermord” an den Armeniern verurteilt; bereits im vergangenen Jahr hatte er den Begriff verwendet. Die Türkei lehnt es auch hundert Jahre nach den Taten vehement ab, diese als Genozid einzustufen.

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi wies die Kritik aus Ankara zurück und sagte, der Papst habe nichts gegen die Türkei und habe kein einziges Wort gegen die Türken geäußert. Er versuche “Brücken, nicht Mauern” zu bauen. Franziskus bete für die “Versöhnung aller”. Er führe “keine Kreuzzüge” und wolle “keine Kriege organisieren”.

Letzte Station von Franziskus’ Armenienbesuch war am Sonntag das Kloster Chor Virap in Sichtweite zur türkischen Grenze unterhalb des Bergs Ararat. Davor rief er bei einem gemeinsamen Gottesdienst mit Kerekin II., dem Patriarchen der armenisch-apostolischen Kirche, zur Verbundenheit der beiden Glaubensgemeinschaften auf.

Armenien ist das erste Land weltweit, das Anfang des vierten Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erhob. 90 Prozent der Bevölkerung gehören der armenisch-apostolischen Kirche an, weniger als zehn Prozent sind Katholiken.

Am Samstag gedachte das Oberhaupt der katholischen Kirche in der Zizernakaberd-Gedenkstätte am Rande von Eriwan der Opfer der Massaker an den Armeniern vor hundert Jahren. Am Denkmal legte Franziskus einen Blumenkranz nieder. Danach stieg er die Stufen zum Innenhof hinab, wo zwölf große Basaltstelen die Provinzen des Osmanischen Reichs symbolisieren, in denen die Armenier verfolgt wurden.

In der Ferne war der schneebedeckte Berg Ararat zu sehen, wo nach christlichem Glauben nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet sein soll und der in der armenischen Kultur eine wichtige Rolle spielt. Heute liegt der Berg in der Türkei.

Der Papst traf auch mit einem knappen Dutzend Nachfahren von Massaker-Überlebenden zusammen, die Papst Benedikt XV. während des Ersten Weltkriegs in der päpstlichen Residenz Castel Gandolfo aufgenommen hatte.

Aus Sicht der Türkei, dem Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, handelte es sich bei den Ereignissen in den Jahren 1915 bis 1917 um einen Bürgerkrieg zwischen Türken und Armeniern, bei denen beide Seiten zahlreiche Opfer zu beklagen hatten. Die Armenier sprechen dagegen von einem systematischen Völkermord der osmanischen Führung der Jungtürken, dem 1,5 Millionen Armenier zum Opfer fielen.

Auch der deutsche Bundestag hatte Anfang Juni in einer mit überwältigender Mehrheit verabschiedeten Resolution erstmals von einem Völkermord gesprochen und damit die Türkei verärgert.

Von: apa