Türkei übt Vergeltung für den Bombenanschlag

Türkisch-syrische Grenzregion – Angriffe auf beiden Seiten

Sonntag, 20. November 2022 | 18:32 Uhr

In Grenzregionen der Türkei nehmen die Spannungen nach Luftangriffen auf Dutzende kurdische Stellungen in Nordsyrien und Nordirak zu. Zwei türkische Soldaten und sechs Polizisten wurden am Sonntag bei einem Raketenabschuss auf die an Syrien grenzende Provinz Kilis verletzt, wie die staatliche Agentur Anadolu berichtete. Demnach soll ein Grenzposten von einer Rakete getroffen worden sein. Wer der Angreifer war, blieb zunächst unklar.

Wenige Stunden zuvor hatte die kurdische Miliz Vergeltung für türkische Angriffe auf ihre Stellungen angekündigt. “Diese Angriffe der türkischen Besatzungstruppen werden nicht ohne Antwort bleiben”, hieß es in einer Erklärung der von den USA unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) unter Führung der YPG-Miliz.

Die Türkei hatte in der Nacht zum Sonntag Luftangriffe auf Stützpunkte militanter Kurden in Nordsyrien und Nordirak geflogen und damit nach eigenen Angaben auf den Bombenanschlag in Istanbul vom vergangenen Wochenende reagiert. Die Luftangriffe richteten sich gegen Stellungen der in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und der syrischen Kurdenmiliz YPG, erklärte das türkische Verteidigungsministerium. Dabei seien 89 Ziele zerstört worden.

Es sei “Abrechnungszeit”, so das Ministerium via Twitter. “Terroristische Elemente” sollten neutralisiert und Angriffe auf die Türkei vermieden werden, hieß es weiter. Angaben der YPG zufolge wurden auch Posten der syrischen Regierung angegriffen.

Bei den Luftangriffen seien mindestens 31 Menschen getötet und Dutzende zum Teil schwer verletzt worden, meldete die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Auch syrische Soldaten seien ums Leben gekommen, meldeten die Aktivisten sowie Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana. Das Verteidigungsministerium in Ankara berief sich auf das Recht zur Selbstverteidigung laut Charta der Vereinten Nationen. Es gehe darum, “Terroranschläge” gegen das türkische Volk und Sicherheitskräfte zu vermeiden.

Der Konflikt zwischen türkischen Streitkräften und PKK hat eine jahrzehntelange Geschichte und bisher Tausende Opfer gefordert – laut der Organisation International Crisis Group wurden dabei mehrheitlich PKK-Mitglieder und Verbündete getötet.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle wurden nun Regionen rund um die für kurdische Kräfte besonders bedeutsame Stadt Kobane angegriffen. Die Türkei nannte unter anderem die nordirakischen Orte Kandil, Asus, Hakurk und die syrischen Orte Tall Rifat, Kobane, Jasira und Al-Malikiya als Ziele. Ankaras Truppen könnten Experten zufolge darauf zielen, von ihnen besetzte Gebiete westlich und östlich der Stadt zu verbinden.

Die Luftangriffe folgten nur wenige Tage nach der Bombenexplosion mit sechs Toten auf der belebten Istanbuler Einkaufsstraße Istiklal, für die Ankara die YPG und die PKK verantwortlich macht. Die Ermittlungen laufen, am Freitag wurden 17 Menschen verhaftet.

PKK und YPG streiten eine Beteiligung deutlich ab und unterstellen der Türkei, mit der Anschuldigung einen Vorwand für einen erneuten Militäreinsatz in Nordsyrien geschaffen zu haben. Auch unabhängige Experten äußerten solche Vermutungen, zumal der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bereits seit Monaten eine solche Offensive angekündigt hatte.

Die Türkei hat seit 2016 vier Militäroffensiven in Nordsyrien geführt, die sich auch gegen die YPG richteten. Ankara sieht in der YPG einen Ableger der kurdischen Untergrundorganisation PKK und betrachtet beide als Terrororganisationen. Die USA kooperieren im Kampf gegen die Terrormiliz IS mit der YPG, stufen die PKK aber als terroristisch ein. Ankara blockiert zudem den NATO-Beitritt von Schweden und Finnland und begründet dies unter anderem mit angeblicher Unterstützung der kurdischen Milizen durch beide Länder.

In Nordsyrien hält die Türkei infolge ihrer Militäreinsätze Grenzgebiete besetzt und kooperiert dabei mit Rebellengruppen. Vor dem Hintergrund einer zunehmend feindseligeren Stimmung gegenüber geflüchteten Menschen im Land hatte Erdogan angekündigt, eine Million Syrer dorthin zurückführen zu wollen.

Erdogan spricht bereits seit Mitte des Jahres von einer möglichen Militäroffensive, die von der Landesgrenze bis zu 30 Kilometer tief in das Nachbarland vordringen soll. Russland und der Iran – beide ebenfalls Akteure im syrischen Bürgerkrieg – hatten der Türkei von einem solchen Vorgehen abgeraten. Auch die USA hatten Ankara vor einer erneuten Offensive gewarnt.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat ihren Sitz in Großbritannien und bezieht ihre Informationen aus einem Netzwerk verschiedener Quellen in Syrien. Von unabhängiger Seite sind die Angaben oft kaum überprüfbar.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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22 Kommentare auf "Türkisch-syrische Grenzregion – Angriffe auf beiden Seiten"


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Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
14 Tage 13 h

Wenn man sonst keine Probleme hat🙈. Raus aus der NATO !! Damit hat sich ein EU Beitritt hoffentlich endgültig erledigt…

xXx
xXx
Kinig
14 Tage 7 h

Sehr kurzsichtig und naiv gedacht.

Damit würdedt du eines der militärisch stärksten Länder Europas direkt in richtung Osten und Russland treiben. Den Brückenkopf im Schwarzen Meer verlieren. Wirtschaftlich und Energietechnisch wäre es auch ziemlich dumm und die Flüchtlingsströme willst du dir gar nicht vorstellen, die bisher von der Türkei abgehalten werden.

Die Frage ist also was besser ist: Sich den Teufel zum Feind machen oder ihn so gut wie möglich kontrollieren.

Dagobert
Dagobert
Kinig
14 Tage 6 h

Rudolfo
I frog mi schun längst, wos asoa Verbrecherstoot indr Nato zu suechn hot?

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
14 Tage 5 h

@xXx..deine Frage beantwortet ich mich einem 🤷‍♂️. Denn wer glaubt ernsthaft, die Türkei “kontrollieren” zu können ? Der Sultan führt genau aus den von Dir genannten Gründen den Westen schon lange am Nasenring durch die politische Arena und kocht sein eigenes, braunes und undurchsichtiges Süppchen…

Hustinettenbaer
14 Tage 5 h

@xXx
Von der Teufel-Besänftigungs-Taktik lebt das System Erdogan, Orban…
Vorher war es Putin.
Wie lange, glaubst Du, dass das diesmal gut geht ?

xXx
xXx
Kinig
14 Tage 3 h

@Hustinettenbaer ich hoffe noch lang genug, was wär die Alternative? Es ist mir schon klar das dieses Spiel gefährlich ist, aber so funktioniert unsere kranke, machtbessesene Welt nun mal. Es gibt nicht wenige Stimmen die Italien, seit Melonis Sieg in einem Atemzug mit den von dir genannten Ländern nennen, also würde sich schon mal die Frage stellen, wer entscheidet, wann eine Grenze überschritten ist…?
Diese Thematik könnte man endlos vorführen und es würde hier jeden Rahmen sprengen, aber ich befürchte das wir sehr schnell in Chaos und Anarchie versinken würden, wenn man mit diesen Autokraten nicht diplomatisch umgehen würde.

N. G.
N. G.
Kinig
14 Tage 1 h

@xXx Nun, das selbe dachte man sich 15 Jahre mit Putin (Wandel durch Handel), ansonsten eun paar Leckerli… . Ergebnis, er steht in der Ukraine!

N. G.
N. G.
Kinig
14 Tage 1 h

@xXx In Italien wurden schon Grenzen überschritten!

xXx
xXx
Kinig
14 Tage 26 Min

@N. G. du bist der aller letzte der mir etwas über Putin erzählen muss. du bist es doch der am liebsten die Ukraine Putin zum fraß vorwerfen woll und das von Anfangan.
Wenn du schon so schlau bidt, dann erzähl mal wie deine Heilsbringer Lösung mit solchen Ländern aussieht?
Bitte greift nur die armen Länder da drüben an und lasst uns in Ruhe, dann drücken wir auch noch die Hühneraugen zu…?

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
13 Tage 16 h

@Dagobert
Zum billig Urlaub machen fliegen Millionen von Touristen dort hin!

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Superredner
13 Tage 14 h
@xxx: sehe Deinen Punkt, aber in Summe gebe ich Rudolfo recht. Natürlich ist die Türkei für die Nato aus den von Fir genannten Gründen sehr wichtig. Auf der anderen Seite aber ist sie ein trojanisches Pferd. Sie ist unzuverlässig, unberechenbar und schert sich nicht um irgendein Bündnis. Sie verhindert eine Weiterentwicklung (Schweden, Finnland), erpresst uns ständig, zündelt gegen die eigenen Bündnispartner, kauft russische Waffensysteme und unterläuft die westlichen Sanktionen. Die Türkei passt leider besser zum Club der Diktatoren. Bündnispartner, von denen man davon ausgehen muss, dass sie auf der Seite des Gegners stehen, sind eher eine Gefahr als ein Nutzen.… Weiterlesen »
Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
13 Tage 12 h

@OrtlerNord..👍weil heutzutage jährlich mindestens ein Mal Urlaub machen “zum guten Ton” gehört. Wer gibt schon gerne zu, dass er sich Urlaub eigentlich gar nicht leisten kann. Da komme solche “all inclusive” Paradiese🙈 gerade recht

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
13 Tage 12 h

@Selbstbewertung…insgeheim bin ich froh, dass sich die türkische Regierung wenig “Westfreundlich” verhält. So bleibt ihnen hoffentlich den Weg zu den “EU 💶 Töpfen” für immer verwehrt…..

xXx
xXx
Kinig
12 Tage 6 h

danke für deine Antwort. Endlich mal jemand mit den man unaufgeregt und faktenbasiert diskutieren kann 👍🏻
Deine Argumente sind natürlich alle richtig und ich möchte nicht in der Haut der Entscheidungsträger stecken.
Was ist besser, wenn der Feind in deinem Bett schläft, oder wenn er dir an die Haustür pisst 🤷🏻‍♂️

Warscheinlich bin ich da wirklich zu gutgläubig, ganz nach dem Motto, wir helfen dir und dafür hilft du uns. Wenn man sich die Welt so ansieht, sind deine Argumente wohl näher an der Wahrheit.

koana
koana
Tratscher
14 Tage 14 h

Erdogan hat von Putin schnell gelernt. Für mich so ein Staat nichts in der Nato verloren und erst recht nichts in der EU!!!

OrtlerNord
OrtlerNord
Superredner
14 Tage 13 h

Koa….
Er hat vermutlich sich gut mit Putin abgesprochen!
Sozusagen ein Gespräch moralisch auf Augenhöhe!

Doolin
Doolin
Kinig
14 Tage 14 h

…es ist Mode geworden in Nachbarländer einzumarschieren…

N. G.
N. G.
Kinig
14 Tage 13 h

Irrtum! Es ist nicht Mode geworden, es war immer so, nur hat sich niemand drum gekümmert, manche Länder und Völker sind für gewisse Menschen und Politiker ja nicht wichtig, gell! ! Hast du die letzten Jahrzehnte verschlafen?

Rudolfo
Rudolfo
Universalgelehrter
13 Tage 12 h

@Doolin…diese “Mode” gibt es, seit der Mensch die Erde bevölkert. Wurde nur immer wieder “verfeinert”. Ob es die Römer😉, die römisch😉-katholische Kirche, ein Österreicher als Großdeutscher waren, spielt dabei keine Rolle. Es waren und sind im Menschen, die meinen, über Anderen zu stehen….

Dagobert
Dagobert
Kinig
14 Tage 12 h

Der türkische Möchtegernsultan ist derselbe Menschenschlächter wie der in Moskau! Keinen Deut besser!

brunner
brunner
Universalgelehrter
14 Tage 3 h

Muslimbruder Erdogan und seine Türkei…..aber fahrt nur alle dorthin in Urlaub…Hauptsache billig gelle?

Selbstbewertung
Selbstbewertung
Superredner
13 Tage 14 h

@Brunner: da gebe ich dir Recht: es liegt, wie so oft, auch bei uns. Insofern tragen auch wir eine gewisse Schuld. Immer nur auf die Politik zu schimpfen und selbst auf nichts verzichten wollen ist widersprüchlich und zu kurz gedacht.

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