Über den bombardierten Gebieten steigt Rauch auf

Türkische Armee attackierte Kurden-Stellungen in Syrien

Samstag, 20. Januar 2018 | 17:43 Uhr

Die seit Tagen angekündigte Bodenoffensive der Türkei in der nordsyrischen Grenzregion hat nach den Worten von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan “de facto” begonnen. Der Einsatz am Boden gegen die von Kurden kontrollierte Stadt Afrin sei gestartet, danach werde Manbij angegriffen, sagte Erdogan am Samstag.

Die türkische Luftwaffe flog Angriffe auf mutmaßliche Stellungen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG. Erdogan äußerte sich in einer in der westtürkischen Stadt Kütahya gehaltenen Rede, die im Fernsehen übertragen wurde. Die Türkei werde “Schritt für Schritt” einen “Terror-Korridor” zerstören, den die YPG errichtet habe. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete, protürkische Milizionäre der Freien Syrischen Armee (FSA) rückten in der Region Afrin vor.

Der türkische Regierungschef Binal Yildirim sagte in einer ebenfalls im Fernsehen übertragenen Rede, die Armee habe eine Luftoffensive zur “Zerstörung” der YPG begonnen. Ein AFP-Reporter auf der türkischen Seite der Grenze sah, wie zwei türkische Kampfflugzeuge Ziele auf syrischem Territorium angriffen und Rauchwolken aufstiegen.

Die türkische Armee bestätigte eine Boden- und Luftoffensive. Die “Operation Olivenzweig” habe um 15.00 Uhr (MEZ) begonnen und richte sich gegen die YPG und auch gegen die Jihadistenmiliz “Islamischer Staat” (IS), erklärte das Militär.

Die russische Regierung äußerte sich “besorgt” über die Offensive. Das Außenministerium in Moskau rief “die gegnerischen Parteien zur “Zurückhaltung” auf. Zudem zog Russland seine Soldaten aus dem umkämpften Gebiet ab. Damit sollten “mögliche Provokationen” vermieden und eine “Bedrohung für Leben und Gesundheit der russischen Soldaten” ausgeschlossen werden, erklärte das russische Verteidigungsministerium am Samstag in Moskau. Die Soldaten hätten sich in die Deeskalationszone um die syrische Stadt Tall Rifaat zurückgezogen.

Afrin und das hundert Kilometer weiter östlich am Euphrat gelegene Manbij gehören zur halbautonomen Kurdenregion im Nordwesten Syriens. Ankara will einen Zusammenschluss der Kurdengebiete westlich und östlich des Flusses und damit die Entstehung einer eigenständigen Kurdenregion an der Südflanke der Türkei verhindern. Erdogan warf der US-Regierung vor, sich nicht an ihr Versprechen zu halten, die YPG von Manbij fernzuhalten.

Türkische Truppen hatten diese Woche bereits mehrfach Granaten auf mutmaßliche YPG-Stellungen abgefeuert. Zuvor hatte die Armee an der Grenze zu Syrien Panzer und Artillerie zusammengezogen.

Die US-geführte Allianz zum Kampf gegen den IS hatte am vergangenen Sonntag den Aufbau einer 30.000 Mann starken Truppe im syrischen Grenzgebiet zur Türkei angekündigt. Diese soll die Grenzen im Norden und Osten Syriens sichern, um ein Wiedererstarken der IS-Miliz zu verhindern.

Die Hälfte der Kämpfer soll von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kommen, die von den YPG beherrscht werden. Für die US-Regierung ist die YPG-Miliz ein wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den IS. Washingtons NATO-Partner Türkei betrachtet die YPG dagegen als syrischen Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK).

Die neue türkische Offensive in der Region Afrin ist nicht ohne Risiko. Russland ist dort mit Militärbeobachtern präsent und unterhält gute Beziehungen zu den Volksverteidigungseinheiten. Analysten zufolge bedarf eine umfassende Boden- und Luftoffensive der Zustimmung Moskaus. Der türkische Generalstabschef Hulusi Akar und der Geheimdienstchef Hakan Fidan hielten sich am Donnerstag in Moskau auf. Sie erörterten dort mit ihren russischen Kollegen Sicherheitsfragen und die Lage in Syrien, wie die türkische Armee mitteilte.

Von: APA/ag.