Rauchschwaden in der Stadt Douma

Türkische Armee rückt bis kurz vor Afrin in Nordsyrien vor

Sonntag, 11. März 2018 | 15:19 Uhr

Die türkische Armee ist am Wochenende bis kurz vor die kurdisch kontrollierte Stadt Afrin in Nordsyrien vorgerückt. Gleichzeitig setzte die syrische Armee am Sonntag ihre Offensive in Ost-Ghouta bei Damaskus fort. Douma, die größte Stadt der Enklave, sei vollständig von der syrischen Armee eingeschlossen, meldete am Sonntag die mit Damaskus verbündete libanesische Hisbollah-Miliz.

Im Nordosten von Afrin habe es “heftige Kämpfe mit Luftangriffen und Artilleriebeschuss gegeben, sagte der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman. Die türkische Armee und mit ihr verbündete syrische Kämpfer befanden sich am Samstag nach Angaben der oppositionsnahen Beobachtungsstelle weniger als zwei Kilometer von Afrin entfernt, das seit 2012 von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert wird.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte in einer in der südlichen Stadt Mersin gehaltenen und im Fernsehen übertragenen Rede, nach Afrin würden auch die Städte Manbij, Kobane, Tal Abyad, Ras al-Ain und Qamishli “von Terroristen gesäubert”. Die YPG hatten das von der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) eingenommene Kobane im Jänner 2015 in einer symbolträchtigen viermonatigen Schlacht zurückerobert.

Ankara bezeichnet die YPG als Terrororganisation, ebenso wie die mit ihr verbündete und in der Türkei verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) des inhaftierten Abdullah Öcalan. Die YPG sind mit den USA im Kampf gegen den IS verbündet. Deshalb sorgt Ankaras Offensive für Irritationen zwischen Washington und Ankara, die beide Partner in der NATO-Militärallianz sind.

An einer anderen Front des Syrienkriegs setzte die syrische Armee ihre drei Wochen andauernde Offensive in der Rebellenhochburg Ost-Ghouta nahe Damaskus am Sonntag mit Luftangriffen und Fassbomben fort. Tags zuvor hatte die Armee die größte Stadt der Enklave, Douma, von der übrigen Region abgetrennt, wie die Beobachtungsstelle mitteilte.

Den Angaben zufolge kontrollierten die syrischen Truppen und verbündete Milizen am Samstag die Straße, die Douma mit Harasta im Westen und mit dem Ort Misraba im Süden verbindet. Den Truppen sei es somit gelungen, Ost-Ghouta in drei Teile aufzuspalten: Douma und seine Umgebung im Norden, Harasta im Westen sowie die übrigen Orte im Süden.

Am Sonntag griffen Regierungstruppen die Ränder der drei Teilregionen mit Bomben und Raketen an, berichtete die Beobachtungsstelle. Funktionäre der Rebellenstadt Hammurije berieten am Sonntag über ein Regierungsangebot, das Kämpfern und Zivilisten bei einer Übergabe der Stadt freies Geleit zusagt. Die zwei größten Rebellengruppen Ost-Ghoutas hatten bisher jegliche Verhandlungen mit der Regierung abgelehnt.

Laut der Beobachtungsstelle, die den Rebellen nahesteht und ihre kaum nachprüfbaren Informationen von Aktivisten vor Ort bezieht, kontrolliert die Armee mittlerweile mehr als die Hälfte von Ost-Ghouta. Bewaffnete Islamisten und Jihadisten beschießen von dort aus Wohnviertel in Damaskus. Seit dem Beginn der Offensive syrischer Regierungstruppen auf Ost-Ghouta sind dort nach Angaben der Beobachtungsstelle 1.102 Zivilisten getötet worden.

Vertreter der Rebellen teilten indes mit, weiterkämpfen zu wollen. Gruppierungen der Freien Syrischen Armee sagten am Samstagabend, sie wollten nicht aufgeben und lehnten einen bereits ausgehandelten Rückzug ab. Am späten Freitagabend hatte eine kleine Gruppe aufständischer Kämpfer mit ihren Familien die eingeschlossene Region verlassen und sich auf den Weg in eine von der Opposition gehaltene Gegend im Nordwesten des Landes gemacht. Die beiden größten Rebellengruppen gaben aber an, in Ost-Ghouta bleiben und für sich und ihre Familien keine entsprechende Vereinbarung aushandeln zu wollen.

Der US-Verteidigungsminister Jim Mattis warnte die syrische Regierung am Sonntag davor, bei ihren Angriffen in Ost-Ghouta Giftgas einzusetzen. “Wir haben deutlich gemacht, dass es sehr unklug wäre, Gas gegen Menschen” einzusetzen, sagte Mattis am Rande einer Omanreise zu Reportern. Es gebe “eine Menge Berichte” über den Einsatz von Chlorgas, fügte Mattis hinzu – allerdings ohne stichhaltige Beweise.

Die Rückeroberung von Ost-Ghouta wäre für Assad der größte Erfolg gegen die Aufständischen seit der Einnahme von Aleppo im Dezember 2016. Assad und sein Hauptverbündeter Russland wollen nach eigenen Angaben mit dem Vorstoß den Beschuss der Hauptstadt Damaskus durch Aufständische unterbinden. Wie bei früheren Angriffen setzen die Regierungstruppen dabei vor allem auf massive Luftschläge sowie eine Belagerung der Rebellengebiete. Aufständische gaben an, bei Gegenangriffen in den vergangenen Tagen mehrere Stellungen zurückerobert zu haben.

In der belagerten Rebellen-Enklave sind UNO-Schätzungen zufolge rund 400.000 Menschen eingeschlossen. Es fehlt an Nahrung, Medikamenten und Trinkwasser. Die Kampfhandlungen behindern dringend benötigte Hilfslieferungen in das Gebiet. Hilfsorganisationen hatten zuletzt am Freitag einen Versuch der Versorgung der hungernden Bevölkerung in der Region gestartet und 13 Lastwägen mit Nahrungsmittelpaketen losgeschickt.

Von: APA/Ag.