Türkische Truppen im syrischen Grenzgebiet

Türkische Offensive gegen syrische Kurden hält an

Dienstag, 23. Januar 2018 | 21:46 Uhr

International stößt die türkische Offensive gegen die syrischen Kurden in Afrin auf Besorgnis. US-Verteidigungsminister James Mattis rief am Dienstag Ankara erneut zur “Zurückhaltung” auf, vermied aber direkte Kritik am NATO-Partner. Die türkische Armee erklärte indes, dass in Afrin mindestens 250 Kämpfer der Kurdenmiliz YPG sowie des IS getötet worden seien.

Nach Informationen der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind bei der Offensive bisher 23 Zivilisten getötet worden. Nach UN-Schätzungen flohen rund 5.000 Menschen.

“Wir drängen die Türkei, Zurückhaltung beim militärischen Vorgehen und der Rhetorik zu üben”, sagte Mattis bei einem Besuch in Jakarta. Die Gewalt in Afrin versetze “eine bisher relativ stabile Region Syriens in Unruhe” und lenke von den internationalen Bemühungen ab, die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) zu besiegen, mahnte er.

Die Verwaltung in den von Kurden kontrollierten Gebieten Syriens rief die Generalmobilmachung aus. “Wir fordern unser gesamtes Volk auf, Afrin und seine Würde zu verteidigen”, heißt es in dem Appell. Die syrischen Kurden haben seit dem Beginn des Bürgerkriegs drei autonome Bezirke geschaffen, darunter Afrin im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei.

Die am Samstag gestartete Militäroffensive in Afrin richtet sich gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG), die Ankara als syrischen Zweig der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) betrachtet. Für die USA ist die Offensive ihres NATO-Partners brisant, da sie die YPG im Kampf gegen die Jihadisten in Nordsyrien mit Waffen und Spezialkräften unterstützen.

Die Türkei sieht diese US-Militärhilfe für die YPG als verdeckte Unterstützung der PKK, die auch von Washington als Terrororganisation gelistet ist. Trotz der Kritik aus Ankara halten die USA aber an dem umstrittenen Bündnis fest und kündigten kürzlich an, in Nordsyrien eine 30.000 Mann starke Grenzschutztruppe aus kurdischen und arabischen Kämpfern aufzubauen.

Die Türkei will bei ihrer Militäraktion nach Angaben von Außenminister Mevlüt Cavusoglu Gefechte mit syrischen, russischen und US-Soldaten vermeiden. Sie werde allerdings alles tun, was für ihre Sicherheit notwendig sei, sagte der Minister laut einem Fernsehbericht am Dienstag. Andernfalls stünde morgen die Zukunft der Türkei auf dem Spiel. “Wir fürchten uns vor niemandem, wir sind entschlossen, … und wir werden nicht mit Ängsten und Bedrohungen leben”, sagte der Minister.

Auf Initiative Frankreichs beriet der UNO-Sicherheitsrat am Montag über die türkische Offensive in Afrin und weitere Entwicklungen in Syrien, konnte sich aber nicht zu einer gemeinsamen Erklärung durchringen. Der französische UNO-Botschafter Francois Delattre sagte im Anschluss lediglich, der “Ruf nach Zurückhaltung” sei in der Diskussion weitgehend geteilt worden.

Auch Russland, das eine zentrale Stellung im Nordwesten Syriens hat, beließ es bei einem Appell zur Mäßigung. Moskau unterhält gute Beziehungen zur YPG, ist aber nicht gegen das türkische Vorgehen in Afrin eingeschritten. Stattdessen zog Moskau seine Militärbeobachter aus der Region ab. Die Türkei betont, ihr Vorgehen sei eng mit Russland abgestimmt.

Angesichts der Untätigkeit der Weltmächte riefen die syrischen Kurden am Dienstag zur “Generalmobilmachung” auf. Alle “Kinder unseres Volkes” seien aufgerufen, “zu den Waffen zu greifen”, um Afrin zu verteidigen, hieß es in der Erklärung des kurdischen Kantons Jasire, der ebenso wie Afrin von der YPG und ihrer Mutterpartei PYD kontrolliert wird.

Die Türkei setzte ihre Angriffe unterdessen unvermindert fort. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete auch am vierten Tag der Operation “Olivenzweig” heftige Kämpfe im Norden und Südwesten der Region; zudem hätten protürkische Rebellen eine neue Offensive im Nordosten Afrins gestartet, wo sie zuvor den strategisch wichtigen Hügel Barsaja erobert hatten.

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu hat am Dienstag eine Ausweitung der Militäroperation auf weitere kurdisch kontrollierte Gebiete angedroht. Die mit den USA verbündete kurdische Miliz YPG in der ostsyrischen Region Manbij feuere “ständig Störfeuer” ab, sagte Cavusoglu der Zeitung “Habertürk” vom Dienstag. “Wenn die USA das nicht stoppen können, werden wir das stoppen.”

Zeitgleich bombardierte die türkische Luftwaffe PKK-Stellungen im Nordirak. Die Angriffe in der nordirakischen Region Zap hätten sich gegen PKK-Kämpfer gerichtet, die Attacken auf türkische Sicherheitskräfte an der Grenze vorbereiteten, teilte die türkische Armee am Dienstag mit.

Nach Angaben der oppositionsnahen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, die sich auf ein Netz aus Aktivisten in Syrien stützt, wurden seit Samstag 58 Kämpfer getötet, darunter 26 kurdische Kämpfer, 25 protürkische Rebellen und sieben nicht identifizierte Tote. Laut den für Medien kaum überprüfbaren Angaben der Organisation wurden auch 24 Zivilisten bei der türkischen Offensive getötet.

Die Türkei weist Berichte über zivile Opfer als “Propaganda” zurück und versichert, ausschließlich “Terroristen” ins Visier zu nehmen. Proteste in der Türkei werden gewaltsam unterdrückt, Kritik in den sozialen Medien wird verfolgt. Auch am Dienstag nahmen die türkischen Behörden 42 Verdächtige unter dem Vorwurf der “Terrorpropaganda” fest. Unter den Festgenommenen seien auch Politiker der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP, sagte der Parteisprecher Ayhan Bilgen am Dienstag. Nach Angaben der regierungskritischen Zeitung “Cumhuriyet” wurden seit dem Vortag zudem mindestens fünf Journalisten wegen kritischer Äußerungen in den sozialen Medien festgenommen.

In Ankara wurde unterdessen der erste türkische Soldat beigesetzt, der bei der Operation getötet worden war. Präsident Recep Tayyip Erdogan sagte bei dem Staatsbegräbnis für den 30-jährigen Unteroffizier, die türkischen Streitkräfte würden am Ende den Sieg davontragen.

Die FPÖ kritisierte die türkische Offensive. Diese “zeigt einmal mehr, dass das autoritäre Erdogan-Regime ein ernstes Problem für die Sicherheit in der Region darstellt”, sagte Harald Vilimsky, freiheitlicher Delegationsleiter im Europaparlament und FPÖ-Generalsekretär, am Dienstag laut einer Aussendung. Angesichts “des islamistisch-autoritären Kurses”, den die Türkei unter Erdogan seit längerem eingeschlagen habe, sehe er keinen Grund für weitere Gespräche der EU mit Ankara. “Die Erdogan-Türkei kann einfach keinen Platz in der EU haben, will die Union ihre Werte nicht vollständig aufgeben”, sagte Vilimsky.

Vor der türkischen Offensive in Nordsyrien sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen rund 5.000 Menschen geflüchtet. Die schwächsten der Betroffenen hätten allerdings zurückbleiben müssen, hieß es in einem UNO-Bericht, der sich auf Quellen an Ort und Stelle stützt. Demnach steht die Organisation bereit, in der Region Afrin 50.000 Menschen zu versorgen.

Von: APA/ag.