Schlange bei NGO-Essenausgabe in Afghanistan

UNO an Taliban: NGO-Arbeitsverbot für Frauen aufheben

Montag, 26. Dezember 2022 | 16:55 Uhr

Inmitten einer schweren humanitären Krise in Afghanistan haben mehrere Hilfsorganisationen ihre Arbeit wegen neuer Anweisungen der Taliban eingestellt. Hintergrund ist eine am Samstag von den militanten Islamisten veröffentlichte Aufforderung an Nichtregierungsorganisationen (NGOs), ihre Mitarbeiterinnen bis auf weiteres zu suspendieren. Der Schritt löste weltweit Sorge und Kritik aus. Manche sprachen von einer “roten Linie”, die die Taliban überschritten hätten.

Das Wirtschaftsministerium in Kabul begründete seine Forderung nach Suspendierung der Mitarbeiterinnen damit, dass die Frauen sich angeblich nicht ordentlich verschleierten und damit gegen Vorschriften verstießen. Taliban-Anhänger schrieben in sozialen Medien, Frauen würden unter ihnen besser beschützt als von westlichen NGOs.

Eigentlich waren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die letzten Vertreter aus dem Westen, die in dem krisengeplagten Land geblieben waren. Die Taliban übernahmen im Sommer 2021 die Macht in Afghanistan. Internationale Truppen zogen überhastet ab. Westliche Länder brachten ihr Botschaftspersonal in Sicherheit. Internationale Helfer versorgten zuletzt Millionen Menschen mit Nahrungsmitteln, betrieben Gesundheitskliniken oder unterrichteten Mädchen. Damit könnte nun Schluss sein.

Auch wenn die NGOs Beobachtern zufolge hoffen, dass sie mit der Einstellung ihrer Arbeit bei den Taliban ein Umdenken auslösen, hatten sie zunächst keinen Erfolg. Am Sonntag rief Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid dazu auf, sich nicht in die internen Angelegenheiten Afghanistans einzumischen. Alle Institutionen, die in Afghanistan tätig werden wollten, seien verpflichtet, die Regeln und Vorschriften des Landes einzuhalten.

Der Dachverband der in Afghanistan tätigen Nichtregierungsorganisationen ACBAR sprach am Montag von einer “drastischen Maßnahme” und forderte das Wirtschaftsministerium auf, die schriftliche Anordnung zurückzunehmen. Viele der 183 lokalen und internationalen Mitgliedsorganisationen hätten ihre humanitäre Hilfe beendet, ausgesetzt oder reduziert, hieß es in einer Erklärung. Die Mitgliedsorganisationen beschäftigten 55.249 Menschen aus Afghanistan. 28 Prozent – das sind rund 15.500 – seien Frauen. Viele der beschäftigten Mitarbeiterinnen unterstützten Frauen und Mädchen, und diese Tätigkeiten müssten von Mitarbeiterinnen der NGOs ausgeführt werden.

Das Verbot habe katastrophale Auswirkungen auf die gesamten Hilfsprogramme, teilte die Welthungerhilfe am Montag mit. Die Hilfsorganisation setzte ihre Arbeit vorerst aus. Die Hilfsorganisationen Care, Save the Children, die Norwegische Flüchtlingshilfe (NRC), World Vision und das International Rescue Committee (IRC) hatten zuvor mitgeteilt, sie hätten ihre Arbeit in dem Land mit geschätzt 37 Millionen Einwohnern eingestellt. “NGOs die Beschäftigung von Frauen zu verbieten, überschreitet eine humanitäre rote Linie”, schrieb NRC-Chef Jan Egeland auf Twitter.

Offen ist noch, ob und wie wichtige UN-Organisationen wie das Kinderhilfswerk UNICEF oder das Welternährungsprogramm WFP über ihre Kritik an der Taliban-Verfügung hinaus reagieren. Die Ankündigung zu den NGO-Mitarbeiterinnen löste weltweit Sorge aus. Unter anderem der UN-Generalsekretär, die EU-Kommission und die Außenminister der USA und Deutschlands verurteilten den Schritt.

Das NGO-Arbeitsverbot für Frauen reiht sich ein in eine Liste von immer harscher werdenden Maßnahmen der Taliban. Selbst langjährige Beobachter des Landes fragen sich, weshalb die Taliban-Führung, deren Regierung bisher von keinem Land der Welt anerkannt wird, durch ein derartiges Vorgehen noch weitere Isolation und noch mehr Armut der Bevölkerung in Kauf nimmt. Manche erklären dies damit, dass sich bei den Taliban zunehmend die Hardliner durchsetzen und die Pragmatiker, die eine Annäherung an den Rest der Welt suchen und Wandel unterstützen, ins Hintertreffen geraten.

Der Universitätsdozent und Aktivist Obaidullah Bahir schrieb auf Twitter, es gebe keine Garantie, dass eine Einstellung der internationalen Hilfen in Afghanistan die Politik der Taliban ändern werde. Auch für religiöse Argumente seien sie nicht zugänglich. “Jene, die bei den Taliban die Entscheidungen treffen, kennen die Konsequenzen ihrer Handlungen ganz genau, und sie finden, sie selbst sind die höchste Autorität in religiösen Fragen. Es gibt nicht viel, was jemand von außen tun könnte, um sie zu beeinflussen.”

Es bleibt laut Bahir nur eine radikale Reform innerhalb der Taliban – oder die Menschen im Land drängen die Islamisten etwa mit zivilem Ungehorsam zurück. Ungeachtet großer Gefahr von Repressionen haben sich im Land zuletzt etwa Studenten mit ihren verbannten Kommilitoninnen solidarisch gezeigt, indem sie Prüfungen geschlossen verließen. Dutzende Uni-Lektoren legten aus Protest ihr Amt nieder. In mehreren Städten gab es kleine Demonstrationen.

In all den Schocks der vergangenen Tage sieht Bahir aber auch etwas Gutes. Dass all diese Rechte in kurzer Abfolge weggenommen worden seien, helfe. “Wären sie subtil und schrittweise angegangen worden, hätte die Empörung vielleicht nicht die Dynamik gehabt, die sie hat.”

Von: APA/dpa

Kommentare

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3 Kommentare auf "UNO an Taliban: NGO-Arbeitsverbot für Frauen aufheben"


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DontBeALooserBeASchmuser
1 Monat 1 Tag

Es ist ihr Land, also lasst sie nach ihren Vorstellungen leben.
Fortschritt kann man nicht erzwingen.

Dass die ganzen “Interventionen” nur Tote bringen, haben wir in den letzten Jahrzehnten gesehen.

Faktenchecker
1 Monat 1 Tag

Hallo Putintroll.

Doolin
Doolin
Kinig
1 Monat 1 Tag

…der ach so geschmäte Westen leistet nach wie vor gewaltige Zahlungen und Hilfsleistungen nach Afghanistan, die vor Ort von NGOs abgewickelt werden und ohne die die Bevölkerung dort aufgeschmissen wäre…sollten Frauen nicht mehr mitarbeiten dürfen, muss diese Tätigkeit eingestellt werden…ein paar halbwegs intelligente Taliban sind sich dessen sehr wohl bewusst…

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