Menschen in Nigeria leben in extremer Not

UNO muss Hilfe für Hungernde in Nigeria kürzen

Dienstag, 20. Juni 2017 | 12:10 Uhr

Die Vereinten Nationen müssen wegen fehlender Hilfsgelder die Unterstützung für 400.000 vom Hunger betroffene Menschen im Nordosten von Nigeria einstellen. “Die Menschen werden in schrecklicher Not sein”, warnte der stellvertretende UN-Hilfskoordinator für Nigeria, Peter Lundberg. Langfristig könnte das mehr Flüchtlinge nach Europa treiben.

Im April sei in der von der Terrormiliz Boko Haram terrorisierten Region noch 2,3 Millionen Menschen geholfen worden, jetzt nur noch 1,9 Millionen. “Wir versuchen die Rationen dort zu kürzen, wo die Menschen widerstandsfähiger sind”, sagte Lundberg. “Momentan gibt es zwar viele nigerianische Migranten, die nach Europa wollen, aber sie kommen nicht hauptsächlich aus dem Nordosten”, erklärt Lundberg. “Aber es ist natürlich schwer zu sagen, was im schlimmsten Krisenfall noch passieren könnte. Wir bemühen uns darum, dass es erst gar nicht soweit kommt.”

In der Region sind nach UNO-Angaben 50.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht, rund 1,5 Millionen befinden sich demnach in einer kritischen Lage und brauchen dringend Hilfe. Laut World Food Programme (WFP) sind derzeit in den drei nordöstlichen Staaten Borno, Yobe und Adamawa rund 4,7 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

“Mit gemeinsamer Anstrengung können wir eine Hungersnot noch verhindern”, sagte Lundberg. Fast eine halbe Million Kinder werde dieses Jahr an akuter Mangelernährung leiden, einem lebensgefährlichen Zustand. “Das Immunsystem der Kinder bricht zusammen und dann sterben sie schnell in Folge von gewöhnlichen Krankheiten wie Durchfall.”

Die Vereinten Nationen zufolge sind für dieses Jahr 1,1 Milliarden Dollar nötig, um den Menschen im Nordosten von Nigeria zu helfen. Bisher ist aber weniger als ein Drittel der Mittel eingegangen. Neben einer Überforderung der Geber durch viele gleichzeitige Krisen spiele auch eine Rolle, dass über die Krise in Nigeria kaum berichtet werde, sagte Lundberg. Nigeria sei eine “der am meisten vernachlässigten Krisen weltweit”.

“Wir bemühen uns weiter verzweifelt um zusätzliche Mittel”, sagte Lundberg. Die größten Geber sind bisher die USA, die EU, Deutschland und Schweden. Für Einzelbereiche des Hilfseinsatzes in Nigeria wie für Bildung und Gesundheitsversorgung seien erst rund 10 Prozent der benötigten Mittel eingegangen, erklärte Lundberg. Experten warnen, dass sich die Krise wegen der fehlenden Mittel weiter zuspitzen könnte – was den Hilfseinsatz im nächsten Jahr noch kostspieliger machen dürfte.

Die humanitäre Krise im ohnehin armen Nordosten von Nigeria wurde durch den Terrorfeldzug von Boko Haram ausgelöst. Seit 2009 terrorisieren die islamistischen Extremisten die Region. Bei Anschlägen und Angriffen der Terrormiliz kamen UNO-Schätzungen zufolge mindestens 20.000 Menschen ums Leben. Zwei Millionen Menschen sind in Nigeria vor der Gewalt der Fanatiker geflohen. Insgesamt sind dort rund fünf Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Seit 2015 ist Boko Haram vom Militär immer weiter zurückgedrängt worden. Doch gibt es in der Region UN-Angaben zufolge noch immer bis zu 700.000 Menschen, die in Gebieten leben, zu denen Helfer wegen der anhaltenden Unsicherheit keinen Zugang haben. Wie die humanitäre Lage dort ist, weiß niemand.

Von: APA/dpa