Für sie gibt es kaum einen Ausweg

UNO warnt vor Idlib-Offensive vor humanitärer Katastrophe

Dienstag, 04. September 2018 | 16:05 Uhr

Vor der erwarteten Offensive auf die Rebellenhochburg Idlib in Syrien warnen die Vereinten Nationen vor der größten humanitären Katastrophe im 21. Jahrhundert. Die Welt dürfe nicht “schlafwandlerisch” in diese Krise gehen, sagte UNO-Nothilfekoordinator Mark Lowcock am Dienstag in Berlin angesichts der geschätzten drei Millionen Zivilisten in der Provinz im Nordwesten des Bürgerkriegslandes.

Auch US-Präsident Donald Trump stimmte in die Warnungen ein. “Präsident Bashar al-Assad von Syrien darf die Provinz Idlib nicht unbesonnen angreifen”, schrieb Trump auf Twitter. “Die Russen und Iraner würden einen schweren humanitären Fehler machen, sich an dieser potenziellen menschlichen Tragödie zu beteiligen. Hunderttausende Menschen könnten getötet werden. Lasst das nicht geschehen.”

Die Region im Nordwesten Syriens ist das letzte große Gebiet des Bürgerkriegslandes, das noch von Rebellen beherrscht wird. Dominiert werden diese von dem Al-Kaida-Ableger Hayat Tahrir al-Sham (HTS), der früheren Al-Nusra-Front. Syriens Regierung hat Truppen zusammengezogen und droht mit einem Angriff zusammen mit ihren Verbündeten Russland und Iran.

Ein Kreml-Sprecher hat Donald Trumps Warnung vor einer Offensive in der Provinz Idlib zurückgewiesen. Lediglich Warnungen auszusprechen, ohne das sehr gefährliche und negative Potenzial der gesamten Lage in Syrien zu bedenken, sei “möglicherweise kein umfassender Ansatz”, teilte Moskau am Dienstag mit. Die Präsenz militanter Aufständischer in Idlib unterminiere den Friedensprozess in Syrien und mache die Region zu einer Basis für Angriffe auf russische Truppen, hieß es weiter. Zuvor hatte bereits Russlands Außenminister Sergej Lawrow gesagt, die syrische Regierung habe “jedes Recht”, die Militanten zu vertreiben.

Lowcock zufolge leben in Idlib mehr als eine Million Kinder. Auf einen der oft extremistischen Kämpfer kämen rund 100 Zivilisten. Er sei in der vergangenen Woche in Damaskus gewesen und sei nach den Gesprächen höchst alarmiert. Es müsse alles unternommen werden, um eine blutige Schlacht zu verhindern. Gleichzeitig müsse es aber Vorbereitungen geben, um in diesem Falle Zivilisten helfen zu können.

Das Nachbarland Türkei, das im Falle einer Eskalation Flüchtlingsströme in Richtung seiner Grenze befürchtet, brachte einem Medienbericht zufolge weiteres Kriegsgerät in die Grenzregion. Acht Frachtfahrzeuge beladen mit Panzern und schweren Geschützen hätten die Grenzprovinz Kilis passiert, meldete die Zeitung “Hürriyet” am Dienstag. Idlib liegt nur etwa 30 Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Die Türkei unterhält in der Provinz Beobachtungsposten und ist Schutzmacht einer De-Eskalationszone.

Die Panzer habe das Militär auf die andere Seite der Grenze gebracht. Sie sollen laut Quellen aus Sicherheitskreisen helfen, mögliche Flüchtlingswellen in Richtung Türkei aufzuhalten und mit Systemen zur Beobachtung von Migrationsströmen ausgestattet sein, berichtete “Hürriyet” weiter. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, auch in der weiter südwestlich gelegenen Grenzprovinz Hatay seien Lastwagen mit Panzern darauf angekommen. Sie sollten später in Grenzbezirke gebracht werden, um dort Befestigungen zu verstärken.

Derweil wurde die Region Menschenrechtlern und Rebellen zufolge von Dutzenden russischen Bombardements getroffen, die eine Bodenoffensive vorbereiten sollen. Russische Kriegsflugzeuge waren am Vormittag etwa 40 Luftangriffe in 20 Gebieten Idlibs geflogen.

Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach davon, dass sich in der Provinz “das nächste Terroristennest gebildet” habe. “Wir wissen, dass die syrischen Streitkräfte sich darauf vorbereiten, das Problem zu lösen”, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Ein Datum für die Offensive nannte er nicht. Der iranische Außenminister Mohammad Javad Zarif sprach von Bemühungen, die Zivilisten “mit den geringsten menschlichen Kosten” aus dem Gebiet zu “entfernen”.

Der Westen ist aufgrund der Pläne und früheren blutigen Offensiven auf Rebellengebiete in Aleppo oder Ost-Ghouta alarmiert. Am Freitag wollen Russland und der Iran als Unterstützer der Regierung und die Türkei als Schutzmacht der Opposition über die Krise in Syrien beraten. Beobachter rechnen damit, dass sich dort das Schicksal Idlibs entscheiden könnte.

UNO-Syrienvermittler Staffan de Mistura sah dagegen am Dienstag eine gewisse Chance für eine Wiederbelebung des Friedensprozesses in dem Bürgerkriegsland. Er sprach von einem “Moment der Wahrheit”, wenn er sich am 10. und 11. September mit Vertretern der Türkei, des Irans und Russlands in Genf treffe.. “Wir stehen vor ziemlich wichtigen Wochen der Beratungen, die einem glaubwürdigen politischen Prozess neues Leben einhauchen könnten”, sagte er. Am 14. September will Mistura nach eigenen Worten weitere Länder wie die USA, Frankreich, Saudi-Arabien und Deutschland über den Stand der Beratungen unterrichten. Am 20. September werde er im Umfeld der UNO-Generalversammlung die Staatengemeinschaft informieren.

Von: APA/dpa