Militärfahrzeuge auf den Straßen von Almaty

Unruhen in Kasachstan halten an

Samstag, 08. Januar 2022 | 16:45 Uhr

Nach schweren Unruhen ist die Lage im zentralasiatischen Kasachstan am Wochenende unübersichtlich geblieben. Landesweit seien mittlerweile mehr als 4.400 Menschen festgenommen worden, berichtete das Staatsfernsehen am Samstag unter Berufung auf das Innenministerium der autoritär geführten Ex-Sowjetrepublik. Der wegen der Unruhen entlassene Chef des Inlandsgeheimdienstes, Karim Massimow, wurde wegen des Verdachts des Hochverrats festgenommen.

Er sei mit anderen ranghohen Beamten in Gewahrsam genommen worden, teilte der Sicherheitsausschuss am Samstag mit. Weitere Details wurden nicht genannt. Massimow gilt als Vertrauter des früheren Präsidenten Nursultan Nasarbajew, der seit der Unabhängigkeit bis 2019 Kasachstan autoritär regiert hatte. Massimow war zweimal Ministerpräsident und unter Nasarbajew auch Chef der Präsidialverwaltung.

Der seit 2019 amtierende Präsident des zentralasiatischen Landes, Kassym-Schomart Tokajew, ist von Nasarbajew abgerückt. Er hat am Freitag den Sicherheitskräften Schießbefehl erteilt, sollte es zu weiteren Unruhen kommen. Zudem rief er die von Russland geführte Militärallianz OVKS zu Hilfe, die Soldaten in das Mitgliedsland entsandte.

Tokajew beriet in einem Telefonat mit Russlands Präsident Wladimir Putin über die Eindämmung der Unruhen. Die Lage habe sich wieder beruhigt, teilte Tokajews Büro am Samstag mit. Allerdings seien die “Terroristen weiter aktiv”. Deshalb werde weiter entschieden vorgegangen.

Tokajew habe Putin für das Eingreifen der von Russland geführten Militärallianz gedankt, erklärte das russische Präsidialamt. Putin unterstütze Tokajews Idee, in den kommenden Tagen in einer Videokonferenz der Verbündeten die weiteren Maßnahmen zu beraten, durch die die Ordnung in Kasachstan wiederhergestellt werden solle.

Der Organisation des Vertrages für kollektive Sicherheit (OVKS) gehören neben Russland und Kasachstan auch Belarus, Armenien, Kirgisistan und Tadschikistan an. Nach Angaben der Organisation dieser sechs früheren Sowjetrepubliken waren auf Wunsch Tokajews am Donnerstag Friedenssoldaten nach Kasachstan gebracht worden. Sie sollten die kasachischen Sicherheitskräfte unterstützen

Neue offizielle Informationen über Todesopfer gab es am Samstag zunächst nicht. Zuvor hatten die Behörden von insgesamt mehr als 40 Getöteten gesprochen – darunter auch Sicherheitskräfte. Tokajew hatte Polizei und Armee am Freitag befohlen, “ohne Vorwarnung” auf Demonstranten zu schießen, die er als “Terroristen” und “Banditen” bezeichnete. Befürchtet wurde, dass es viele zivile Todesopfer geben könnte – insbesondere in der von den Ausschreitungen schwer erschütterten Millionenstadt Almaty im Südosten Kasachstans.

Weil die Behörden das Internet in Almaty abgeschaltet haben und die Mobilfunkverbindung ständig zusammenbricht, war es weiterhin kaum möglich, gesicherte Informationen von dort zu bekommen. Fotos zeigen, wie bewaffnete Sicherheitskräfte Demonstranten abführten. Auf Videos in sozialen Netzwerken, die angeblich aus Almaty stammen sollen, sind Schussgeräusche zu hören. Der sogenannte Anti-Terror-Einsatz dauere an, berichtete der Staatssender Khabar 24.

Aussagen von Kasachstans Kinderrechts-Beauftragter Aruschan Sain zufolge soll in Almaty ein 11 Jahre alter Bub während eines Spaziergangs mit seinen Eltern von einem Schuss getroffen und getötet worden sein. Wer geschossen haben soll, ging daraus nicht hervor.

Kasachstan, das an Russland und China grenzt, erlebt seit Tagen die schwersten Ausschreitungen seit Jahren. Unmut über gestiegene Treibstoffpreise an den Tankstellen schlug in vielerorts friedliche, aber teils auch gewaltsame Proteste gegen die Staatsführung um.

Angesichts der angespannten Lage in Kasachstan ziehen die USA nicht dringend benötigtes Personal aus ihrem Generalkonsulat in Almaty ab. Aussagen von US-Außenminister Antony Blinken sorgten für einen Schlagabtausch mit Russland. Blinken stellte die Entsendung von russischen Soldaten nach Kasachstan infrage. “Manchmal ist es sehr schwer, Russen wieder aus dem Haus zu bekommen, wenn sie erst mal drin sind”, sagte Blinken am Freitag. Das hätte die jüngste Geschichte gezeigt.

Russland warf ihm am Samstag vor, sich über die tragischen Ereignisse in Kasachstan lustig zu machen. “Wenn Antony Blinken Geschichtsstunden so sehr mag, sollte er folgendes berücksichtigen: Wenn Amerikaner in deinem Haus sind, wird es schwer am Leben zu bleiben und nicht ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden”, schrieb das russische Außenministerium auf seinem Telegram-Kanal. “Das hat uns nicht nur die jüngste Geschichte gelehrt, sondern alle 300 Jahre des Staates Amerika.”

Österreich plant derzeit keinen Abzug von diplomatischem Personal. Die Situation werde aber sehr genau beobachtet, so eine Sprecherin des Außenministeriums am Samstag auf APA-Anfrage. Das Außenministerium steh in “laufendem Kontakt” mit den im Land befindlichen Österreicherinnen und Österreichern. Derzeit wisse man von “wenigen Dutzend”, die sich in Kasachstan aufhalten. Es gehe ihnen gut, hieß es. Zuvor war bereits eine Reisewarnung erlassen worden.

Von: APA/Reuters/dpa

Kommentare

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25 Kommentare auf "Unruhen in Kasachstan halten an"


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Dolomiticus
Dolomiticus
Superredner
20 Tage 19 h

Staatsstreich erster Kategorie. Dann folgt die große Säuberung und schließlich findet der erste offizielle Staatsbesuch in Moskau statt. Programm bereits fix.

N. G.
N. G.
Universalgelehrter
20 Tage 17 h

Wofür bekommst du da Minus!?
Wir sehen einen “ganz normalen Vorgang”!

Dagobert
Dagobert
Kinig
20 Tage 15 h

Jo zum Glick hot der brave Putin “Friedenstruppen” entsandt! 😂
Nicht Gleichgesinnte abschlachten nennt man sowas!

quilombo
quilombo
Superredner
19 Tage 19 h

@Dagobert, du bist natürlich auf der Seite der “Friedenstruppen”, die die Nato und die USA nach Syrien, Irak, Afghanistan, Lybien und noch ein paar dutzend anderen Staaten gesandt hat. Z.B. auch nach Corea und Vietnam, usw.
Wenn die Nato überall zum Schlachten geegangen ist, darf man davon nicht auf die Truppen der OVKS schließen.

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
19 Tage 11 h

@Quilombo:
Russland hat ja koreanisches Gebiet im Norden annektiert. Wenn Du als russischer Troll in St.Petersburg sitzt, entgeht Dir das vielleicht…

ahiga
ahiga
Superredner
20 Tage 18 h

Wegen des Konflikts stoppt Deutschland Exporte von Rüstungsgütern in die
frühere Sowjetrepublik. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur
wurden die notwendigen Schritte ergriffen, damit Ausfuhren solcher
Waren nach Kasachstan nicht mehr erfolgen. Im vergangenen Jahr wurden
demnach 25 Genehmigungen für Exporte von Rüstungsgütern nach Kasachstan
mit einem Gesamtwert von rund 2,2 Millionen Euro erteilt. ….

??????????????????????????????????????????
wer versteht den schwachsinn??????

Offline1
Offline1
Universalgelehrter
20 Tage 13 h

@ahiga…solche “Pseudo Stopps” von Rüstungsexporten seiten Deutschlands gab es schon Viele. Erinnere mich an eine Zeit, als ein Solcher über die Ausfuhr von Leopard 2 Panzern verhängt wurde. Diese wurden dann an Italien “verkauft” und von dort weitergeliefert…

N. G.
N. G.
Universalgelehrter
20 Tage 12 h

Ich verstehe den vollkommen!
Hätten die EU, die Nato, nicht angefangrn sich nach Osten zu erweitern… Bräuchten sie heute nicht zu drohen!
Grenzen waren klar, wer hat sie überschritten?
Ist stelle nicht in Frage ob Putin richtig handelt oder despotisch, lediglich, wenn mans weiss, ob das dann in der Art wie es der Westen macht, richtig ist!
Der Westen hat keine Freiheit und dann im Osten noch lauter zu rufen ist Quatsch!

Chrys
Chrys
Superredner
20 Tage 9 h

Warum hat sich die NATO erweitert??? Die NATO hat sich nicht erweitert, viele ehemaligen Staaten die Erfahrung mit der Sowjetunion/Russland hatten, haben sehr schnell verstanden dass sie den NATO Schutz brauchen. Auch die Ukraine oder auch Georgien wollten dies haben. Mann soll sich nicht fragen warum andere deine ehemaligen “Brüder” aufnehmen. Man soll sich fragen warum diese vor dir davon laufen.

Offline1
Offline1
Universalgelehrter
20 Tage 6 h

@N. G…ich glaube, du ignorierst da den Wunsch selbstständiger Staaten, sich der NATO anschließen zu wollen. Mag sein, dass es eine Absprache oder Absichtserklärung zwischen Herrn Putin und der NATO gab, aber das gibt ihm noch lange nicht das Recht, politisch und völkerrechtlich selbstständige Staaten zu unterdrücken und unter seine Fuchtel zu zwingen. Und wie viele Absprachen etc. der nette Herr selber schon großzügig ignoriert hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Unioner
Unioner
Tratscher
20 Tage 13 h

Echte Freunde kann man nicht trennen. Friedenstruppen in Kasachstan. Alles wird wie früher. Die Sowjetunion hatte viele Sowjetrepubliken die immer noch stark verbunden sind.

Chrys
Chrys
Superredner
20 Tage 9 h

Wie in alten Zeiten. Früher hatten sie Ungarn geholfen, dann der Tschechoslowakei. Nunmehr Georgien, dann der Ukraine, später Weißrussland und nun Kasachstan. Welches Land wird das nächste sein, dem geholfen wird.
Lange schafft es Putin nicht mehr.

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
20 Tage 7 h

Friedenstruppen wie beim Prager Frühling.

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
20 Tage 7 h

die russischen Brutalinskis … ein Mythos.

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
19 Tage 8 h

“Echte Freunde kann man nicht trennen.” Mörder und Spitzbuben, die in Saus und Braus leben, ihre Kinder und Enkel im Ausland studieren und einkaufen lassen, und die die Schätze ihres Landes zu Geld verhökern, das in westlichen Steuerparadiesen angelegt wird.

Chrys
Chrys
Superredner
20 Tage 17 h

Kasachstan ist der Uran Lieferant fuer Russland und China und ein Land mit den größten Erdöl- und Erdgasvorkommen. Da war prompte Hilfe nötig denn das Militär war bereits Großteils übergelaufen. 
Es geht eben immer schneller, zuerst Georgien, dann die Ukraine, dann Weißrussland und nun Kasachstan. 

halihalo
halihalo
Universalgelehrter
20 Tage 12 h

und der Westen ist wieder machtlos…wie gelähmt !😤

Chrys
Chrys
Superredner
20 Tage 9 h

Was soll der Westen tun? Russland und China wollen nicht dass sich dort was ändert.

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
20 Tage 4 h

@Halihalo:
Der Westen gelähmt? Was für ein Quatsch. Für die Menschen in den Ländern der ehrmaligen UdSSR hatte der Westen nie eine höhere Attraktivität.

Putin kriegt doch innenpolitisch nichts mehr gebacken und hat Angst, sieht in jedem Verbündeten und Mitstreiter einen potentiellen Attentäter.

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
20 Tage 4 h

Diktatoren enden wie Mussolini, kopfüber.

Chrys
Chrys
Superredner
19 Tage 18 h
Die erste Behauptung stimmt nicht. Fuer die ehemaldigen Sowjetrepubliken ist der Westen sehr attraktiv. Schauen Sie doch wie viele Georgier und Ukrainer bei uns leben und Arbeiten. Schauen Sie, wohin 1989 alle Warschauer Pakt Staaten hingelaufen sind, wie schnell sie diesen aufgelöst haben und wie schnell sie der NATO beigetreten sind. Richtig ist, dass Putin der Wind sehr stark ins Gesicht bläst denn er hat bald überall nur mehr Probleme und riskiert, dass diese alle auf einmal zu Tage treten. Sobald er innenpolitisch Probleme haben wird, werden sich die Georgier Abchasien und Ossetien zurück holen, die Ukrainer die Krim, die… Weiterlesen »
Chrys
Chrys
Superredner
19 Tage 18 h

Leicht möglich. In Weißrussland und in Kasachstan ist das leicht möglich. Man löst aber ein Unrecht nicht mit einem anderen Unrecht.

Doolin
Doolin
Kinig
20 Tage 17 h

…wird er jetzt erschossen?…

Tigre.di.montana
Tigre.di.montana
Superredner
19 Tage 11 h

@Chrys:
“Die erste Behauptung stimmt nicht.”
Du hast mich da sprachlich falsch verstanden. Natürlich ist der Westen für die Menschen in Kasachstan attraktiv.

Chrys
Chrys
Superredner
19 Tage 7 h

@ Tigre.di.montana

OK, zu schnell gelesen. Sorry

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