Hungerstreik findet im Wiener Luxushotel Coburg statt

US-Bürger für gefangene Österreicher im Iran im Hungerstreik

Samstag, 22. Januar 2022 | 09:05 Uhr

Der US-Bürger Barry Rosen war 444 Tage lang Geisel in der US-Botschaft in Teheran. Jetzt trat er im Wiener Palais Coburg, dem Ort der Atomverhandlungen mit dem Iran, in den Hungerstreik. Es handle sich um einen Protest gegen die Willkürhaft im Iran, in der sich auch zwei Österreicher befinden, berichten die “Presse” (Samstagsausgabe) und die “ZiB2” des ORF.

Der 77-Jährige befindet sich laut “Presse” seit Mittwoch im Hungerstreik. Es dürfe keinen Deal mit dem Iran geben, solang das Regime in Teheran nicht alle Doppelstaatsbürger und Ausländer freilasse, die es unter fadenscheinigen Gründen als Unterpfand für Tauschgeschäfte festhalte, forderte er gegenüber der Zeitung. “Meine persönliche Geschichte zwingt mich dazu, gegenüber dem Iran zu sagen: Keine Geiseldiplomatie mehr, das muss vorbei sein”, ergänzte er im Interview mit der “ZiB2” des ORF am Freitagabend. Die USA und die europäischen Staaten forderte er dazu auf, den Druck auf den Iran zu erhöhen.

Rosen war selbst einmal Geisel im Iran. Vom 4. November 1979 bis zum 20. Jänner 1981. Der ehemalige Presseattaché zählte zu den 52 Amerikanern, die nach der Besetzung der US-Botschaft in Teheran 444 Tage lang in Gefangenschaft waren. Rosen ist noch heute traumatisiert von den Scheinhinrichtungen, den Schlägen, den Erniedrigungen und der Angst sowie der Trennung von seiner Familie.

Die Aktion macht Harika Ghaderi Hoffnung. Seit sechs Jahren wartet sie mit ihren drei Kindern in Wien auf die Rückkehr ihres Mannes, Kamran Ghaderi (58). Am 2. Jänner 2016 war der österreichisch-iranische IT-Manager auf dem Flughafen in Teheran verhaftet worden. Nach zwei erzwungenen “Geständnissen” verurteilte ihn ein Gericht wegen angeblicher Spionage zu zehn Jahren Haft.

Harika Ghaderi redet einmal pro Tag mit ihrem Mann. Indirekt. Er darf nicht ins Ausland telefonieren, aber seine Mutter im Iran anrufen. Und in diese Gespräche klinkt sich Harika Ghaderi per WhatsApp und Lautsprecher ein. Vor ein paar Wochen hat ihn das Coronavirus erwischt, wahrscheinlich schon zum zweiten Mal. Im Vorjahr führten die iranischen Behörden erst lang nach den Fieberschüben PCR-Tests durch.

Kamran Ghaderi sitzt im Teheraner Evin-Gefängnis in einer Gemeinschaftszelle mit Massoud Mossaheb, dem Generalsekretär der Österreichisch-Iranischen Gesellschaft, und anderen Ausländern. Die Belegung variiert zwischen zwölf und 16 Personen.

Mossaheb (75) ist schwer krank. Seit 1980 ist er österreichischer Staatsbürger, war einst technischer Leiter der österreichischen Raumfahrtmission Austromir und darbt seit drei Jahren im Evin-Gefängnis. Auch ihn hat ein Gericht nach einem unter Folter erzwungenen “Geständnis” zu zehn Jahren Haft wegen angeblicher Spionage verurteilt.

Das Außenamt in Wien beteuert, sich laufend auf allen Kanälen für die beiden im Iran inhaftierten österreichisch-iranischen Doppelstaatsbürger einzusetzen, für bessere Haftbedingungen und medizinische Betreuung, für deren Freilassung aus humanitären Gründen. Doch Ghaderi und Mossaheb sind noch immer im Gefängnis, von einer diplomatischen Verstimmung ist wegen der beiden Fälle nichts zu bemerken.

“Was wir nur jetzt sehen, ist, dass die stille Diplomatie, wie auch immer sie geführt wird, zu nichts geführt hat”, sagte Mossahebs Tochter Fanak Mani der “ZiB2”. Gemeinsam mit ihrer Schwester Mossaheb Nilufar machte sie auf den schlechten Gesundheitszustand des 75-Jährigen aufmerksam. Er leide “massiv an Nachwirkungen” einer Covid-19-Erkrankung vor gut einem Jahr, sagte Nilufar.

“Die österreichische Regierung ist sehr lax”, sagt die ehemalige US-Geisel Barry Rosen nach einem Treffen mit der Tochter Mossahebs und der Frau Ghaderis in Wien. Er will seinen Hungerstreik fortsetzen. Sein Zimmer im Hotel Coburg ist noch länger gebucht. Barry Rosen hat Unterstützer: Hostage Aid Worldwide und United Against a Nuclear Iran. Ärzte betreuen ihn. Der 77-Jährige will weitermachen. Es ist ihm ein Anliegen. “Wir müssen die Geiseln herausholen. Alle.”

Wie andere autoritäre Regime setzt auch der Iran Gefangene als Druckmittel ein. Experten vermuten einen Zusammenhang mit dem Fall des iranischen Spitzendiplomaten Assadollah A., der im vergangen Mai in einem belgischen Terrorprozess zu 20 Jahren Haft verurteilt worden war. Der in Wien stationierte Diplomat soll einen Anschlag auf iranische Oppositionelle geplant haben. Der Iran-Experte Guido Steinberg wies im Vorfeld des Urteils darauf hin, dass dieses Folgen für die im Iran inhaftierten Österreicher haben könnte. Teheran könnte versuchen, den Diplomaten mit einem “Gefangenenaustausch” freizupressen, so Steinberg im APA-Interview. Er illustrierte das Vorgehen des Regimes mit einem Fall in Thailand, wo zwei iranische Geheimdienstmitarbeiter aufgeflogen seien. Diese habe das Regime im Austausch für eine iranisch-australische Mitarbeiterin freibekommen. “So läuft es immer ab”, sagte er.

Von: apa