Wendelin Weingartner wird 85 - regierte Nordtirol von 1993 bis 2002

Landeshauptmann des Umbruchs in bewegten Zeiten

Sonntag, 06. Februar 2022 | 07:05 Uhr

Der barocke oder landesfürstliche Landesvater war er nie – und wollte er ebenso wenig sein wie der kumpelhafte und hemdsärmelige Volkstribun. Mit ihm war Tirol endgültig in der Nach-Ära des ebenso legendären wie langjährigen Landeshauptmannes und ÖVP-Übervaters Eduard Wallnöfer angekommen. Wendelin Weingartner war ein Landeshauptmann der Öffnung und des Umbruchs, der damals “neuen Zeiten”. Morgen, Montag, wird er 85 Jahre alt.

Von 1993 bis 2002 regierte der Jurist aus schwarzem Elternhaus Tirol. “Es war der Abschied von der Wallnöfer-Ära”, hatte Weingartner selbst seine Zeit im APA-Interview vor fünf Jahren anlässlich seines 80. Geburtstages resümiert. Sein Vorgänger Alois Partl sei noch unter die Ära des Tiroler-Langzeitlandeshauptmannes zu subsumieren gewesen. Weingartners Amtszeit fiel in bewegte, nationale wie internationale, Zeiten -in die Zeit des österreichischen EU-Beitritts und der damit einhergehenden Internationalisierung, der Jahre des tatsächlichen Abgesangs auf eine von Rot und Schwarz dominierte Republik aufgrund des unaufhaltsamen Aufstiegs der FPÖ unter Jörg Haider.

Ein klassischer Parteimann mit dem Nachweis der entsprechenden “Ochsentour” in den Strukturen war der gebürtige Innsbrucker mit Südtiroler und Osttiroler Wurzeln nie. Obwohl er durchaus als ein ideologisch gefestigter, in der Wolle gefärbter Schwarzer galt. Den “Aufbruch in der Partei” zählte Weingartner dann auch in der Rückschau zu seinen bleibenden Verdiensten. Den Einfluss der Bünde drängte er – zumindest nach außen – zurück, aus der Tiroler Volkspartei wurden in erster Linie die “Wir Tiroler”.

Seit dem Jahr 1963 arbeitete Weingartner – bis auf zwei Jahre am Verwaltungsgerichtshof in Wien – durchgehend im Landesdienst. “Mein Vater sagte, du gehst als Jurist zum Land, dort bist du sicher aufgehoben”, erinnerte er sich einmal. Karrieremäßig ging es stetig nach oben. 1984 wurde er Vorstandsvorsitzender der Hypo Tirol, im Jahr 1989 folgte der Wechsel in Partls Kabinett als Wirtschafts-, Tourismus- und Finanzlandesrat. 1991 wurde er Landesparteiobmann. Der Wirtschaftsbündler und Banker signalisierte Aufbruch und Modernisierung. 1992 gab Partl schließlich bekannt, bei der Landtagswahl 1994 nicht mehr als Spitzenkandidat anzutreten und sein Amt wenige Monate vor der Wahl zu verlassen. Am 24. September 1993 wurde Weingartner vom Landtag zum Nachfolger gewählt.

Bei der Landtagswahl 1994 gelang es der ÖVP, entgegen aller Prognosen erneut die absolute Mandatszahl im Landtag zu halten. Trotz prozentueller Stimmenverluste erreichte die Volkspartei 19 der 36 Sitze. Bei der Landtagswahl 1999 musste die ÖVP dann aber den Verlust des 19. Mandates und damit der absoluten Mehrheit hinnehmen.

Wie ein (letztlich bis heute ungelöster) roter Faden zog sich die Transitproblematik durch die Amtszeit Weingartners. Mit der gegen Widerstände durchgesetzten Unterinntalbahn konnte jedoch ein politischer Erfolg verbucht werden.

Auch die Europäisierung Tirols, das Denken “über die Nordkette hinaus”, gehöre auf seine Habenseite, meinte Weingartner einmal. Er legte mit einen Grundstein für die Europaregion Tirol bestehend aus dem Bundesland Tirol, Südtirol und dem Trentino. In diesem Bereich ging der Intellektuelle Weingartner auf, die Südtirol-Politik war ihm zudem schon allein aufgrund seiner familiären Herkunft – seine Mutter war Südtirolerin – ein besonderes Anliegen.

Ein solches grenzüberschreitendes Herzensanliegen Weingartners läutete dann aber auch ab dem Jahr 2001 dessen politisches Ende ein. Der Landeshauptmann wollte eine Fusion der landeseigenen Hypobank mit der Südtiroler Sparkasse zu einer Holding mit Sitz in Bozen. Es entbrannte ein heftiger parteiinterner Konflikt – Weingartner hatte (polit)-überlebenswichtige Player wie den Bauernbund gegen sich. Auch sein damaliger LHStv. und Parteichef Ferdinand Eberle stemmte sich dagegen. Die Partei war in zwei Lager gespalten, Eberle gab im Oktober 2001 den Parteivorsitz an Herwig Van Staa ab.

Bereits im Jahr 2000 hatte Weingartner seinerseits den Parteivorsitz abgegeben. Bis 2004 wollte er Landeschef bleiben, doch wohl auch den geänderten (parteiinternen) Verhältnissen geschuldet, entschloss er sich 2002 zum vorzeitigen Rückzug. Es war ein Abschied, den er das Jahr über ein wenig hinauszog, Van Staa scharrte schon in den Startlöchern.

Seit dem Ende seiner politischen Karriere tritt Weingartner öffentlich relativ selten in Erscheinung, ist aber mitunter weiter bei gesellschaftlichen Anlässen oder Parteiveranstaltungen zu sehen. Mit Kommentaren zum politischen Geschen hält er sich weitgehend zurück. Nach dem Ausscheiden aus der Politik beteiligte sich der verheiratete vierfache Vater etwa an Unternehmen im IT-Bereich.

 

Von: apa