Regionen im Norden weitgehend zerstört

Weiter Notstand im Irak: 2,6 Millionen intern Vertriebene

Sonntag, 18. Februar 2018 | 06:28 Uhr

Nach dem Fall des sogenannten Islamischen Staates (IS) im Irak im Oktober 2017 herrscht in Teilen des Landes immer noch Notstand. “2,6 Millionen intern Vertriebene warten auf Heimkehr, doch diese bleibt vielen aus Sicherheitsgründen und fehlender Infrastruktur versperrt”, so Carla Brooijmans, Einsatzleiterin der NGO “Ärzte ohne Grenzen” (MSF), im APA-Interview.

“Bei Luftangriffen wurden tausende Häuser, manchmal ganze Stadtteile zerstört. Manche Häuser wurden als Militärbasen des Islamischen Staates verwendet. In vielen Wohnungen liegen noch immer Sprengfallen”, erläutert Brooijmans. “Auch die Infrastruktur ist stark beschädigt. Darunter leidet eine ganze Reihe von Dienstleistungen – auch die medizinische Versorgung ist sehr eingeschränkt. Lebensmittel, Medikamente und andere Güter sind ungleichmäßig verteilt.”

“Ärzte ohne Grenzen” berichtete bereits im Oktober 2017, dass die Bevölkerung im Irak vermehrt an Darminfektionen und Lebensmittelvergiftungen leide, da der Zugang zu sauberem Wasser und die Stromversorgung nicht gewährleistet seien. “Dazu kommen Verletzungen, die durch ausgelöste Sprengfallen oder versteckte Sprengstoffe entstehen, Kriegsverletzungen, die schwere Operationen erfordern und ein großes Spektrum von psychologischen Störungen: posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Schizophrenie und Angststörungen,” so Brooijmans.

Die Einsatzleiterin, die für die Regionen Kirkuk und Diyala verantwortlich ist, schildert eine Alltagsszene aus den Nachkriegsmonaten: “In Kirkuk, wo Ärzte ohne Grenzen schon länger im Einsatz sind, gibt es mehrere Einrichtungen und Camps für intern Vertriebene. Viele Bewohner flüchteten nachts aus Hawija, einer der letzten zurückeroberten Ortschaften, die etwa 60 km von Kirkuk entfernt ist. Völlig erschöpft erreichten uns diese Menschen am nächsten Tag, nach einem langen Fußmarsch. Auch Landminen lagen noch auf diesem Weg. Oft trudelten bei uns Mütter mit kleinen Kindern ein – alle barfuß.”

“Ärzte ohne Grenzen” bietet intern Vertriebenen im Irak spezielle Camps mit voller medizinischer Versorgung und einem sicheren Unterschlupf an. “Wir sorgen dafür, dass diese Menschen nicht zusätzlich stigmatisiert werden. Vielen, die erst Monate nach dem Krieg nach Hause zurückkehren, könnte in ihrer Nachbarschaft Kollaboration mit dem Islamischen Staat vorgeworfen werden”, befürchtet Brooijmans. Trotzdem sehe sie bereits erste positive Entwicklungen im Normalisierungsprozess, den der Irak jetzt intensiv durchmacht. Auch die Konferenz zum Wiederaufbau des Iraks, die kürzlich in Kuwait stattgefunden hat, bezeichnet Brooijmans als eine wichtige Initiative. Diese sei aber “erst der Anfang eines massiven Wiederaufbaus.”

Auf die Frage, was sie von den am Mittwoch veröffentlichten Berichten über sexuelle Missbrauchsfälle innerhalb der Organisation hält, sagt die NGO-Vertreterin: “Der Schock war für uns alle groß. Ich glaube aber, dass wir ein gutes System haben und dass diese Fälle transparent und korrekt abgewickelt werden.” Bei “Ärzte ohne Grenzen” habe es vergangenes Jahr 24 bestätigte Fälle von sexueller Belästigung oder Missbrauch gegeben, teilte die Organisation am Mittwoch in Paris mit. 19 Mitarbeiter seien daraufhin entlassen worden.

“Ärzte ohne Grenzen” (MSF) sind seit 27 Jahren im Irak aktiv und haben ihre Einrichtungen in sieben Gouvernements: Erbil, Diyala, Ninawa, Kirkuk, Salah ad-Din und Anbar. In 25 Einrichtungen arbeiten etwa 1.500 Mitarbeiter, davon 150 internationale Fachkräfte. Carla Brooijmans ist seit Mai 2017 im Irak.

Von: apa