Die Proteste am Mittwoch verlaufen einstweilen friedlich

Weitere Proteste in Katalonien

Mittwoch, 16. Oktober 2019 | 15:03 Uhr

Die katalanische Unabhängigkeitsbewegung hat am Mittwoch ihre Proteste gegen die harten Gerichtsurteile für neun katalanische Separatistenführer fortgesetzt. In fünf Städten der Region im Nordosten Spaniens beteiligten sich zahlreiche Bürger an “Märschen für die Freiheit”, die am Freitag in Barcelona zusammenfließen sollen. Dabei blieb es zunächst friedlich.

In den vergangenen Tagen war es in Barcelona und anderen Orten zu gewalttätigen Aktionen und schweren Zusammenstößen mit der Polizei gekommen. Allein in der Nacht auf Mittwoch seien 51 Menschen festgenommen und mindestens 125 verletzt worden, berichtete das spanische Fernsehen. Unter den Verletzten waren auch zahlreiche Polizisten. Teils vermummte Demonstranten setzten unter anderem Barrikaden und Kartons in Brand und warfen Böller und Flaschen auf die Sicherheitskräfte. Diese setzten unter anderem Schlagstöcke ein, um die Menge zurückzuhalten.

Die spanische Regierung von Ministerpräsident Pedro Sánchez verurteilte die Krawalle scharf. “Es ist offensichtlich, dass wir es nicht mit einer friedlichen Bürgerbewegung zu tun haben, sondern mit einer Bewegung, die von Gruppen koordiniert wird, die Gewalt auf der Straße einsetzen, um das Zusammenleben in Katalonien zu stören”, hieß es in einer Mitteilung, in der Madrid die “Akte des Vandalismus” in verschiedenen Teilen der Region beklagt.

Die Proteste gingen am Mittwochvormittag zunächst weiter. Ein Hochgeschwindigkeitszug wurde nach Angaben der Madrider Regierung blockiert. In Barcelona waren mehrere Straßen wegen Reinigungsarbeiten nach den nächtlichen Krawallen gesperrt.

Medienberichte, wonach die Regierung damit auch die erneute Anwendung des Verfassungsartikels 155 und somit eine Zwangsverwaltung für die abtrünnige Region angedroht habe, wies Innenminister Fernando Grande-Marlaska zumindest vorläufig zurück. Im Zuge des von den Institutionen des Zentralstaates untersagten Abspaltungsreferendums vom Oktober 2017 hatte die damalige konservative Regierung diese Maßnahme erstmals ergriffen.

Die Hauptkompetenz in Sicherheitsfragen liege bei den Mossos d’Esquadra (der Polizei von Katalonien), die die Situation bisher zufriedenstellend koordiniere, so der Minister. “Daher scheint jedes andere Instrument unklug.” Jedoch forderte Grande-Marlaska Regionalchef Quim Torra auf, die Gewalt klar zu verurteilen.

Die vom Obersten Gericht in Madrid wegen Aufruhrs zu langjährigen Haftstrafen verurteilten Separatistenführer distanzierten sich in sozialen Netzwerken von der Gewalt. Der ehemalige Vize-Regionalchef Oriol Junqueras, der 13 Jahre Haft bekam, schrieb auf Twitter: “All unsere Unterstützung für die Mobilisierungen und die friedlichen Märsche. Gewalt repräsentiert uns nicht.”

Die neun Verurteilten – ehemalige Spitzenpolitiker aus der reichen Region und zwei Anführer von zivilen Organisationen – saßen seit zwei Jahren in Untersuchungshaft. Medienberichten zufolge können sie erst dann Vollzugslockerungen – also Freigang – bekommen, wenn sie ein Viertel der Haft verbüßt haben. Ex-Regionalpräsident Carles Puigdemont war 2017 nach Belgien geflohen und stand nicht vor Gericht. Die spanische Justiz hatte am Montag einen internationalen Haftbefehl für ihn reaktiviert.

Sánchez wollte am Mittwoch mit den Chefs der Oppositionsparteien in Madrid zusammenkommen, um über die Situation zu beraten. Auf Twitter sprach er von einer “entschlossenen und nachdrücklichen Verurteilung der Gewalt, die das Zusammenleben in Katalonien zerstören soll”.

Die Unruhen in Katalonien haben indes auch Auswirkungen auf den Spielplan der spanischen Fußballliga. Der für 26. Oktober angesetztes “Clasico” zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid soll vom Barca-Heimstadion Camp Nou in Reals Estadio Bernabeu verlegt werden, beantragte die Fußball-Liga am Mittwoch beim nationalen Verband. Dafür soll das zweite Meisterschafts-Duell der beiden Erzrivalen im März 2020 in Barcelona und nicht in Madrid stattfinden. Der FC Barcelona unterstützt die Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens.

Von: APA/dpa